Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Am 23.12.2019 starb Peter Tradowsky in Berlin. Geboren wurde er am 5.12.1934. Ich habe diesem Mann viel zu verdanken und fühle mich daher gedrängt, einen aphoristischen Nachruf über ihn zu schreiben, obwohl ich ihm freundschaftlich nicht nähergetreten bin.

Zuerst lernte ich Peter Tradowsky in Berlin kennen. Es war Anfang der 70er Jahre. Willy Brandts Ostpolitik und die Aufführungen der Schaubühne am Halleschen Ufer unter Peter Steins Regie und – exemplarisch genannt – Bruno Ganz als Prinz von Homburg erzeugten eine Aufbruchstimmung, wie sie für mich als 26 bis 28-Jährigem wie geschaffen war. Mit Peter Tradowsky und Athys Floride bereiteten wir eine anthroposophische Jugendtagung vor, die im Herbst 1972 in der Waldorfschule Engelberg bei Stuttgart über „Die Verantwortung des Menschen gegenüber der Erde“ stattfand. Zur jüngeren Generation der Vorbereitungsgruppe gehörten u. a. Michaela Glöckler und Michael Domeyer. An der Tagung selbst nahm Ernst Lehrs teil und erzählte, wie damals der Jugendkurs zustande kam und welche Folgen er hatte.

Dann löste Peter Tradowsky in den 80er Jahren mit seinem Buch über Kaspar Hauser eine anthroposophische Kaspar Hauser Bewegung aus. Die zeitgenössischen Schriften von damals (Anselm von Feuerbach, Daumer, Preu und Fuhrmann usw.) erschienen wieder und sind dadurch z. T. heute noch verfügbar. Johannes Mayer entdeckte das mutmaßliche Verließ, in dem Kaspar Hauser viele Jahre eingesperrt worden war, und veröffentlichte mit Peter Tradowsky zusammen einen prachtvollen Bildband. Johannes Mayer allein brachte einen ebenso prachtvollen Band über Lord Stanhope heraus.

Die entscheidenden Mitteilungen R. Steiners über Kaspar Hauser stammten von dem Grafen Ludwig Polzer Hoditz, der sie 1916 und 1925 von R. Steiner erfahren hatte. Nach diesen Mitteilungen wäre Kaspar Hauser als Grossherzog von Baden dazu vorbestimmt gewesen, im Süddeutschen Raum dem Idealismus der Goethezeit einen Staat zu schaffen, der den Impulsen des Rosenkreuzertums entsprochen hätte. Dieser Staat hätte der späteren Reichsgründung von Bismarck eine innere Berechtigung gegeben. Das haben die widerstrebenden Mächte jedoch verhindert, indem sie Kaspar Hauser nicht einfach nur ermorden ließen, sondern indem sie durch die jahrelange Kerkerhaft seine Inkarnation unwirksam machten und damit auch eine baldige Wiederverkörperung seiner Individualität verhinderten. Das Problem ist nun, dass die Aufzeichnungen des Grafen Polzer Hoditz leider nicht im Original erhalten sind, sondern nur in einer Abschrift, einem Typoskript, welches Paul Michaelis angefertigt hat. Dieses Typoskript enthält in Bezug auf eine frühere Inkarnation Albert Steffens einen Fehler, weil die im Typoskript genannte frühere Inkarnation Albert Steffens einem Brief R. Steiners an Marie Steiner widerspricht (das wurde 2002 dann auch öffentlich bekannt, als die zweite Auflage des Briefwechsels erschien). Wenn man eine unlautere Absicht unterstellen möchte, geschah hier eine Fälschung. Jedenfalls weiß man nicht, ob die anderen Mitteilungen dieses Typoskripts weitere Irrtümer oder Fälschungen enthalten. Die Äußerungen R. Steiners über Kaspar Hauser wurden dadurch in Zweifel gezogen. An vorderster Stelle von Christoph Lindenberg, aber auch von Emanuel Zeylmans van Emmichhoven, dem Biographen von Ita Wegman. Auf der anderen Seite standen Hella Wiesberger (allerdings nicht in Sachen K. Hauser, sondern in Sachen Leitung der I., II. und III. Klasse), Peter Tradowsky, Thomas Meyer, Sergeij Prokofieff und Peter Selg. Es war also in der anthroposophischen Kaspar Hauser Rezeption letztlich ähnlich wie bei Kaspar Hauser selbst: ein Rest von Unsicherheit blieb bestehen. Ich selbst war über diese ganze Entwicklung traurig, denn ich hatte das Kaspar Hauser Problem durch Peter Tradowsky erstmals erfahren und war damals, als das Buch erschien (1980), ganz erfüllt und überzeugt davon.

Später kam dann die Affäre Judith von Halle, wo Peter Tradowsky sehr entschieden die Auffassungen Judith von Halles unterstützte. Erst in den letzten Jahren hat das Werk „Auferstehung“ von Frank Linde meiner Meinung nach in dieser Sache für Klarheit gesorgt.

Zuletzt traf ich Peter Tradowsky 2010 in Dornach bei den Mysteriendramen, und wir gaben uns die Hand.

Peter Tradowsky hat als führender Lehrer der Berliner Waldorfschule, als Zweigleiter, als Schriftsteller und als Klassenleser, der zur Zeit der Mauer regelmäßig nach Ostberlin und in die übrige DDR gefahren ist, eine bedeutende Lebensleistung vollbracht. Es mag manches unvollkommen in seinem Leben geblieben sein, er mag in manchem sich geirrt haben, aber er strebte unbeirrbar zum Wesen der Anthroposophie und war ein treuer Schüler R. Steiners.

Ave cara anima!

Herzlich Ihr Friedwart Husemann