Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
als zweiten Teil zu meinem vorigen Rundbrief („Woran erkennt man, dass R. Steiner wissenschaftlich exakt hellsehen konnte?“) berichte ich Ihnen heute über psychologische Gründe.
Die Fülle der mitgeteilten Inhalte
R. Steiner hat zwei Dutzend Bücher und viele Aufsätze geschrieben. Kein Buch wiederholt das andere, kein Aufsatz wiederholt den anderen. Im Laufe seiner theosophisch/anthroposophischen Tätigkeit hat er etwa 6000 Vorträge gehalten, von denen zum größten Teil Nachschriften vorliegen. In jedem Vortrag, auch in Parallelvorträgen, bringt R. Steiner neue Inhalte. Auch langjährige Leser R. Steiners können den Inhalt eines ihnen unbekannten Vortrages nicht voraussagen. Angesichts dieser Fülle stellt sich die psychologische Frage: kann man sich so etwas ausdenken? Nein, das kann man nicht. Allein die Fülle der Mitteilungen zeigt: das muss beobachtet sein, das müssen Wahrnehmungen sein, sonst kann ein einzelner Mensch sich das nicht bloß ausdenken oder von anderen abschreiben oder anderen nachreden.
Das Zusammenstimmen der Inhalte
Die verschiedenen Inhalte passen zusammen. Bei gründlichem Studium ergeben sich die vielfältigsten Bezüge. Frank Linde hat in seinem Werk „Auferstehung“ die entsprechenden Darstellungen R. Steiners zusammengefasst, zusammengelesen, zusammengedacht und geordnet, sodass zuletzt etwas herauskommt, was bei Steiner selbst so nicht zu finden ist, aber plausibel aus dem Ganzen hervorgeht, nämlich die Auferstehung in ihrer Wirkung auf den phys. Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich des Menschen. Entsprechende Zusammenhänge in anderen Bereichen der Anthroposophie kennt jeder, der das Werk R. Steiners studiert. Solche Zusammenhänge sind nur möglich, wenn die zugrunde liegenden, einzelnen Aussagen Wahrnehmungen bzw. Tatsachen sind. Die anthroposophischen Inhalte beleuchten und tragen sich gegenseitig. Darauf hat R. Steiner oftmals hingewiesen. Daran kann man erkennen, dass R. Steiners Mitteilungen aus einer tatsächlichen Wirklichkeit geschöpft sind.
Unerwartete Eigentümlichkeiten, die man sich nicht ausdenken kann
Weiterhin sind mit der übersinnlichen Forschung Besonderheiten verbunden, die in unserer landläufigen Bildung nicht bekannt sind. Lesen Sie nur einmal das Nachwort (1918) des Buches „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen“ (GA 16). Da sind drei Beispiele verzeichnet, die für viele andere stehen könnten.
Erstens: geistige Tatsachen können nicht erinnert werden. Eine gewöhnliche Vorstellung kann ich inhaltlich erinnern. Für eine geistige Tatsache muss ich mir während ich das geistige Erlebnis habe die Fähigkeit zur Erinnerung zusätzlich erwerben. Von sich aus kann eine geistige Tatsache nicht erinnert werden. Das ist ein Kennzeichen dafür, dass es sich wirklich um eine übersinnliche Tatsache handelt. Wo soll R. Steiner so etwas abgeschrieben oder nachgelesen haben?
Zweitens ist es so, dass beim Schauen geistiger Tatsachen Wiederholen und Übung nichts nützen. Was in der sinnlichen Welt selbstverständlich ist, dass Wiederholen und Übung den Meister machen, das gilt in der geistigen Welt nicht. Diese Tatsache ist für den Anfänger im übersinnlichen Forschen oftmals die “Quelle schwerer Enttäuschungen“ (GA 16, Nachwort von 1918). Eine Anstrengung, die zum ersten Mal zu einem übersinnlichen Ergebnis geführt hat, hilft beim zweiten Mal nichts. Man muss ganz andere und andersartige Anstrengungen machen, um zum selben Ergebnis zu kommen. Eine solche Mitteilung weicht vom Üblichen so stark ab, dass sie nur erlebt und erfahren sein kann.
Drittens ist das Wahrnehmen übersinnlicher Ergebnisse nur möglich, wenn man ein hohes Maß an Geistesgegenwart hat. Dort, wo übersinnliche Tatsachen auftreten, sind sie eigentlich schon wieder verschwunden. Deswegen sind übersinnliche Erlebnisse viel verbreiteter als wir meinen, weil uns die Geistesgegenwart für sie fehlt. Wiederum eine derart ungewöhnliche Charakteristik, dass sie nur auf Erfahrung beruhen kann.
Die Stufen der höheren Erkenntnis sind Steigerungen der ganz gewöhnlichen Erkenntnis eines jeden Menschen
Die Stufen der höheren Erkenntnis schweben nicht irgendwo im leeren Raum, sondern sind nichts anderes als gesteigerte Fähigkeiten, die jeder Mensch hat. Das ist auch der Grund, warum man die Ergebnisse der übersinnlichen Forschung vollständig verstehen und beurteilen kann, auch wenn man selbst nicht hellsehen kann. Dadurch auch kann man es für möglich halten, dass R. Steiner die von ihm behaupteten Fähigkeiten wirklich hatte.
Jeder Mensch hat die Fähigkeit, sich Vorstellungen zu bilden. Ich sehe einen Baum, dann wende ich mich von ihm ab und bilde in meiner Seele eine Vorstellung des Baumes, was letztlich eine Erinnerungsvorstellung ist. Alle unsere Erinnerungen sind Vorstellungen, auch unsere Sehnsüchte und Enttäuschungen, unsere Erfahrungen, Hoffnungen und Zielvorstellungen, also ein großer Teil unseres Seelenlebens sind Vorstellungen. Diese Fähigkeit, sich Vorstellungen zu bilden, isoliert, vertieft, gereinigt und losgelöst vom sinnlichen Wahrnehmen; das ist die imaginative Erkenntnis:
Vorstellung - Imagination (GA 12, 1. Kap.)
Man merkt: dabei kann man nicht stehen bleiben. Die Imagination ist zwar ein Inhalt der geistigen Welt, aber ich weiß nicht, inwiefern sie stimmt.
Deswegen hat jeder Mensch eine weitere Fähigkeit seines Erkenntnislebens: die Fähigkeit, sich Begriffe zu bilden. Ist es eine Ursache oder eine Wirkung? Wesen oder Erscheinung? Tatsache oder Bewertung? Kreis oder Ellipse? usw. Diese Begriffs-bildende Fähigkeit, die jeder hat, vertieft, isoliert, gereinigt und unabhängig von sinnlicher und imaginativer Wahrnehmung gehandhabt ist Inspiration.
Begriff - Inspiration (GA 12, 1. Kap.).
Imaginativ kommt mir beispielsweise eine liebreizende Erscheinung entgegen, die mir allerlei Versprechungen macht. Weil es eine Imagination ist, merke ich, dass ich sie wie bei einer Vorstellung prüfen muss. Also prüfe ich: diese liebreizende Gestalt kommt gar nicht auf mich zu, sondern sie geht von mir aus. Sie ist auch gar nicht so liebreizend, wie es mir anfangs schien. Und die schönen Versprechungen sind Illusionen. Sodass ich zuletzt merke: diese liebreizende auf mich zukommende Gestalt, die mir allerlei Versprechungen macht, ist nichts anderes als meine eigne Eitelkeit! So verläuft ein typischer Vorgang, der eine Imagination (liebreizende Gestalt) inspirativ als eigene Eitelkeit entlarvt. Dieses hier gegebene Beispiel bringt R. Steiner in seinem Buch „Die Stufen der höheren Erkenntnis“ (GA 12, Kap. „Die Imagination“). Die erste Form, in welcher die geistige Welt erscheint, muss subjektiv sein. Ebenso notwendig muss diese Subjektivität der Imagination durch Inspiration überwunden werden. Das ist genau dasselbe Verhältnis, welches jeder Mensch an sich selber prüfen kann. Genau so verhalten sich unsere Vorstellungen zu unseren Begriffen. Nicht jede unserer Vorstellungen kann vor dem Begriff standhalten, sondern sie muss dann korrigiert werden. Es ist schmerzhaft, wenn wir eine Lieblingsvorstellung korrigieren müssen. Dieser Schmerz tritt bei der Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse systematisch immer wieder auf. Gleichzeitig ist dies ein Vorgang innerer Qualitätskontrolle, wie man sich ihn radikaler nicht vorstellen kann.
Nun kommt die höchste Stufe. Die wird heute gar nicht so leicht verstanden, denn die meisten Menschen erwarten, dass die Erkenntnis objektiv analog einer Sinneswahrnehmung auf sie zukommen soll. Das Rätsel der Erkenntnis gebe ich mir aber selber auf. Der so bezwingend klingende Satz „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen“ (Wittgenstein „Tractatus logicophilosohicus“ 6,41, erschienen 1918) ist ein von Kant ererbter Irrtum, der bis heute im Unterbewussten vieler Menschen kraftvoll lebt. Ganz im Gegenteil dazu ist die Erkenntnis nach R. Steiner ein Geschäft, das der Mensch mit sich selbst abzumachen hat. Die Welt hat den Sinn, den ich ihr gebe. Die letzte Entscheidung über Wahrheit und Irrtum liegt im Ich und nicht irgendwo außerhalb von mir. Wenn Imagination (oder Vorstellung) und Inspiration (oder Begriff) ihren Dienst geleistet haben, dann ist das Ich zuletzt ganz allein und dient zur Erkenntnis auf der höchsten und sichersten Stufe. Es verschmilzt dann mit den Dingen und schaut sie gewissermaßen von innen an. Das ist die Erkenntnis durch Intuition:
Ich - Intuition (GA 12, 1.Kap.)
Jeder Mensch hat mindestens eine Intuition: das ist diejenige des eigenen Ich (GA 12, Kap. 1). Ich erkenne die Welt intuitiv, wenn ich alle anderen Dinge so von innen her erkennen kann wie sonst nur mein Ich.
Imagination, Inspiration und Intuition sind nicht willkürlich erfunden, sondern sie beruhen auf den Elementen jedweder menschlichen Erkenntnis. Sie sind vielfältig verknüpft mit den Grundkräften der Seele: Denken (Imagination), Fühlen (Inspiration) und Wollen (Intuition) (GA 21) und mit den Wesensgliedern Ätherleib (Imagination), Astralleib (Inspiration) und Ich (Intuition) (GA 27). Dadurch ergeben sich viele weitere Zusammenhänge, welche die Stufen der höheren Erkenntnis immer wieder und immer neu als Wirklichkeiten erkennen lassen.
Für R. Steiner erschütternde Forschungsergebnisse
R. Steiner stellte fest, dass der Ätherleib der Frau männlich, der Ätherleib des Mannes aber weiblich ist. Dieses Forschungsergebnis bedurfte einer „langen Reifung“ und gehörte für R. Steiner zu „den erschütterndsten Seelen-Erlebnissen“ (GA 28, Kap. XXXVII). Zum ersten Mal sprach er in Paris (GA 94, 29.5.1906) darüber. Ist sein Bericht über die “lange Reifung“ erfunden, und seine „Erschütterung“ geheuchelt? Wenn das so sein sollte, ergibt sich die Frage: ist bei so viel hinterhältiger Verlogenheit eine so großartige Lebensleistung wie bei R. Steiner möglich?
„Was fruchtbar ist, allein ist wahr“ (Goethe, „Vermächtnis“)
Dieses Wort ist der Bergpredigt nachempfunden, wo es heißt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Matth 7, 16). Christus meinte den Unterschied zwischen den falschen und den wahren Propheten, die man an ihren Früchten erkennen wird. Wenn man nun die vielen positiven Früchte der Anthroposophie wahrnimmt, die mittlerweile auch anerkannt werden (Waldorf, demeter, Anthr. Medizin, Heilpädagogik, GLS Bank, Firmen wie dm und Initiativen wie Sekem usf.), dann muss R. Steiner in diesem Sinne ein wahrer Prophet gewesen sein. Das ergibt die Prüfung der Anthroposophie im Sinne der Bergpredigt. Je länger wir uns von der Zeit R. Steiners entfernen, desto deutlicher wird dies.
Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann