Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

die drei Weisen aus dem Morgenland wurden auf mehreren Ebenen geprüft. Zuerst in ihrer eigenen Geistesschau, dass sie den Stern richtig deuten konnten, das heißt, dass sie die Individualität des Zarathustra erkannten, wie dieses Ich sich anschickte, wiedergeboren zu werden. Zweitens haben sie durch ihre Reise nach Betlehem erforscht, wo der neugeborene Knabe geboren worden ist. Wenn es ihnen nur um ihr Hellsehen gegangen wäre, hätten sie auch zu Hause bleiben können. Sie suchten aber das sinnenfällige Anschauen dieses Knaben aus der salomonischen Linie des Hauses David. Dieses Anschauen war ihnen eine empirische Bestätigung. Drittens konnten sie den Gegenkönig in seiner bösen Absicht durchschauen und dadurch vermeiden, dass Herodes den Geburtsort des Kindes erfuhr.

Ganz ähnlich verhält es sich heute mit R. Steiners Geisteswissenschaft. Auch sie kann und muss auf mehreren Ebenen geprüft werden. R. Steiner meinte, dass seine Forschungen ebenso eine Wissenschaft des Geistes seien wie die Naturwissenschaft eine Wissenschaft von der Natur ist. Demgemäß gibt es viele empirisch, wissenschaftliche Befunde, die R. Steiners geistige Forschungen bestätigen. Solche Bestätigungen wünschte sich R. Steiner. In dem Zyklus „Okkulte Physiologie“ (GA 128) forderte er solche wissenschaftliche Beweise insgesamt fünfmal. Im „Heilpädagogischen Kurs“ (GA 317, 5.7.1924) meinte er, man müsse vor Freude an die Decke springen, wenn ein geisteswissenschaftliches Ergebnis empirisch sich bestätigt. Hier folgt nun eine Reihe von Beispielen.

1. Beispiel. 1906 hatte R. Steiner die rein geisteswissenschaftlich erforschte Mitteilung gemacht, dass in den Schweifen von Kometen Cyan Verbindungen enthalten sind. 4 Jahre später wurde dies mithilfe der Spektralanalyse bestätigt. R. Steiner referierte diese Bestätigung selbst (GA 116, 9.3.1910). Auf zwei ganz verschiedenen Gebieten wurden dieselben Wahrnehmungen gemacht. Steiners übersinnliche Wahrnehmung ging der experimentell naturwissenschaftlichen, sinnlichen Wahrnehmung voran. Die übersinnliche Wahrnehmung wurde von der sinnlichen bestätigt.

2. Beispiel. 1911 sprach R. Steiner von einer „dritten Kraft“, die noch viel stärker als Elektrizität und Magnetismus sei, und wenn diese 3. Kraft der Menschheit durch einen Erfinder geschenkt werde, möchte man hoffen, dass die Menschen dann nichts Unmoralisches mehr an sich haben (GA 130, 1.10.1911). 1938 entdeckte Otto Hahn die Kernspaltung. Die von R. Steiner 27 Jahre früher vorhergesagte 3. Kraft war damit gefunden. Das moralisch Bedenkliche im Umgang mit dieser Kraft hat sich überdeutlich gezeigt.

3. Beispiel. R. Steiner erklärte in seiner „Geheimwissenschaft“ (GA 13, erste Auflage 1910), dass der Mond aus der Erde stammt. In der etablierten Wissenschaft war immer die Frage, ob der Mond ein von der Erde aus dem Kosmos eingefangener Körper sei oder ob er aus der Erde stammt. 1969 waren die Amerikaner auf dem Mond und haben von dort Gestein mitgebracht, das nach allen Regeln untersucht worden ist. Ergebnis: das Mondgestein ist dem Gestein der Erde so ähnlich, dass man annehmen muss, dass der Mond aus der Erde stammt.

4. Beispiel. 1923 entwickelte R. Steiner das Szenario, was geschehen würde, wenn man so ausgepichte Vegetarier wie Ochsen mit Fleisch füttern würde (GA 348, 13.1.1923). In den 90 er Jahren hat man dies tatsächlich getan, und die entstehende Krankheit (BSE) entsprach den von R. Steiner vorhergesagten Symptomen („verrückte Ochsen“). In englischen Tageszeitungen, z. T. auf der ersten Seite, war zu lesen, R. Steiner habe BSE vorhergesagt.

5. Beispiel. Immer wieder betonte R. Steiner, dass das Herz keine Pumpe sei. Ich studierte in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts Medizin und hörte auch von ernsthaften Anthroposophen, dass dies „ein Irrtum R. Steiners“ sei. Man hatte sich damals die Wechselwirkung der verschiedenen Flüssigkeitsräume im menschlichen Organismus falsch vorgestellt. Der Extrazellulärraum, also das außerhalb der Zellen sich befindende Körperwasser, und der Intrazellularraum, also das in den Zellen sich bewegende Körperwasser, das sind zusammen fast 2/3 des Körpergewichtes, bilden mit dem venösen Blut eine funktionelle Einheit! Die in den Blutgefäßen zirkulierende Blutmenge beträgt nur 5 – 6 Liter, das Volumen des übrigen damit in unmittelbarem Zusammenhang stehenden Körperwassers beträgt 40 Liter bei einem 70 kg schweren Menschen. Dies wusste man früher nicht, erst der amerikanische Forscher Arthur Guyton hat dies in den 70er und 80er Jahren herausgearbeitet. Und es dauerte noch eine ganze Weile, bis man die Folgen dieses Zusammenhanges für unsere Anschauung der Herzbewegung verstand. Branko Furst hat hierüber und über viele weitere experimentelle Befunde, die gegen die Pumpe sprechen, ein Buch veröffentlicht „The Heart and Circulation“, das jetzt in 2. Auflage erschien. Auf diesen Forschungen aufbauend und den Gedanken weiterführend erschien soeben das Buch meines Bruders Armin Husemann „Die Blutbewegung und das Herz“ (Verlag Fr. Geistesleben).

6. Beispiel. R. Steiner behauptete, dass die Trennung von motorischen und sensiblen Nerven ein Unding sei (GA 21, und viele Vorträge). Jahrzehntelang haben sich gutwillige Anthroposophen darüber den Kopf zerbrochen, ohne eine Lösung finden zu können. 1996 entdeckte Giacomo Rizzolatti die Spiegelneurone, wodurch das ganze Problem im Prinzip gelöst war. Rizzolatti stellte bei seinen Tierversuchen mit großer Überraschung fest, dass es Nervenareale im Gehirn gibt, die sowohl Erregungen zeigen, wenn der Affe eine Handlung ausführte, als auch, wenn er ein anderes Individuum (z. B. den Experimentator) bei einer ähnlichen Handlung bloß beobachtete. Diese sog, Spiegelneurone reagieren also immer gleich, egal ob man selber handelt oder ob man dieselbe Handlung bloß beobachtet. Auch die soziale Seite dieses Problems, auf die R. Steiner schon hinwies, wurde von Rizzolatti eindrucksvoll bestätigt: eines seiner Bücher hat den Titel: „Empathie und Spiegelneurone“, 2008.

7. Beispiel. Goethes Farbenlehre wurde von R. Steiner unterstützt und richtig gefunden. Schon als Student in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wollte er sie experimentell beweisen. 1903 sagte er in einem kleinen Kreis von Theosophen: „Hätte ich zehntausend Mark, um mir die nötigen Instrumente zu kaufen, würde ich der offiziellen Wissenschaft die Wahrheit der Goethe‘schen Farbenlehre beweisen“ (H. Wiesberger „Aus dem Leben Marie Steiner von Sivers“, 1956, s. 39). Inzwischen hat Matthias Rang durch eine von ihm selbst erfundene Spiegelspaltblende nachgewiesen, dass das klassische Newton’sche Spektrum und Goethes Pfirsichblütspektrum zueinander komplementär sind („Phänomenologie komplementärer Spektren“ Logos Verlag, Berlin, 2015). Damit ist die Alleingültigkeit des Newton‘schen Spektrums widerlegt und Goethes Spektrum bestätigt worden.

Diese Reihe von Bestätigungen R. Steiners zeigen, dass seine von ihm behauptete rein hellseherisch tätige Forschung mit der empirischen, naturwissenschaftlichen bzw. üblichen Forschung mithalten kann und zumindest gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen ist. Diese Bestätigungen zeigen, dass es stimmt, was Steiner von der Exaktheit seiner Methode behauptet hat.

Weiterhin ergibt sich, dass R. Steiners Forschungen der Zeit voraus waren. Viele Dinge werden erst jetzt, 100 Jahre später, bestätigt. Das hat R. Steiner selbst so ausgedrückt: „Okkulte Forschung ist prophetisch, und die Naturforschung folgt ihr nach“ (GA 94, 26.5.1906). Das könnte anmaßend klingen, ist aber mittlerweile eine erwiesene Tatsache.

Wenn wir nur diese drei Bestätigungen: Spiegelneurone (Rizzolatti, 1996), Herz ist keine Pumpe (Furst, 2014) und Goethes Farbenlehre (Rang, 2015) gebührend beachtet und ausgemünzt hätten, würden wir vielleicht die von R. Steiner in den Karmavorträgen 1924 vorhergesagte Kulmination der anthroposophischen Bewegung zum Ende des 20. Jahrhunderts noch besser verstanden haben. Waren diese drei Bestätigungen nicht schon die Kulmination? Ich halte es für möglich. Wir selbst als Anthroposophen wären es dann gewesen, die wir diese Kulminationspunkte verschlafen hätten, jetzt aber daran erwachen können.

Es gibt viele weitere Bestätigungen der Aussagen R. Steiners. Einen Teil davon habe ich in meinem Buch „Rudolf Steiners Schriften in 50 kurzen Porträts“, Dornach, 2018 auf den Seiten 216/217 zusammengefasst und an den entsprechenden Stellen des Buches z. T. ausführlicher referiert. Ich habe dieses Thema nicht extra erforscht, sondern nur das zusammengetragen, was mir über den Schreibtisch gelaufen ist. Dennoch ist es schon ziemlich viel, was ich gesammelt habe. Es werden in meinem Buch zusätzlich zu den hier erwähnten sieben Bestätigungen 20 weitere empirische Bestätigungen hauptsächlich aus dem medizinischen Bereich verzeichnet. In anderen Bereichen finden sich viele weitere. Es wäre höchste Zeit, dass sie alle einmal gründlich erforscht und zusammengefasst mitgeteilt würden. Der Titel wäre dann beispielweise: „Anthroposophie auf akademischem Niveau“ oder „Anthroposophie empirisch bestätigt“ oder „Anthroposophie als Reise zu den empirischen Tatsachen.“ Die Anthroposophie erscheint dann in ihrem vollen Glanze, und die wissenschaftliche Forschung selbst, die heute durch industrielle, politische und persönlich-ehrgeizige Interessen vielfach korrumpiert ist, wird dadurch geadelt und offenbart ihre wahre Mission: der Wahrheit zu dienen. Die orthodoxe wissenschaftliche Forschung wird nämlich durch Anthroposophie nicht etwa überflüssig, sondern sie erhält durch Anthroposophie ihren Sinn und ihr Ziel.

Kritiker R. Steiners erwähnen solche Tatsachenreihen natürlich nicht. Orthodoxe Anthroposophen winken ab und sagen: R. Steiner bedarf doch keiner Bestätigung. Und wenn man genauer fragt, dann heißt es: das sei doch Rechthaberei! Ja, das ist Rechthaberei. Aber so ist das nun einmal in der Wissenschaft. Wissenschaft ist gar nichts anderes als eine systematisch durchgeführte Befragung, ob etwas stimmt oder ob etwas nicht stimmt. Oder persönlich gesagt: ob ein Forscher recht hat oder ob er nicht recht hat. Der Einwand der Rechthaberei ist jedenfalls ein Missverständnis. Sehr oft war es so, dass Forscher abgelehnt worden sind wegen Behauptungen, die sich später als richtig erwiesen haben. Galilei wurde beinahe dem Schicksal des Giordano Bruno überantwortet. Aber er hatte recht. Seine These, dass die Erde sich um sich selber dreht und die Sonne stillsteht, wurde bestätigt. Julius Robert Mayer steht heute als Denkmal in Heilbronn, aber sein erster Hauptsatz der Thermodynamik wurde damals, als er seine Ergebnisse veröffentlichte, abgelehnt und bekämpft, weil seine Arbeit einige mathematische Fehler enthielt. Alfred Wegener wurde über seine Kontinentaldrift Theorie ausgelacht. Heute betrachten ihn die Geologen als Genie. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass R. Steiner in diese Reihe von Galilei, Mayer und Wegener ebenfalls eingeordnet werden wird. 100 Jahre nach seinem Wirken zeichnet sich dies deutlich ab.

Und was den sogenannten „kritischen Diskurs“ betrifft, der gelegentlich als Inbegriff der Wissenschaft betrachtet wird: bitte stellen Sie sich einmal vor: wie war der „kritische Diskurs“ 1912, als Alfred Wegener seinen epochalen Vortrag hielt? Und wie ist derselbe „kritische Diskurs“ über dasselbe Thema heute? Ja, diesen kritischen Diskurs über dieses Thema, den gibt es gar nicht mehr. Was sagte Emil Dubois Reymond 1882 über Goethes Farbenlehre und wie ist der „kritische Diskurs“ über dasselbe Thema heute? Das heißt doch nichts anderes, als dass dieser „kritische Diskurs“ ein Epiphänomen darstellt. Was in der Wissenschaft zählt, das sind die Tatsachen. Und eben diese Tatsachen haben Rudolf Steiner bestätigt.

Im nächsten Rundbrief werden psychologische und geistige Gründe referiert, woran man erkennen kann, dass R. Steiners Geistesforschung wissenschaftlich exakt gewesen ist.

Herzlich alles Gute zum Neuen Jahr

Ihr Friedwart Husemann