Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Kritiker der Anthroposophie sind der Meinung, dass R. Steiner seine höheren Fähigkeiten sich eingebildet habe, um Anhänger zu gewinnen, um ein berühmter Mensch zu werden, um Macht auszuüben oder seine Geltungssucht zu befriedigen usw. Diese Voraussetzungen sind falsch, denn an der charakterlichen Lauterkeit R. Steiners, an seiner Ehrlichkeit und an seinem guten Willen ist nach den Berichten sehr vieler, auch kritischer Zeitgenossen nicht zu zweifeln.
Dennoch bleibt ein gewisses Problem. Wenn man nämlich ernst nimmt, was R. Steiner alles konnte und wenn man überblickt, was er alles getan hat, dann muss man zugeben, dass seine Fähigkeiten überragend waren. Weit überragender als sonst ein Mensch überragend gewesen ist. Das ist das Problem. Beethoven oder Goethe waren bedeutende Menschen mit hohen Fähigkeiten. Aber bei Beethoven kann man z. B. auch der Meinung sein, dass Mozart ein ebenso großer Komponist gewesen sei. Goethe hat wunderschöne Gedichte geschrieben, aber Hölderlin, Mörike und C.F. Meyer, Anette von Droste Hülshoff und Nelly Sachs können ihm oftmals das Wasser reichen. Solche Vergleiche gehen bei R. Steiner ins Leere. Er war für das 20. Jahrhundert und sicherlich auch für weitere Jahrhunderte einzigartig. Je ernster man seine Leistung nehmen kann, desto deutlicher ist dies.
Was liegt hier vor? Wie kam diese Erhöhung R. Steiners im 20. Jahrhundert zustande und welchen Sinn hatte sie? Das hängt damit zusammen, dass wir mit dem Materialismus im 19. Jahrhundert einen Tiefpunkt erreicht haben, aus dem wir uns jetzt wieder erheben müssen. Die Kultur ging abwärts und geht äußerlich betrachtet weiter abwärts, aber seit dem Ende des finsteren Zeitalters im Jahre 1899 steht die geistige Welt wieder offen (GA 118, 27.1.1910; GA 266/3, 30.12.1923). Es kann wieder aufwärts gehen. Deswegen haben höhere Mächte diese unglaubliche Fülle von Fähigkeiten für R. Steiner zur Verfügung gestellt. R. Steiners hohe Fähigkeiten waren eine geschichtliche Notwendigkeit. Man darf nicht meinen, dass sie nur persönlich erworben worden sind. Wobei ich den persönlichen Anteil R. Steiners natürlich nicht verkleinern will.
Um dies zu verstehen, bringe ich drei Beispiele dafür, wie in den vergangenen Jahrhunderten so etwas wie die Anthroposophie ersehnt worden ist.
Der römische Kaiser Julian Apostata (332 – 363) wollte das Christentum mit den Mysterien verbinden. Das ging damals nicht. R. Steiner bezeichnete sein Streben in dieser Richtung als „welthistorischen Wahn“ (GA 181, 16.4.1918). Erst durch die Anthroposophie, also anderthalb Jahrtausende später, konnte Julians Ziel verwirklicht werden. Die Individualität Julians ist sehr bedeutend, R. Steiner hat ihre wiederholten Erdenleben erforscht (GA 238, 16.9.1924). Stellen Sie sich vor, wieviel diese Individualität dem Wirken R. Steiners von der geistigen Welt aus helfen konnte! Davon spricht R. Steiner für einzelne Mitglieder der Michaelschule gerade im Hinblick auf Julians Individualität ausdrücklich (ebenda).
Eine ganz andere Individualität war der Ketzer Girolamo Savonarola in Florenz (1452 – 1498). Nach R. Steiners Auffassung lebte das „ewige Gewissen des Christentums“ (GA 108, 27.10.1908) in seinem Reformeifer und Überzeugungsmut, aber dennoch blieb sein Werk völlig wirkungslos. Warum? Weil er das Christentum nur äußerlich kannte und ihm die esoterische Vertiefung des Christentums fehlte. Erst die Anthroposophie konnte diese Vertiefung bringen: „Die Gestalt des Savonarola ist wie ein fernes, in die Zukunft leuchtendes Zeichen, was die Anthroposophen lehren soll, nicht mit den Mitteln, mit welchen man damals glauben konnte, das Christentum wiederzufinden, sondern das Christentum mit den Mitteln der anthroposophischen Geisteswissenschaft wiederzufinden. Man kann als Anthroposoph viel an dieser Gestalt lernen“ (ebenda). Wie bei Julian Apostata war es also auch bei Savonarola: erst durch die Anthroposophie wurde seine eigentliche Absicht erfüllt.
Wieder eine ganz andere Individualität war Heinrich von Kleist (1777 – 1811). Er war nach R. Steiner „der Dichter der Sehnsucht“ (GA 132, 21.11.1911, gesprochen an Kleists 100. Todestag). Er endete tragisch durch Selbstmord. Der tiefere Grund dafür war, dass ihm die Anthroposophie als „Bringerin der Erlösung“ (ebenda) noch fehlte.
Anthroposophie ist die „Menschensehnsucht der Gegenwart“ (GA 234, 19.1.1924), und sie ist die Sehnsucht der besten, nach dem Geiste strebenden Menschen seit vielen Jahrhunderten. Durch R. Steiner brachte die geistige Welt wieder etwas hervor, was Jahrhunderte lang um der Freiheit des Menschen willen hatte verborgen werden müssen. Weil in den vergangenen Jahrhunderten sich so viel Sehnsucht nach dem Geist angestaut hatte, mussten dann die Fähigkeiten desjenigen, der diesen Geist brachte, plötzlich so unbegreiflich hoch erscheinen. So wie es Christian Morgenstern ausdrückte:
Für Dr. Rudolf Steiner
So wie ein Mensch, am trüben Tag, der Sonne vergisst,
-sie aber strahlt und leuchtet unaufhörlich,
-so mag man Dein an trübem Tag vergessen,
um wiederum und immer wiederumerschüttert, ja geblendet zu empfinden,
wie unerschöpflich fort und fort und fort
Dein Sonnengeistuns dunklen Wandrern strahlt.
Für wen also hatte R. Steiner seine höheren Fähigkeiten? Gerade nicht für sich selbst, damit er ein berühmter Mann werde, damit er Anhänger um sich schare und sonstige egoistische Motive ausleben konnte, sondern er hatte diese Fähigkeiten für uns, damit wir aus der Talsohle des Materialismus wieder herauskommen. Wenn R. Steiner es nicht gewesen wäre, dann wäre es eine andere Individualität gewesen. Irgendeine Rettung in dieser Form, wie sie R. Steiner brachte, musste kommen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
Rudolf Steiner hat sich viel Mühe gegeben, die Wissenschaftlichkeit der von ihm verfolgten Methode klarzulegen, siehe dazu meine beiden Rundbriefe vom 3. und 12.1.2020. Hier nun ein drittes Beispiel.
Historischer Hintergrund für die folgenden Darlegungen war der Vortrag vom 30.12.1922 (GA 219), wo R. Steiner das Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zur Bewegung für religiöse Erneuerung darstellte. Dieser Vortrag sorgte für viel Wirbel in beiden Bewegungen. Für die damals erst 3 Monate alte Christengemeinschaft war er ein Desaster: während zu Weihnachten 1922 die Menschenweihehandlungen voll von Besuchern waren, waren sie 1923 fast leer. Emil Bock meinte nach dem Vortrag (siehe Wolfgang Gädeke „Anthroposophie und die Fortbildung der Religion“, 1990, S. 316), jeder müsse sich unabhängig von R. Steiner sein eigenes Urteil bilden.
Und darauf antwortete R. Steiner: man könne sich gar nicht ein abhängiges Urteil von ihm bilden, denn „er wird immer so sprechen, dass auch, wenn er gesprochen hat, der einzelne sogar gezwungen ist, sich sein eigenes Urteil zu bilden, weil ihm die Möglichkeit der Bildung eines abhängigen Urteils gar nicht gegeben ist“ (GA 257, 30.1.1923). Bei allen geisteswissenschaftlichen Mitteilungen sei dies so. Urteile würde er (R. Steiner) eigentlich nur bei der Abwehr gegnerischer Meinungen mitteilen. Alle anderen Mitteilungen, die er mache, seien Tatsachen, die den Prozess der doppelten Umschmelzung eines Urteils durchlaufen haben. Was hat er damit gemeint? Und wie ist es möglich, dass wir sogar dazu gezwungen sind, uns ein eigenes Urteil zu bilden, das unabhängig von R. Steiner ist?
Der Geistesforscher schaut beispielsweise eine übersinnliche Tatsache und bildet sich darüber ein Urteil. In diesem Stadium darf er die geschaute Tatsache anderen Menschen noch nicht mitteilen, sondern er muss sie für sich behalten. Er muss das gewonnene Urteil ohne Zustimmung oder Ablehnung auf sich beruhen lassen. Dann merkt er, dass das Urteil und die übersinnliche Tatsache sich entfernen, sie verschwinden ins Unterbewusste und bleiben dort oft viele Monate oder Jahre. Dort erfährt das Urteil seine erste Umschmelzung und Verwandlung. Dann taucht es wieder auf und der Forschende merkt, er hat sich von dem ersten Urteil innerlich entfernt. Auch wenn es inhaltlich sich nicht geändert hat, steht das umgeschmolzene Urteil einerseits objektiver und entfernter, andererseits mit mehr innerlicher Wärme vor der schauenden Seele. Die Egoität, die dem ersten Urteil noch anhaftete, ist aus dem zweiten Urteil herausgeschmolzen. Dann kommt die zweite Umschmelzung des Urteils, damit das Urteil eine dritte Gestalt annehmen kann. Durch diese zweite Umschmelzung merkt der Schauende, dass das Urteil bei der übersinnlichen Tatsache selbst gewesen ist: „…zwischen dem ersten und dem zweiten Umschmelzen ist das Urteil untergetaucht in die objektiv geistige Tatsache oder in die objektiv geistige Wesenheit, und man merkt: die Sache selber gibt einem mit dieser dritten Gestalt das Urteil, das eben eine Anschauung ist, zurück.“
Die Stufen der höheren Erkenntnis erwähnte R. Steiner hier nicht, aber es ist offensichtlich, dass die doppelte Umschmelzung eines Urteils ein anderer Aspekt für das Durchlaufen der Stufen der höheren Erkenntnis ist. Erste Umschmelzung: von der Imagination zur Inspiration. Wie Sie im vorigen Brief gehört haben: das Beispiel von der liebreizenden Gestalt, die einem allerlei schöne Versprechungen macht, die aber in die eigene Eitelkeit sich verwandelt, wenn das Urteil zum ersten Mal umgeschmolzen worden ist. Zweite Umschmelzung: von der Inspiration zur Intuition. Intuitiv ist das erkennende Ich bei der übersinnlichen Tatsache selbst gewesen und hat sich mit ihr verbunden.
Und nun die Gewissensfrage: wer von uns würde, wenn er heute zu irgendeiner anthroposophischen Aussage R. Steiners gefragt wird, nicht ganz genau so antworten wie damals Emil Bock? Welche Bedeutung hat es, dass R. Steiner selbst sein Urteil zweimal umgeschmolzen hat, bevor er etwas sagte, und wir andererseits gezwungen sind, uns sofort ein eigenes Urteil zu bilden? Das sollte zumindest die Folge haben, dass auch wir bereit sind, unser eigenes Urteil umzuschmelzen. Wie oft haben wir irgendetwas bei Steiner nicht verstanden, waren schockiert oder verwirrt, und einige Jahre später haben wir es dann doch verstanden. Das waren solche Umschmelzungen unseres Urteils. Man kann es auch so sagen, dass wir unsere Meinung geändert haben oder auch so, dass wir in unserem Verständnis fortgeschritten und in das Wesen der Anthroposophie ein Stück weiter hineingewachsen sind.
Zu diesem Problem möchte ich noch einen weiteren Aspekt hinzufügen, auf den mich Paul-Steffen Garn aus Saarbrücken dankenswerterweise aufmerksam machte: "Daher ist es so, dass es heute ankommt auf das richtige Fragen, das heißt auf das richtige Sich-Stellen zu dem, was als spirituelle Weltanschauung verkündet werden kann. Kommt ein Mensch bloß aus der Stimmung des Urteilens, dann kann er alle Bücher und alle Zyklen und alles lesen - er erfährt gar nichts, denn ihm fehlt die Parzival-Stimmung. Kommt jemand mit der Fragestimmung, dann wird er noch etwas ganz anderes erfahren, als was bloß in den Worten liegt. Er wird die Worte fruchtbar mit den Quellkräften in seiner eigenen Seele erleben" (GA 148, 06. Januar 1914, S. 157).
Aus der „Stimmung des bloßen Urteilens“, mit der man alle Zyklen lesen kann, aber doch nichts versteht, entstehen diese merkwürdigen Meinungen, mit denen wir uns in letzter Zeit beschäftigt haben, dass R. Steiner sich sein Hellsehen lediglich eingebildet habe, um Macht und Einfluss und Anhänger zu gewinnen, dass R. Steiner Rassist gewesen sei usw. Wenn die Fragestimmung fehlt, wenn man nur urteilend und wortklauberisch oder um der eigenen Karriere willen oder nur beruflich sich mit R. Steiner beschäftigt, dann kommen die groteskesten Fehlurteile über R. Steiner und die Anthroposophie zustande. Hier liegt einer der schwierigsten Punkte der anthroposophischen Bewegung überhaupt: wie können wir im Vertreten der Anthroposophie jene Fragestimmung repräsentieren und dadurch im Zuhörer oder Leser erwecken? Sicherlich nicht nur dadurch, dass wir naiverweise lauter Fragen stellen, nach denen niemand gefragt hatte. Die Aufgabe, die hier zu leisten ist, ist viel schwerer.
R. Steiner hat es uns vorgemacht, wir können es von ihm lernen. Das Buch „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ enthält die erwähnte Parzival-Stimmung. Diese Seite dieses Buches ist unter Anthroposophen wenig bekannt, daher bringe ich darüber eine längere Passage: „Zu der «Wissenschaft vom Gral» führt der Weg in die übersinnlichen Welten, welcher in diesem Buche in seinen ersten Stufen beschrieben worden ist. Diese Erkenntnis hat die Eigentümlichkeit, dass man ihre Tatsachen nur erforschen kann, wenn man sich die Mittel dazu erwirbt, wie sie in diesem Buche gekennzeichnet worden sind. Sind sie aber erforscht, dann können sie gerade durch die im fünften Zeitraume zur Entwickelung gekommenen Seelenkräfte verstanden werden. Ja, es wird sich immer mehr herausstellen, dass diese Kräfte in einem immer höheren Grade durch diese Erkenntnisse sich befriedigt finden werden. Wir leben in der Gegenwart in einer Zeit, in welcher diese Erkenntnisse reichlicher in das allgemeine Bewusstsein aufgenommen werden sollen, als dies vorher der Fall war. Und dieses Buch möchte seine Mitteilungen von diesem Gesichtspunkte aus geben. In dem Maße, als die Entwickelung der Menschheit die Erkenntnisse des Grales aufsaugen wird, kann der Impuls, welcher durch das Christus-Ereignis gegeben ist, immer bedeutsamer werden. An die äußere Seite der christlichen Entwickelung wird sich immer mehr die innere anschließen. Was durch Imagination, Inspiration, Intuition über die höheren Welten in Verbindung mit dem Christus-Geheimnis erkannt werden kann, wird das Vorstellungs-, Gefühls- und Willensleben der Menschen immer mehr durchdringen. Das «verborgene Wissen vom Gral» wird offenbar werden; es wird als eine innere Kraft die Lebensäußerungen der Menschen immer mehr durchdringen“ (GA 13, Kap. „Gegenwart und Zukunft der Welt und Menschheitsentwicklung“).
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
als zweiten Teil zu meinem vorigen Rundbrief („Woran erkennt man, dass R. Steiner wissenschaftlich exakt hellsehen konnte?“) berichte ich Ihnen heute über psychologische Gründe.
Die Fülle der mitgeteilten Inhalte
R. Steiner hat zwei Dutzend Bücher und viele Aufsätze geschrieben. Kein Buch wiederholt das andere, kein Aufsatz wiederholt den anderen. Im Laufe seiner theosophisch/anthroposophischen Tätigkeit hat er etwa 6000 Vorträge gehalten, von denen zum größten Teil Nachschriften vorliegen. In jedem Vortrag, auch in Parallelvorträgen, bringt R. Steiner neue Inhalte. Auch langjährige Leser R. Steiners können den Inhalt eines ihnen unbekannten Vortrages nicht voraussagen. Angesichts dieser Fülle stellt sich die psychologische Frage: kann man sich so etwas ausdenken? Nein, das kann man nicht. Allein die Fülle der Mitteilungen zeigt: das muss beobachtet sein, das müssen Wahrnehmungen sein, sonst kann ein einzelner Mensch sich das nicht bloß ausdenken oder von anderen abschreiben oder anderen nachreden.
Das Zusammenstimmen der Inhalte
Die verschiedenen Inhalte passen zusammen. Bei gründlichem Studium ergeben sich die vielfältigsten Bezüge. Frank Linde hat in seinem Werk „Auferstehung“ die entsprechenden Darstellungen R. Steiners zusammengefasst, zusammengelesen, zusammengedacht und geordnet, sodass zuletzt etwas herauskommt, was bei Steiner selbst so nicht zu finden ist, aber plausibel aus dem Ganzen hervorgeht, nämlich die Auferstehung in ihrer Wirkung auf den phys. Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich des Menschen. Entsprechende Zusammenhänge in anderen Bereichen der Anthroposophie kennt jeder, der das Werk R. Steiners studiert. Solche Zusammenhänge sind nur möglich, wenn die zugrunde liegenden, einzelnen Aussagen Wahrnehmungen bzw. Tatsachen sind. Die anthroposophischen Inhalte beleuchten und tragen sich gegenseitig. Darauf hat R. Steiner oftmals hingewiesen. Daran kann man erkennen, dass R. Steiners Mitteilungen aus einer tatsächlichen Wirklichkeit geschöpft sind.
Unerwartete Eigentümlichkeiten, die man sich nicht ausdenken kann
Weiterhin sind mit der übersinnlichen Forschung Besonderheiten verbunden, die in unserer landläufigen Bildung nicht bekannt sind. Lesen Sie nur einmal das Nachwort (1918) des Buches „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen“ (GA 16). Da sind drei Beispiele verzeichnet, die für viele andere stehen könnten.
Erstens: geistige Tatsachen können nicht erinnert werden. Eine gewöhnliche Vorstellung kann ich inhaltlich erinnern. Für eine geistige Tatsache muss ich mir während ich das geistige Erlebnis habe die Fähigkeit zur Erinnerung zusätzlich erwerben. Von sich aus kann eine geistige Tatsache nicht erinnert werden. Das ist ein Kennzeichen dafür, dass es sich wirklich um eine übersinnliche Tatsache handelt. Wo soll R. Steiner so etwas abgeschrieben oder nachgelesen haben?
Zweitens ist es so, dass beim Schauen geistiger Tatsachen Wiederholen und Übung nichts nützen. Was in der sinnlichen Welt selbstverständlich ist, dass Wiederholen und Übung den Meister machen, das gilt in der geistigen Welt nicht. Diese Tatsache ist für den Anfänger im übersinnlichen Forschen oftmals die “Quelle schwerer Enttäuschungen“ (GA 16, Nachwort von 1918). Eine Anstrengung, die zum ersten Mal zu einem übersinnlichen Ergebnis geführt hat, hilft beim zweiten Mal nichts. Man muss ganz andere und andersartige Anstrengungen machen, um zum selben Ergebnis zu kommen. Eine solche Mitteilung weicht vom Üblichen so stark ab, dass sie nur erlebt und erfahren sein kann.
Drittens ist das Wahrnehmen übersinnlicher Ergebnisse nur möglich, wenn man ein hohes Maß an Geistesgegenwart hat. Dort, wo übersinnliche Tatsachen auftreten, sind sie eigentlich schon wieder verschwunden. Deswegen sind übersinnliche Erlebnisse viel verbreiteter als wir meinen, weil uns die Geistesgegenwart für sie fehlt. Wiederum eine derart ungewöhnliche Charakteristik, dass sie nur auf Erfahrung beruhen kann.
Die Stufen der höheren Erkenntnis sind Steigerungen der ganz gewöhnlichen Erkenntnis eines jeden Menschen
Die Stufen der höheren Erkenntnis schweben nicht irgendwo im leeren Raum, sondern sind nichts anderes als gesteigerte Fähigkeiten, die jeder Mensch hat. Das ist auch der Grund, warum man die Ergebnisse der übersinnlichen Forschung vollständig verstehen und beurteilen kann, auch wenn man selbst nicht hellsehen kann. Dadurch auch kann man es für möglich halten, dass R. Steiner die von ihm behaupteten Fähigkeiten wirklich hatte.
Jeder Mensch hat die Fähigkeit, sich Vorstellungen zu bilden. Ich sehe einen Baum, dann wende ich mich von ihm ab und bilde in meiner Seele eine Vorstellung des Baumes, was letztlich eine Erinnerungsvorstellung ist. Alle unsere Erinnerungen sind Vorstellungen, auch unsere Sehnsüchte und Enttäuschungen, unsere Erfahrungen, Hoffnungen und Zielvorstellungen, also ein großer Teil unseres Seelenlebens sind Vorstellungen. Diese Fähigkeit, sich Vorstellungen zu bilden, isoliert, vertieft, gereinigt und losgelöst vom sinnlichen Wahrnehmen; das ist die imaginative Erkenntnis:
Vorstellung - Imagination (GA 12, 1. Kap.)
Man merkt: dabei kann man nicht stehen bleiben. Die Imagination ist zwar ein Inhalt der geistigen Welt, aber ich weiß nicht, inwiefern sie stimmt.
Deswegen hat jeder Mensch eine weitere Fähigkeit seines Erkenntnislebens: die Fähigkeit, sich Begriffe zu bilden. Ist es eine Ursache oder eine Wirkung? Wesen oder Erscheinung? Tatsache oder Bewertung? Kreis oder Ellipse? usw. Diese Begriffs-bildende Fähigkeit, die jeder hat, vertieft, isoliert, gereinigt und unabhängig von sinnlicher und imaginativer Wahrnehmung gehandhabt ist Inspiration.
Begriff - Inspiration (GA 12, 1. Kap.).
Imaginativ kommt mir beispielsweise eine liebreizende Erscheinung entgegen, die mir allerlei Versprechungen macht. Weil es eine Imagination ist, merke ich, dass ich sie wie bei einer Vorstellung prüfen muss. Also prüfe ich: diese liebreizende Gestalt kommt gar nicht auf mich zu, sondern sie geht von mir aus. Sie ist auch gar nicht so liebreizend, wie es mir anfangs schien. Und die schönen Versprechungen sind Illusionen. Sodass ich zuletzt merke: diese liebreizende auf mich zukommende Gestalt, die mir allerlei Versprechungen macht, ist nichts anderes als meine eigne Eitelkeit! So verläuft ein typischer Vorgang, der eine Imagination (liebreizende Gestalt) inspirativ als eigene Eitelkeit entlarvt. Dieses hier gegebene Beispiel bringt R. Steiner in seinem Buch „Die Stufen der höheren Erkenntnis“ (GA 12, Kap. „Die Imagination“). Die erste Form, in welcher die geistige Welt erscheint, muss subjektiv sein. Ebenso notwendig muss diese Subjektivität der Imagination durch Inspiration überwunden werden. Das ist genau dasselbe Verhältnis, welches jeder Mensch an sich selber prüfen kann. Genau so verhalten sich unsere Vorstellungen zu unseren Begriffen. Nicht jede unserer Vorstellungen kann vor dem Begriff standhalten, sondern sie muss dann korrigiert werden. Es ist schmerzhaft, wenn wir eine Lieblingsvorstellung korrigieren müssen. Dieser Schmerz tritt bei der Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse systematisch immer wieder auf. Gleichzeitig ist dies ein Vorgang innerer Qualitätskontrolle, wie man sich ihn radikaler nicht vorstellen kann.
Nun kommt die höchste Stufe. Die wird heute gar nicht so leicht verstanden, denn die meisten Menschen erwarten, dass die Erkenntnis objektiv analog einer Sinneswahrnehmung auf sie zukommen soll. Das Rätsel der Erkenntnis gebe ich mir aber selber auf. Der so bezwingend klingende Satz „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen“ (Wittgenstein „Tractatus logicophilosohicus“ 6,41, erschienen 1918) ist ein von Kant ererbter Irrtum, der bis heute im Unterbewussten vieler Menschen kraftvoll lebt. Ganz im Gegenteil dazu ist die Erkenntnis nach R. Steiner ein Geschäft, das der Mensch mit sich selbst abzumachen hat. Die Welt hat den Sinn, den ich ihr gebe. Die letzte Entscheidung über Wahrheit und Irrtum liegt im Ich und nicht irgendwo außerhalb von mir. Wenn Imagination (oder Vorstellung) und Inspiration (oder Begriff) ihren Dienst geleistet haben, dann ist das Ich zuletzt ganz allein und dient zur Erkenntnis auf der höchsten und sichersten Stufe. Es verschmilzt dann mit den Dingen und schaut sie gewissermaßen von innen an. Das ist die Erkenntnis durch Intuition:
Ich - Intuition (GA 12, 1.Kap.)
Jeder Mensch hat mindestens eine Intuition: das ist diejenige des eigenen Ich (GA 12, Kap. 1). Ich erkenne die Welt intuitiv, wenn ich alle anderen Dinge so von innen her erkennen kann wie sonst nur mein Ich.
Imagination, Inspiration und Intuition sind nicht willkürlich erfunden, sondern sie beruhen auf den Elementen jedweder menschlichen Erkenntnis. Sie sind vielfältig verknüpft mit den Grundkräften der Seele: Denken (Imagination), Fühlen (Inspiration) und Wollen (Intuition) (GA 21) und mit den Wesensgliedern Ätherleib (Imagination), Astralleib (Inspiration) und Ich (Intuition) (GA 27). Dadurch ergeben sich viele weitere Zusammenhänge, welche die Stufen der höheren Erkenntnis immer wieder und immer neu als Wirklichkeiten erkennen lassen.
Für R. Steiner erschütternde Forschungsergebnisse
R. Steiner stellte fest, dass der Ätherleib der Frau männlich, der Ätherleib des Mannes aber weiblich ist. Dieses Forschungsergebnis bedurfte einer „langen Reifung“ und gehörte für R. Steiner zu „den erschütterndsten Seelen-Erlebnissen“ (GA 28, Kap. XXXVII). Zum ersten Mal sprach er in Paris (GA 94, 29.5.1906) darüber. Ist sein Bericht über die “lange Reifung“ erfunden, und seine „Erschütterung“ geheuchelt? Wenn das so sein sollte, ergibt sich die Frage: ist bei so viel hinterhältiger Verlogenheit eine so großartige Lebensleistung wie bei R. Steiner möglich?
„Was fruchtbar ist, allein ist wahr“ (Goethe, „Vermächtnis“)
Dieses Wort ist der Bergpredigt nachempfunden, wo es heißt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Matth 7, 16). Christus meinte den Unterschied zwischen den falschen und den wahren Propheten, die man an ihren Früchten erkennen wird. Wenn man nun die vielen positiven Früchte der Anthroposophie wahrnimmt, die mittlerweile auch anerkannt werden (Waldorf, demeter, Anthr. Medizin, Heilpädagogik, GLS Bank, Firmen wie dm und Initiativen wie Sekem usf.), dann muss R. Steiner in diesem Sinne ein wahrer Prophet gewesen sein. Das ergibt die Prüfung der Anthroposophie im Sinne der Bergpredigt. Je länger wir uns von der Zeit R. Steiners entfernen, desto deutlicher wird dies.
Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
die drei Weisen aus dem Morgenland wurden auf mehreren Ebenen geprüft. Zuerst in ihrer eigenen Geistesschau, dass sie den Stern richtig deuten konnten, das heißt, dass sie die Individualität des Zarathustra erkannten, wie dieses Ich sich anschickte, wiedergeboren zu werden. Zweitens haben sie durch ihre Reise nach Betlehem erforscht, wo der neugeborene Knabe geboren worden ist. Wenn es ihnen nur um ihr Hellsehen gegangen wäre, hätten sie auch zu Hause bleiben können. Sie suchten aber das sinnenfällige Anschauen dieses Knaben aus der salomonischen Linie des Hauses David. Dieses Anschauen war ihnen eine empirische Bestätigung. Drittens konnten sie den Gegenkönig in seiner bösen Absicht durchschauen und dadurch vermeiden, dass Herodes den Geburtsort des Kindes erfuhr.
Ganz ähnlich verhält es sich heute mit R. Steiners Geisteswissenschaft. Auch sie kann und muss auf mehreren Ebenen geprüft werden. R. Steiner meinte, dass seine Forschungen ebenso eine Wissenschaft des Geistes seien wie die Naturwissenschaft eine Wissenschaft von der Natur ist. Demgemäß gibt es viele empirisch, wissenschaftliche Befunde, die R. Steiners geistige Forschungen bestätigen. Solche Bestätigungen wünschte sich R. Steiner. In dem Zyklus „Okkulte Physiologie“ (GA 128) forderte er solche wissenschaftliche Beweise insgesamt fünfmal. Im „Heilpädagogischen Kurs“ (GA 317, 5.7.1924) meinte er, man müsse vor Freude an die Decke springen, wenn ein geisteswissenschaftliches Ergebnis empirisch sich bestätigt. Hier folgt nun eine Reihe von Beispielen.
1. Beispiel. 1906 hatte R. Steiner die rein geisteswissenschaftlich erforschte Mitteilung gemacht, dass in den Schweifen von Kometen Cyan Verbindungen enthalten sind. 4 Jahre später wurde dies mithilfe der Spektralanalyse bestätigt. R. Steiner referierte diese Bestätigung selbst (GA 116, 9.3.1910). Auf zwei ganz verschiedenen Gebieten wurden dieselben Wahrnehmungen gemacht. Steiners übersinnliche Wahrnehmung ging der experimentell naturwissenschaftlichen, sinnlichen Wahrnehmung voran. Die übersinnliche Wahrnehmung wurde von der sinnlichen bestätigt.
2. Beispiel. 1911 sprach R. Steiner von einer „dritten Kraft“, die noch viel stärker als Elektrizität und Magnetismus sei, und wenn diese 3. Kraft der Menschheit durch einen Erfinder geschenkt werde, möchte man hoffen, dass die Menschen dann nichts Unmoralisches mehr an sich haben (GA 130, 1.10.1911). 1938 entdeckte Otto Hahn die Kernspaltung. Die von R. Steiner 27 Jahre früher vorhergesagte 3. Kraft war damit gefunden. Das moralisch Bedenkliche im Umgang mit dieser Kraft hat sich überdeutlich gezeigt.
3. Beispiel. R. Steiner erklärte in seiner „Geheimwissenschaft“ (GA 13, erste Auflage 1910), dass der Mond aus der Erde stammt. In der etablierten Wissenschaft war immer die Frage, ob der Mond ein von der Erde aus dem Kosmos eingefangener Körper sei oder ob er aus der Erde stammt. 1969 waren die Amerikaner auf dem Mond und haben von dort Gestein mitgebracht, das nach allen Regeln untersucht worden ist. Ergebnis: das Mondgestein ist dem Gestein der Erde so ähnlich, dass man annehmen muss, dass der Mond aus der Erde stammt.
4. Beispiel. 1923 entwickelte R. Steiner das Szenario, was geschehen würde, wenn man so ausgepichte Vegetarier wie Ochsen mit Fleisch füttern würde (GA 348, 13.1.1923). In den 90 er Jahren hat man dies tatsächlich getan, und die entstehende Krankheit (BSE) entsprach den von R. Steiner vorhergesagten Symptomen („verrückte Ochsen“). In englischen Tageszeitungen, z. T. auf der ersten Seite, war zu lesen, R. Steiner habe BSE vorhergesagt.
5. Beispiel. Immer wieder betonte R. Steiner, dass das Herz keine Pumpe sei. Ich studierte in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts Medizin und hörte auch von ernsthaften Anthroposophen, dass dies „ein Irrtum R. Steiners“ sei. Man hatte sich damals die Wechselwirkung der verschiedenen Flüssigkeitsräume im menschlichen Organismus falsch vorgestellt. Der Extrazellulärraum, also das außerhalb der Zellen sich befindende Körperwasser, und der Intrazellularraum, also das in den Zellen sich bewegende Körperwasser, das sind zusammen fast 2/3 des Körpergewichtes, bilden mit dem venösen Blut eine funktionelle Einheit! Die in den Blutgefäßen zirkulierende Blutmenge beträgt nur 5 – 6 Liter, das Volumen des übrigen damit in unmittelbarem Zusammenhang stehenden Körperwassers beträgt 40 Liter bei einem 70 kg schweren Menschen. Dies wusste man früher nicht, erst der amerikanische Forscher Arthur Guyton hat dies in den 70er und 80er Jahren herausgearbeitet. Und es dauerte noch eine ganze Weile, bis man die Folgen dieses Zusammenhanges für unsere Anschauung der Herzbewegung verstand. Branko Furst hat hierüber und über viele weitere experimentelle Befunde, die gegen die Pumpe sprechen, ein Buch veröffentlicht „The Heart and Circulation“, das jetzt in 2. Auflage erschien. Auf diesen Forschungen aufbauend und den Gedanken weiterführend erschien soeben das Buch meines Bruders Armin Husemann „Die Blutbewegung und das Herz“ (Verlag Fr. Geistesleben).
6. Beispiel. R. Steiner behauptete, dass die Trennung von motorischen und sensiblen Nerven ein Unding sei (GA 21, und viele Vorträge). Jahrzehntelang haben sich gutwillige Anthroposophen darüber den Kopf zerbrochen, ohne eine Lösung finden zu können. 1996 entdeckte Giacomo Rizzolatti die Spiegelneurone, wodurch das ganze Problem im Prinzip gelöst war. Rizzolatti stellte bei seinen Tierversuchen mit großer Überraschung fest, dass es Nervenareale im Gehirn gibt, die sowohl Erregungen zeigen, wenn der Affe eine Handlung ausführte, als auch, wenn er ein anderes Individuum (z. B. den Experimentator) bei einer ähnlichen Handlung bloß beobachtete. Diese sog, Spiegelneurone reagieren also immer gleich, egal ob man selber handelt oder ob man dieselbe Handlung bloß beobachtet. Auch die soziale Seite dieses Problems, auf die R. Steiner schon hinwies, wurde von Rizzolatti eindrucksvoll bestätigt: eines seiner Bücher hat den Titel: „Empathie und Spiegelneurone“, 2008.
7. Beispiel. Goethes Farbenlehre wurde von R. Steiner unterstützt und richtig gefunden. Schon als Student in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wollte er sie experimentell beweisen. 1903 sagte er in einem kleinen Kreis von Theosophen: „Hätte ich zehntausend Mark, um mir die nötigen Instrumente zu kaufen, würde ich der offiziellen Wissenschaft die Wahrheit der Goethe‘schen Farbenlehre beweisen“ (H. Wiesberger „Aus dem Leben Marie Steiner von Sivers“, 1956, s. 39). Inzwischen hat Matthias Rang durch eine von ihm selbst erfundene Spiegelspaltblende nachgewiesen, dass das klassische Newton’sche Spektrum und Goethes Pfirsichblütspektrum zueinander komplementär sind („Phänomenologie komplementärer Spektren“ Logos Verlag, Berlin, 2015). Damit ist die Alleingültigkeit des Newton‘schen Spektrums widerlegt und Goethes Spektrum bestätigt worden.
Diese Reihe von Bestätigungen R. Steiners zeigen, dass seine von ihm behauptete rein hellseherisch tätige Forschung mit der empirischen, naturwissenschaftlichen bzw. üblichen Forschung mithalten kann und zumindest gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen ist. Diese Bestätigungen zeigen, dass es stimmt, was Steiner von der Exaktheit seiner Methode behauptet hat.
Weiterhin ergibt sich, dass R. Steiners Forschungen der Zeit voraus waren. Viele Dinge werden erst jetzt, 100 Jahre später, bestätigt. Das hat R. Steiner selbst so ausgedrückt: „Okkulte Forschung ist prophetisch, und die Naturforschung folgt ihr nach“ (GA 94, 26.5.1906). Das könnte anmaßend klingen, ist aber mittlerweile eine erwiesene Tatsache.
Wenn wir nur diese drei Bestätigungen: Spiegelneurone (Rizzolatti, 1996), Herz ist keine Pumpe (Furst, 2014) und Goethes Farbenlehre (Rang, 2015) gebührend beachtet und ausgemünzt hätten, würden wir vielleicht die von R. Steiner in den Karmavorträgen 1924 vorhergesagte Kulmination der anthroposophischen Bewegung zum Ende des 20. Jahrhunderts noch besser verstanden haben. Waren diese drei Bestätigungen nicht schon die Kulmination? Ich halte es für möglich. Wir selbst als Anthroposophen wären es dann gewesen, die wir diese Kulminationspunkte verschlafen hätten, jetzt aber daran erwachen können.
Es gibt viele weitere Bestätigungen der Aussagen R. Steiners. Einen Teil davon habe ich in meinem Buch „Rudolf Steiners Schriften in 50 kurzen Porträts“, Dornach, 2018 auf den Seiten 216/217 zusammengefasst und an den entsprechenden Stellen des Buches z. T. ausführlicher referiert. Ich habe dieses Thema nicht extra erforscht, sondern nur das zusammengetragen, was mir über den Schreibtisch gelaufen ist. Dennoch ist es schon ziemlich viel, was ich gesammelt habe. Es werden in meinem Buch zusätzlich zu den hier erwähnten sieben Bestätigungen 20 weitere empirische Bestätigungen hauptsächlich aus dem medizinischen Bereich verzeichnet. In anderen Bereichen finden sich viele weitere. Es wäre höchste Zeit, dass sie alle einmal gründlich erforscht und zusammengefasst mitgeteilt würden. Der Titel wäre dann beispielweise: „Anthroposophie auf akademischem Niveau“ oder „Anthroposophie empirisch bestätigt“ oder „Anthroposophie als Reise zu den empirischen Tatsachen.“ Die Anthroposophie erscheint dann in ihrem vollen Glanze, und die wissenschaftliche Forschung selbst, die heute durch industrielle, politische und persönlich-ehrgeizige Interessen vielfach korrumpiert ist, wird dadurch geadelt und offenbart ihre wahre Mission: der Wahrheit zu dienen. Die orthodoxe wissenschaftliche Forschung wird nämlich durch Anthroposophie nicht etwa überflüssig, sondern sie erhält durch Anthroposophie ihren Sinn und ihr Ziel.
Kritiker R. Steiners erwähnen solche Tatsachenreihen natürlich nicht. Orthodoxe Anthroposophen winken ab und sagen: R. Steiner bedarf doch keiner Bestätigung. Und wenn man genauer fragt, dann heißt es: das sei doch Rechthaberei! Ja, das ist Rechthaberei. Aber so ist das nun einmal in der Wissenschaft. Wissenschaft ist gar nichts anderes als eine systematisch durchgeführte Befragung, ob etwas stimmt oder ob etwas nicht stimmt. Oder persönlich gesagt: ob ein Forscher recht hat oder ob er nicht recht hat. Der Einwand der Rechthaberei ist jedenfalls ein Missverständnis. Sehr oft war es so, dass Forscher abgelehnt worden sind wegen Behauptungen, die sich später als richtig erwiesen haben. Galilei wurde beinahe dem Schicksal des Giordano Bruno überantwortet. Aber er hatte recht. Seine These, dass die Erde sich um sich selber dreht und die Sonne stillsteht, wurde bestätigt. Julius Robert Mayer steht heute als Denkmal in Heilbronn, aber sein erster Hauptsatz der Thermodynamik wurde damals, als er seine Ergebnisse veröffentlichte, abgelehnt und bekämpft, weil seine Arbeit einige mathematische Fehler enthielt. Alfred Wegener wurde über seine Kontinentaldrift Theorie ausgelacht. Heute betrachten ihn die Geologen als Genie. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass R. Steiner in diese Reihe von Galilei, Mayer und Wegener ebenfalls eingeordnet werden wird. 100 Jahre nach seinem Wirken zeichnet sich dies deutlich ab.
Und was den sogenannten „kritischen Diskurs“ betrifft, der gelegentlich als Inbegriff der Wissenschaft betrachtet wird: bitte stellen Sie sich einmal vor: wie war der „kritische Diskurs“ 1912, als Alfred Wegener seinen epochalen Vortrag hielt? Und wie ist derselbe „kritische Diskurs“ über dasselbe Thema heute? Ja, diesen kritischen Diskurs über dieses Thema, den gibt es gar nicht mehr. Was sagte Emil Dubois Reymond 1882 über Goethes Farbenlehre und wie ist der „kritische Diskurs“ über dasselbe Thema heute? Das heißt doch nichts anderes, als dass dieser „kritische Diskurs“ ein Epiphänomen darstellt. Was in der Wissenschaft zählt, das sind die Tatsachen. Und eben diese Tatsachen haben Rudolf Steiner bestätigt.
Im nächsten Rundbrief werden psychologische und geistige Gründe referiert, woran man erkennen kann, dass R. Steiners Geistesforschung wissenschaftlich exakt gewesen ist.
Herzlich alles Gute zum Neuen Jahr
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Am 23.12.2019 starb Peter Tradowsky in Berlin. Geboren wurde er am 5.12.1934. Ich habe diesem Mann viel zu verdanken und fühle mich daher gedrängt, einen aphoristischen Nachruf über ihn zu schreiben, obwohl ich ihm freundschaftlich nicht nähergetreten bin.
Zuerst lernte ich Peter Tradowsky in Berlin kennen. Es war Anfang der 70er Jahre. Willy Brandts Ostpolitik und die Aufführungen der Schaubühne am Halleschen Ufer unter Peter Steins Regie und – exemplarisch genannt – Bruno Ganz als Prinz von Homburg erzeugten eine Aufbruchstimmung, wie sie für mich als 26 bis 28-Jährigem wie geschaffen war. Mit Peter Tradowsky und Athys Floride bereiteten wir eine anthroposophische Jugendtagung vor, die im Herbst 1972 in der Waldorfschule Engelberg bei Stuttgart über „Die Verantwortung des Menschen gegenüber der Erde“ stattfand. Zur jüngeren Generation der Vorbereitungsgruppe gehörten u. a. Michaela Glöckler und Michael Domeyer. An der Tagung selbst nahm Ernst Lehrs teil und erzählte, wie damals der Jugendkurs zustande kam und welche Folgen er hatte.
Dann löste Peter Tradowsky in den 80er Jahren mit seinem Buch über Kaspar Hauser eine anthroposophische Kaspar Hauser Bewegung aus. Die zeitgenössischen Schriften von damals (Anselm von Feuerbach, Daumer, Preu und Fuhrmann usw.) erschienen wieder und sind dadurch z. T. heute noch verfügbar. Johannes Mayer entdeckte das mutmaßliche Verließ, in dem Kaspar Hauser viele Jahre eingesperrt worden war, und veröffentlichte mit Peter Tradowsky zusammen einen prachtvollen Bildband. Johannes Mayer allein brachte einen ebenso prachtvollen Band über Lord Stanhope heraus.
Die entscheidenden Mitteilungen R. Steiners über Kaspar Hauser stammten von dem Grafen Ludwig Polzer Hoditz, der sie 1916 und 1925 von R. Steiner erfahren hatte. Nach diesen Mitteilungen wäre Kaspar Hauser als Grossherzog von Baden dazu vorbestimmt gewesen, im Süddeutschen Raum dem Idealismus der Goethezeit einen Staat zu schaffen, der den Impulsen des Rosenkreuzertums entsprochen hätte. Dieser Staat hätte der späteren Reichsgründung von Bismarck eine innere Berechtigung gegeben. Das haben die widerstrebenden Mächte jedoch verhindert, indem sie Kaspar Hauser nicht einfach nur ermorden ließen, sondern indem sie durch die jahrelange Kerkerhaft seine Inkarnation unwirksam machten und damit auch eine baldige Wiederverkörperung seiner Individualität verhinderten. Das Problem ist nun, dass die Aufzeichnungen des Grafen Polzer Hoditz leider nicht im Original erhalten sind, sondern nur in einer Abschrift, einem Typoskript, welches Paul Michaelis angefertigt hat. Dieses Typoskript enthält in Bezug auf eine frühere Inkarnation Albert Steffens einen Fehler, weil die im Typoskript genannte frühere Inkarnation Albert Steffens einem Brief R. Steiners an Marie Steiner widerspricht (das wurde 2002 dann auch öffentlich bekannt, als die zweite Auflage des Briefwechsels erschien). Wenn man eine unlautere Absicht unterstellen möchte, geschah hier eine Fälschung. Jedenfalls weiß man nicht, ob die anderen Mitteilungen dieses Typoskripts weitere Irrtümer oder Fälschungen enthalten. Die Äußerungen R. Steiners über Kaspar Hauser wurden dadurch in Zweifel gezogen. An vorderster Stelle von Christoph Lindenberg, aber auch von Emanuel Zeylmans van Emmichhoven, dem Biographen von Ita Wegman. Auf der anderen Seite standen Hella Wiesberger (allerdings nicht in Sachen K. Hauser, sondern in Sachen Leitung der I., II. und III. Klasse), Peter Tradowsky, Thomas Meyer, Sergeij Prokofieff und Peter Selg. Es war also in der anthroposophischen Kaspar Hauser Rezeption letztlich ähnlich wie bei Kaspar Hauser selbst: ein Rest von Unsicherheit blieb bestehen. Ich selbst war über diese ganze Entwicklung traurig, denn ich hatte das Kaspar Hauser Problem durch Peter Tradowsky erstmals erfahren und war damals, als das Buch erschien (1980), ganz erfüllt und überzeugt davon.
Später kam dann die Affäre Judith von Halle, wo Peter Tradowsky sehr entschieden die Auffassungen Judith von Halles unterstützte. Erst in den letzten Jahren hat das Werk „Auferstehung“ von Frank Linde meiner Meinung nach in dieser Sache für Klarheit gesorgt.
Zuletzt traf ich Peter Tradowsky 2010 in Dornach bei den Mysteriendramen, und wir gaben uns die Hand.
Peter Tradowsky hat als führender Lehrer der Berliner Waldorfschule, als Zweigleiter, als Schriftsteller und als Klassenleser, der zur Zeit der Mauer regelmäßig nach Ostberlin und in die übrige DDR gefahren ist, eine bedeutende Lebensleistung vollbracht. Es mag manches unvollkommen in seinem Leben geblieben sein, er mag in manchem sich geirrt haben, aber er strebte unbeirrbar zum Wesen der Anthroposophie und war ein treuer Schüler R. Steiners.
Ave cara anima!
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
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