Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Kritiker der Anthroposophie sind der Meinung, dass R. Steiner seine höheren Fähigkeiten sich eingebildet habe, um Anhänger zu gewinnen, um ein berühmter Mensch zu werden, um Macht auszuüben oder seine Geltungssucht zu befriedigen usw. Diese Voraussetzungen sind falsch, denn an der charakterlichen Lauterkeit R. Steiners, an seiner Ehrlichkeit und an seinem guten Willen ist nach den Berichten sehr vieler, auch kritischer Zeitgenossen nicht zu zweifeln.

Dennoch bleibt ein gewisses Problem. Wenn man nämlich ernst nimmt, was R. Steiner alles konnte und wenn man überblickt, was er alles getan hat, dann muss man zugeben, dass seine Fähigkeiten überragend waren. Weit überragender als sonst ein Mensch überragend gewesen ist. Das ist das Problem. Beethoven oder Goethe waren bedeutende Menschen mit hohen Fähigkeiten. Aber bei Beethoven kann man z. B. auch der Meinung sein, dass Mozart ein ebenso großer Komponist gewesen sei. Goethe hat wunderschöne Gedichte geschrieben, aber Hölderlin, Mörike und C.F. Meyer, Anette von Droste Hülshoff und Nelly Sachs können ihm oftmals das Wasser reichen. Solche Vergleiche gehen bei R. Steiner ins Leere. Er war für das 20. Jahrhundert und sicherlich auch für weitere Jahrhunderte einzigartig. Je ernster man seine Leistung nehmen kann, desto deutlicher ist dies.

Was liegt hier vor? Wie kam diese Erhöhung R. Steiners im 20. Jahrhundert zustande und welchen Sinn hatte sie? Das hängt damit zusammen, dass wir mit dem Materialismus im 19. Jahrhundert einen Tiefpunkt erreicht haben, aus dem wir uns jetzt wieder erheben müssen. Die Kultur ging abwärts und geht äußerlich betrachtet weiter abwärts, aber seit dem Ende des finsteren Zeitalters im Jahre 1899 steht die geistige Welt wieder offen (GA 118, 27.1.1910; GA 266/3, 30.12.1923). Es kann wieder aufwärts gehen. Deswegen haben höhere Mächte diese unglaubliche Fülle von Fähigkeiten für R. Steiner zur Verfügung gestellt. R. Steiners hohe Fähigkeiten waren eine geschichtliche Notwendigkeit. Man darf nicht meinen, dass sie nur persönlich erworben worden sind. Wobei ich den persönlichen Anteil R. Steiners natürlich nicht verkleinern will.

Um dies zu verstehen, bringe ich drei Beispiele dafür, wie in den vergangenen Jahrhunderten so etwas wie die Anthroposophie ersehnt worden ist.

Der römische Kaiser Julian Apostata (332 – 363) wollte das Christentum mit den Mysterien verbinden. Das ging damals nicht. R. Steiner bezeichnete sein Streben in dieser Richtung als „welthistorischen Wahn“ (GA 181, 16.4.1918). Erst durch die Anthroposophie, also anderthalb Jahrtausende später, konnte Julians Ziel verwirklicht werden. Die Individualität Julians ist sehr bedeutend, R. Steiner hat ihre wiederholten Erdenleben erforscht (GA 238, 16.9.1924). Stellen Sie sich vor, wieviel diese Individualität dem Wirken R. Steiners von der geistigen Welt aus helfen konnte! Davon spricht R. Steiner für einzelne Mitglieder der Michaelschule gerade im Hinblick auf Julians Individualität ausdrücklich (ebenda).

Eine ganz andere Individualität war der Ketzer Girolamo Savonarola in Florenz (1452 – 1498). Nach R. Steiners Auffassung lebte das „ewige Gewissen des Christentums“ (GA 108, 27.10.1908) in seinem Reformeifer und Überzeugungsmut, aber dennoch blieb sein Werk völlig wirkungslos. Warum? Weil er das Christentum nur äußerlich kannte und ihm die esoterische Vertiefung des Christentums fehlte. Erst die Anthroposophie konnte diese Vertiefung bringen: „Die Gestalt des Savonarola ist wie ein fernes, in die Zukunft leuchtendes Zeichen, was die Anthroposophen lehren soll, nicht mit den Mitteln, mit welchen man damals glauben konnte, das Christentum wiederzufinden, sondern das Christentum mit den Mitteln der anthroposophischen Geisteswissenschaft wiederzufinden. Man kann als Anthroposoph viel an dieser Gestalt lernen“ (ebenda). Wie bei Julian Apostata war es also auch bei Savonarola: erst durch die Anthroposophie wurde seine eigentliche Absicht erfüllt.

Wieder eine ganz andere Individualität war Heinrich von Kleist (1777 – 1811). Er war nach R. Steiner „der Dichter der Sehnsucht“ (GA 132, 21.11.1911, gesprochen an Kleists 100. Todestag). Er endete tragisch durch Selbstmord. Der tiefere Grund dafür war, dass ihm die Anthroposophie als „Bringerin der Erlösung“ (ebenda) noch fehlte.

Anthroposophie ist die „Menschensehnsucht der Gegenwart“ (GA 234, 19.1.1924), und sie ist die Sehnsucht der besten, nach dem Geiste strebenden Menschen seit vielen Jahrhunderten. Durch R. Steiner brachte die geistige Welt wieder etwas hervor, was Jahrhunderte lang um der Freiheit des Menschen willen hatte verborgen werden müssen. Weil in den vergangenen Jahrhunderten sich so viel Sehnsucht nach dem Geist angestaut hatte, mussten dann die Fähigkeiten desjenigen, der diesen Geist brachte, plötzlich so unbegreiflich hoch erscheinen. So wie es Christian Morgenstern ausdrückte:

Für Dr. Rudolf Steiner

So wie ein Mensch, am trüben Tag, der Sonne vergisst,

-sie aber strahlt und leuchtet unaufhörlich,

-so mag man Dein an trübem Tag vergessen,

um wiederum und immer wiederumerschüttert, ja geblendet zu empfinden,

wie unerschöpflich fort und fort und fort

Dein Sonnengeistuns dunklen Wandrern strahlt.

Für wen also hatte R. Steiner seine höheren Fähigkeiten? Gerade nicht für sich selbst, damit er ein berühmter Mann werde, damit er Anhänger um sich schare und sonstige egoistische Motive ausleben konnte, sondern er hatte diese Fähigkeiten für uns, damit wir aus der Talsohle des Materialismus wieder herauskommen. Wenn R. Steiner es nicht gewesen wäre, dann wäre es eine andere Individualität gewesen. Irgendeine Rettung in dieser Form, wie sie R. Steiner brachte, musste kommen.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann