Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

mittlerweile geht es auf Michaeli zu, und es ist jedes Jahr dasselbe, dass man sich mit den Waffen des Geistes erst wieder rüsten muss, um den Michael Festes Gedanken in sich lebendig zu machen. Als Thema sei gewählt, dass die Gedanken ein Herz bekommen sollen (GA 217, 3.10.1922) bzw. dass die Herzen beginnen, Gedanken zu haben: „Michael befreit die Gedanken aus dem Bereiche des Kopfes, er macht ihnen den Weg zum Herzen frei“ (GA 26, Kap. „Im Anbruch des Michael Zeitalters“). Andreas Neider hat soeben ein Buch zu demselben Thema („Denken mit dem Herzen“, Verlag Freies Geistesleben) veröffentlicht. Ich möchte auf dieses Buch hinweisen, weil ich Andreas Neider als Anthroposophen gut kenne, ich habe sein Buch aber noch nicht gelesen.

Zwei Vorerwägungen

Das erste, was wir bedenken müssen, ist, dass es die Gedanken sind, die ein Herz bekommen sollen. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Das Fühlen liegt dem Herzen viel näher. Wir sprechen von der Herzlichkeit eines Menschen, wenn wir sein warmes Gefühlsleben charakterisieren wollen. Wir sprechen von der Herzensgüte, wenn ein Mensch eine Tat vollbringt, die nicht auf seinen eigenen Vorteil, sondern dem Interesse eines anderen Menschen dient. Fühlen und Wollen liegen dem seelischen Wesen des Herzens viel näher als das Denken. Und eben dieses Denken soll es nun sein, welches im Sinne Michaels ein Herz bekommen soll.

Zweitens müssen wir bedenken, was das Gehirndenken eigentlich ist und warum wir zu einem Herzdenken überhaupt voranschreiten müssen. Wir bringen unsere Gedanken mithilfe des Gehirns selbst hervor. Wir sind deswegen unsicher, wie unsere Gedanken zur wahrnehmbaren Wirklichkeit passen, und auf diesem Misstrauen beruhen ganze Philosophiesysteme. Zudem ist unser Gehirndenken für sich allein betrachtet ungeordnet und irrlichterlierend (Kap. „Der Pfad der Erkenntnis“ in GA 9 „Theosophie“). Die Sinne sind es, die unser Denken disziplinieren und ihm darüber hinaus den Inhalt geben. Schon Thomas von Aquino hat gesagt: „Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu“ (Nichts ist im Denken, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist). Es hat sich noch nicht allgemein durchgesetzt, was es bedeutet, dass unsere mathematischen Vorstellungen (d. h. unser Denken) der Sinnenwelt entsprechen, wie R. Steiner oft betonte. Man hat allgemein noch nicht verstanden, wie sinnlos die bloße Wahrnehmungswelt ist, worauf R. Steiner in seinen erkenntniswissenschaftlichen Schriften so deutlich hinwies. Das Denken selbst ist noch nicht verstanden.

Worin liegt das Herzdenken in der „Philosophie der Freiheit“?

Bereits im Vorwort zielt die erste Wurzelfrage darauf ab, ob es eine Anschauung der menschlichen Wesenheit gibt, die sich als Stütze erweist für alles andere, was durch Erleben oder Wissenschaft an den Menschen herankommt. Die weiteren Kapitel zeigen dann, dass diese sich selbst stützende Wesenheit in der Beobachtung des Denkens gefunden werden kann. Im 3. Kapitel steht der zentrale Satz: „Das Denken können wir durch es selbst erfassen.“ Beim Denken können wir den Sinn seines Daseins aus ihm selber schöpfen. Wenn wir das Denken beobachten, brauchen wir das Denken nicht zu verlassen, sondern wir können im selben Element verbleiben, weil wir das Denken nur wieder mithilfe des Denkens beobachten können. Im Denken haben wir ein Prinzip, das durch sich selbst besteht. Mit Bezug auf die Gehirnphysiologie, die heutzutage die Philosophie nahezu ersetzt hat, fällt der Satz: „Man kann nicht zu etwas kommen, was das Denken bewirkt, wenn man den Bereich des Denkens verlässt.“ Im 4. Kapitel kommt dann das Erlebnis des in sich Ruhenden: „die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens…“. Im 5. Kapitel erscheint die „absolute Natur des Denkens“. Im 7. Kapitel wird auf den inneren Lichtcharakter des Denkens hingewiesen: das „in sich vollständig klare und durchsichtige Element des Denkens.“ Gelegentlich wird dieses Denken deswegen auch „reines Denken“ genannt.

Zu einem ersten Gipfelpunkt der „Philosophie der Freiheit“ gelangen wir im 8. Kapitel im Zusatz zur Neuauflage von 1918, wo ein Hymnus auf das Denken angestimmt wird. Der „innere Reichtum, und die in sich ruhende und zugleich in sich bewegte Erfahrung innerhalb des Lebens im Denken“ kann mit Fühlen und Wollen nicht verglichen werden. Das gewöhnliche Denken erscheint zwar tot und abstrakt, aber dies ist nur der stark sich geltend machende Schatten seiner „Licht-durchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit. Dieses Untertauchen geschieht mit einer in der Denkbetätigung selbst dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe in geistiger Art ist.“ Damit ist das Herzdenken eigentlich schon ausgesprochen.

Weiter geht es im 9. Kapitel zu der Einsicht, dass „das Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann,…dass man im Beobachten des Denkens in einem geistigen sich selbst tragenden Wesensweben darinnen lebt….und dass der Geist zunächst in diesem auf sich selbst beruhenden Denken gefunden werden kann.“ Das Denken ist nicht bloß das schattenhafte Nachbild einer Wirklichkeit, sondern „eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit.“ Hier wird dann auch der Begriff der Intuition für dieses sich selbst erfassende Denken eingeführt: „Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewusste Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfasst werden.“

Im letzten Kapitel über „Die Konsequenzen des Monismus“ kommen wir zu dem „sich selbst verstehenden Denken“ und zu der „objektiv geistigen Wirklichkeit des Denkens.“ Es geht um den aus Freiheit handelnden Menschen. Wenn der Mensch seine Triebe und seine Motive soweit reinigt, dass er aus einem sich selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten Antrieb handelt, dann gleicht sein Antrieb einer Intuition, also dem auf sich selbst beruhenden Denken. Der erste Teil der „Philosophie der Freiheit“ stellt das intuitive Denken als erlebte innere Geistbetätigung dar. „Diese Wesenheit des Denkens erlebend verstehen kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit des intuitiven Denkens gleich. Man wird den Menschen dann für frei halten, wenn man dem intuitiven Denkerleben eine in sich ruhende Wesenheit auf Grund der inneren Erfahrung zuschreiben darf.“

In dem Buch „Goethes Weltanschauung“ (GA 6) formuliert R. Steiner diese Zusammenhänge drei Jahre später folgendermaßen: „Die eigene Natur der Ideenwelt kann der Mensch nur erkennen, wenn er seine Tätigkeit anschaut. Bei jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung außerhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Prozess restlos in seinem Innern gegenwärtig. Die Anschauung erscheint nicht mehr von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der Freiheit“ (Kap. „Die Metamorphose der Welterscheinungen“).

Das Herzdenken als Erleben der Freiheit

Das Herzdenken in der „Philosophie der Freiheit“ ist demnach das sich selbst hervorbringende, sich selbst erkennende, in sich ruhende und zugleich in sich bewegte, intuitive, reine Denken, welches wir beobachten können und welches zugleich das Anschauen der Freiheit ist. Unabhängig vom Gehirn hat das Denken damit einen eigenen, durch sich selbst bestehenden, klaren Inhalt, der gleichzeitig Kraft der Liebe in geistiger Art ist. Der in sich selbst zurückkehrende Gang des Denkens und die Anschauung der Freiheit sind dasselbe: „Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes Diener machest, der du nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur aufgezwungenen Gesetze gegenüber sich unfrei fühlt“ (9. Kap.).

Eine zweite Betrachtung zu diesem Thema folgt.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Friedwart Husemann