Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
im Jahr 1792, drei Jahre nach dem Beginn der Französischen Revolution, schrieb Wilhelm von Humboldt als 25-Jähriger die Schrift: „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“. Humboldts zentrale These war, dass der Staat sich nicht um das positive Wohl seiner Bürger, sondern nur um das negative Wohl seiner Bürger kümmern soll. Humboldt schrieb: „der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger, und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; zu keinem anderen Endzwecke beschränke er ihre Freiheit.“ In einem Brief an Gentz schrieb Humboldt 1791: „das Prinzip, dass die Regierung für das Glück und das Wohl, das physische und das moralische, sorgen muss, ist gerade der drückendste und ärgste Despotismus.“ (entnommen der Wiederauflage der genannten Schrift im Verlag Freies Geistesleben, 1962, Nachwort von Dietrich Spitta; z. Zt. ist die Schrift in Reclams UB erhältlich).
Im 19. Jahrhundert entstand eine Technik, die unser Leben immer stärker beherrscht, und gleichzeitig entstand wie eine Art von „Allheilmittel“ für alle Probleme „der dogmatische Glaube an die Allmacht der Einheitsstaates“, wie es R. Steiner am 11.6.1922 beim Ost West Kongress in Wien formulierte (GA 83). Dieser Glaube an die Allmacht des Einheitsstaates ist das Kernproblem der sozialen Frage. Dieses Problem muss immer besser durchschaut werden. Humboldt wollte die Macht des Staates begrenzen. Sein Gedanke war ein Keim zu dem, was R. Steiner als Dreigliederung des sozialen Organismus begründete (GA 23, Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft). Prinzipiell gesprochen gehört dem Staat nur ein Drittel des ganzen sozialen Organismus. Die anderen zwei Drittel gehören jeweils zum Wirtschaftsleben und zum Geistesleben. Das Gesundheitswesen gehört ins Geistesleben und sollte vom Staat und von der Wirtschaft getrennt sein.
In der Zeit des atomaren Wettrüstens trafen sich im Jahr 1961 Chruschtschow und Kennedy und im Jahr 1973 trafen sich Breschnew und Nixon. Jedes Mal wurde ein „rotes Telefon“ eingerichtet, damit die beiden kurz vor dem „großen Knall“ noch telefonieren könnten. Dürfen zwei Männer so viel Macht über die ganze Menschheit und die Zukunft der Erde haben? Soviel Macht hatten sie nur dadurch, dass weltweit die Allmacht des Einheitsstaates herrschte und weiter herrscht.
Vor einigen Monaten wäre es fast dazu gekommen, dass die USA einen Krieg gegen Iran geführt hätten. Im letzten Moment besann sich der amerikanische Präsident D. Trump eines Besseren und der Krieg kam dann doch nicht zustande. Soviel Macht hat der amerikanische Präsident wegen der Allmacht des Einheitsstaates.
Dasselbe Problem haben wir jetzt bei der Corona Krise erlebt. Immerhin, könnte man sagen, wollte der Staat während der Corona Krise für die Gesundheit seiner Bürger, für das Leben jedes einzelnen Menschen sorgen. Er wollte, und da fängt im Sinne Humboldts das Bedenkliche schon an, für das positive Wohl seiner Bürger sorgen. Man könnte denken, es sei doch gut, wenn der Staat sich um seine Bürger kümmert. Aber man braucht ja nur an die Verhältnisse in der DDR zu erinnern, wo sich der Staat um das physische und moralische Wohl seiner Bürger kümmerte, wie stark da die Freiheit unterdrückt worden ist und wie letztlich eine schreckliche Gleichmacherei herauskam.
Nach den dramatischen Corona-Ereignissen in Italien sah man zunächst ein, dass das öffentliche Leben eingeschränkt worden ist. Je länger aber der lockdown dauerte, desto weniger plausibel wurde er. Desto mehr stellte man fest, dass die Deutung der Reproduktionszahl, dass Begriffe wie Infektion, Krankheit, Mortalität und Letalität, Tod durch Corona oder Tod mit Corona usw in jedem einzelnen Fall so hingedreht worden sind, dass die Bevölkerung möglichst eingeschüchtert werden sollte.
Das Prinzip, für das positive Wohl der Bürger zu sorgen, sollte man konsequent zu Ende denken. Nach demselben Prinzip müsste man nämlich den Alkohol oder den Tabak verbieten. Der Alkohol zerstört nicht nur denjenigen, der ihn konsumiert, sondern auch seine Mitmenschen. 7,5 % der Verkehrstoten sind auf Alkohol am Steuer zurückzuführen. Alkohol zerstört auch die soziale Umgebung eines Alkohol Kranken (seine Ehe, seine Familie und sein berufliches Umfeld). Der Straßenverkehr überhaupt müsste verboten werden. Im Straßenverkehr entstehen viel zu viele Tote. Ihre Zahl steigt täglich. Ebenfalls müssten alle Risiko-Sportarten verboten werden: z. B. Bergsteigen, Klettern oder Paragliding. Die Höhenkrankheit bei Trekking Touren in Nepal, die Taucherkrankheit beim Tauchsport auf den Malediven, das ist alles viel zu gefährlich, da ereignen sich viel zu viele Todesfälle.
An diesen Beispielen sieht man, dass es der Staat bei vielen Problemen richtig macht: er überlässt das Krankheits–, Unfall- und Sterberisiko im Einzelfall dem einzelnen Menschen. So hätte er es bei der Corona Krise auch machen müssen. Er hätte sagen können: wir helfen Dir, wenn Du zuhause bleiben willst. Wir bereiten alles vor, damit die Krankheit optimal behandelt werden kann (Sorge für das negative Wohl). Wir schützen die Gefährdeten. Aber der Staat kann nicht sagen: Du musst zuhause bleiben, damit Du Dich nicht ansteckst (positives Wohl des Bürgers).
Taxiunternehmer müssen jetzt einen Umsatzrückgang von 90% verkraften. Man schätzt, dass etwa 25% dieser Unternehmen pleitegehen. Viele davon sind Kleinstunternehmer. Wieviel Niedergang, wieviel Enttäuschung und Verzweiflung spiegelt sich allein in dieser Branche. Die Taxikunden, die jetzt ausbleiben, haben ebenfalls keine Arbeit mehr und erleben denselben Niedergang. Ich würde gern einmal wissen, ob der lockdown durchgeführt worden wäre, wenn die Beamten des Innenministeriums, die mit ihrem Thesenpapier zum lockdown die „erwünschte Schockwirkung“ bei den Menschen erreichen wollten, wenn diese Beamten von heute auf morgen ebenfalls 90 % weniger Gehalt bekommen hätten wie die Taxifahrer. Wenn Jens Spahn und Angela Merkel ebenfalls von heute auf morgen nur noch 10% ihrer bisherigen Bezüge erhalten hätten. Das wäre gerecht gewesen nach dem Prinzip: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Danach müsste sich der Staat richten. Das ist der Kern des Rechtslebens: quod tibi, hoc alteri.
Der Staat hat das Wirtschaftsleben in beispielloser Weise zerstört, also gerade den Bereich, wo er in einem gesunden sozialen Organismus nichts zu suchen hat. Ebenfalls hat er den dritten Bereich des sozialen Organismus, von dem er sich zurückhalten müsste, nämlich das Geistesleben und die Kultur niedergelegt: keine Schule, keine Hochschule, kein Konzert, kein Theater, keine Oper, kein Kino, keine Museen, kein Festival, kein Gottesdienst. Ein Zynismus der Kulturzerstörung wie er seit Robespierre und Lenin nicht mehr vorgekommen ist.
Der Staat hat bei der Corona Krise das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit des einzelnen Menschen niedergetreten. Ich referiere aus dem Editorial von Gerold Aregger in Heft 2/2020 der schweizerischen anthroposophischen Zeitschrift „Gegenwart“, (Thema „Die Corona Prüfung“, zu bestellen bei
Herzlich Ihr Friedwart Husemann