Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
Rudolf Steiner hat sich viel Mühe gegeben, die Wissenschaftlichkeit der von ihm verfolgten Methode klarzulegen, siehe dazu meine beiden Rundbriefe vom 3. und 12.1.2020. Hier nun ein drittes Beispiel.
Historischer Hintergrund für die folgenden Darlegungen war der Vortrag vom 30.12.1922 (GA 219), wo R. Steiner das Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zur Bewegung für religiöse Erneuerung darstellte. Dieser Vortrag sorgte für viel Wirbel in beiden Bewegungen. Für die damals erst 3 Monate alte Christengemeinschaft war er ein Desaster: während zu Weihnachten 1922 die Menschenweihehandlungen voll von Besuchern waren, waren sie 1923 fast leer. Emil Bock meinte nach dem Vortrag (siehe Wolfgang Gädeke „Anthroposophie und die Fortbildung der Religion“, 1990, S. 316), jeder müsse sich unabhängig von R. Steiner sein eigenes Urteil bilden.
Und darauf antwortete R. Steiner: man könne sich gar nicht ein abhängiges Urteil von ihm bilden, denn „er wird immer so sprechen, dass auch, wenn er gesprochen hat, der einzelne sogar gezwungen ist, sich sein eigenes Urteil zu bilden, weil ihm die Möglichkeit der Bildung eines abhängigen Urteils gar nicht gegeben ist“ (GA 257, 30.1.1923). Bei allen geisteswissenschaftlichen Mitteilungen sei dies so. Urteile würde er (R. Steiner) eigentlich nur bei der Abwehr gegnerischer Meinungen mitteilen. Alle anderen Mitteilungen, die er mache, seien Tatsachen, die den Prozess der doppelten Umschmelzung eines Urteils durchlaufen haben. Was hat er damit gemeint? Und wie ist es möglich, dass wir sogar dazu gezwungen sind, uns ein eigenes Urteil zu bilden, das unabhängig von R. Steiner ist?
Der Geistesforscher schaut beispielsweise eine übersinnliche Tatsache und bildet sich darüber ein Urteil. In diesem Stadium darf er die geschaute Tatsache anderen Menschen noch nicht mitteilen, sondern er muss sie für sich behalten. Er muss das gewonnene Urteil ohne Zustimmung oder Ablehnung auf sich beruhen lassen. Dann merkt er, dass das Urteil und die übersinnliche Tatsache sich entfernen, sie verschwinden ins Unterbewusste und bleiben dort oft viele Monate oder Jahre. Dort erfährt das Urteil seine erste Umschmelzung und Verwandlung. Dann taucht es wieder auf und der Forschende merkt, er hat sich von dem ersten Urteil innerlich entfernt. Auch wenn es inhaltlich sich nicht geändert hat, steht das umgeschmolzene Urteil einerseits objektiver und entfernter, andererseits mit mehr innerlicher Wärme vor der schauenden Seele. Die Egoität, die dem ersten Urteil noch anhaftete, ist aus dem zweiten Urteil herausgeschmolzen. Dann kommt die zweite Umschmelzung des Urteils, damit das Urteil eine dritte Gestalt annehmen kann. Durch diese zweite Umschmelzung merkt der Schauende, dass das Urteil bei der übersinnlichen Tatsache selbst gewesen ist: „…zwischen dem ersten und dem zweiten Umschmelzen ist das Urteil untergetaucht in die objektiv geistige Tatsache oder in die objektiv geistige Wesenheit, und man merkt: die Sache selber gibt einem mit dieser dritten Gestalt das Urteil, das eben eine Anschauung ist, zurück.“
Die Stufen der höheren Erkenntnis erwähnte R. Steiner hier nicht, aber es ist offensichtlich, dass die doppelte Umschmelzung eines Urteils ein anderer Aspekt für das Durchlaufen der Stufen der höheren Erkenntnis ist. Erste Umschmelzung: von der Imagination zur Inspiration. Wie Sie im vorigen Brief gehört haben: das Beispiel von der liebreizenden Gestalt, die einem allerlei schöne Versprechungen macht, die aber in die eigene Eitelkeit sich verwandelt, wenn das Urteil zum ersten Mal umgeschmolzen worden ist. Zweite Umschmelzung: von der Inspiration zur Intuition. Intuitiv ist das erkennende Ich bei der übersinnlichen Tatsache selbst gewesen und hat sich mit ihr verbunden.
Und nun die Gewissensfrage: wer von uns würde, wenn er heute zu irgendeiner anthroposophischen Aussage R. Steiners gefragt wird, nicht ganz genau so antworten wie damals Emil Bock? Welche Bedeutung hat es, dass R. Steiner selbst sein Urteil zweimal umgeschmolzen hat, bevor er etwas sagte, und wir andererseits gezwungen sind, uns sofort ein eigenes Urteil zu bilden? Das sollte zumindest die Folge haben, dass auch wir bereit sind, unser eigenes Urteil umzuschmelzen. Wie oft haben wir irgendetwas bei Steiner nicht verstanden, waren schockiert oder verwirrt, und einige Jahre später haben wir es dann doch verstanden. Das waren solche Umschmelzungen unseres Urteils. Man kann es auch so sagen, dass wir unsere Meinung geändert haben oder auch so, dass wir in unserem Verständnis fortgeschritten und in das Wesen der Anthroposophie ein Stück weiter hineingewachsen sind.
Zu diesem Problem möchte ich noch einen weiteren Aspekt hinzufügen, auf den mich Paul-Steffen Garn aus Saarbrücken dankenswerterweise aufmerksam machte: "Daher ist es so, dass es heute ankommt auf das richtige Fragen, das heißt auf das richtige Sich-Stellen zu dem, was als spirituelle Weltanschauung verkündet werden kann. Kommt ein Mensch bloß aus der Stimmung des Urteilens, dann kann er alle Bücher und alle Zyklen und alles lesen - er erfährt gar nichts, denn ihm fehlt die Parzival-Stimmung. Kommt jemand mit der Fragestimmung, dann wird er noch etwas ganz anderes erfahren, als was bloß in den Worten liegt. Er wird die Worte fruchtbar mit den Quellkräften in seiner eigenen Seele erleben" (GA 148, 06. Januar 1914, S. 157).
Aus der „Stimmung des bloßen Urteilens“, mit der man alle Zyklen lesen kann, aber doch nichts versteht, entstehen diese merkwürdigen Meinungen, mit denen wir uns in letzter Zeit beschäftigt haben, dass R. Steiner sich sein Hellsehen lediglich eingebildet habe, um Macht und Einfluss und Anhänger zu gewinnen, dass R. Steiner Rassist gewesen sei usw. Wenn die Fragestimmung fehlt, wenn man nur urteilend und wortklauberisch oder um der eigenen Karriere willen oder nur beruflich sich mit R. Steiner beschäftigt, dann kommen die groteskesten Fehlurteile über R. Steiner und die Anthroposophie zustande. Hier liegt einer der schwierigsten Punkte der anthroposophischen Bewegung überhaupt: wie können wir im Vertreten der Anthroposophie jene Fragestimmung repräsentieren und dadurch im Zuhörer oder Leser erwecken? Sicherlich nicht nur dadurch, dass wir naiverweise lauter Fragen stellen, nach denen niemand gefragt hatte. Die Aufgabe, die hier zu leisten ist, ist viel schwerer.
R. Steiner hat es uns vorgemacht, wir können es von ihm lernen. Das Buch „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ enthält die erwähnte Parzival-Stimmung. Diese Seite dieses Buches ist unter Anthroposophen wenig bekannt, daher bringe ich darüber eine längere Passage: „Zu der «Wissenschaft vom Gral» führt der Weg in die übersinnlichen Welten, welcher in diesem Buche in seinen ersten Stufen beschrieben worden ist. Diese Erkenntnis hat die Eigentümlichkeit, dass man ihre Tatsachen nur erforschen kann, wenn man sich die Mittel dazu erwirbt, wie sie in diesem Buche gekennzeichnet worden sind. Sind sie aber erforscht, dann können sie gerade durch die im fünften Zeitraume zur Entwickelung gekommenen Seelenkräfte verstanden werden. Ja, es wird sich immer mehr herausstellen, dass diese Kräfte in einem immer höheren Grade durch diese Erkenntnisse sich befriedigt finden werden. Wir leben in der Gegenwart in einer Zeit, in welcher diese Erkenntnisse reichlicher in das allgemeine Bewusstsein aufgenommen werden sollen, als dies vorher der Fall war. Und dieses Buch möchte seine Mitteilungen von diesem Gesichtspunkte aus geben. In dem Maße, als die Entwickelung der Menschheit die Erkenntnisse des Grales aufsaugen wird, kann der Impuls, welcher durch das Christus-Ereignis gegeben ist, immer bedeutsamer werden. An die äußere Seite der christlichen Entwickelung wird sich immer mehr die innere anschließen. Was durch Imagination, Inspiration, Intuition über die höheren Welten in Verbindung mit dem Christus-Geheimnis erkannt werden kann, wird das Vorstellungs-, Gefühls- und Willensleben der Menschen immer mehr durchdringen. Das «verborgene Wissen vom Gral» wird offenbar werden; es wird als eine innere Kraft die Lebensäußerungen der Menschen immer mehr durchdringen“ (GA 13, Kap. „Gegenwart und Zukunft der Welt und Menschheitsentwicklung“).
Herzlich Ihr Friedwart Husemann