Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Hannah Arendt (1906 – 1975) wurde berühmt durch ihr Buch „Eichmann in Jerusalem – ein Bericht von der Banalität des Bösen (1964)“. Sie beschreibt darin ihre Beobachtungen und Deutungen des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem: „Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechtsinstitutionen und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität viel erschreckender als all die Gräuel zusammengenommen…“ (S. 400).
Durch einen Text von Martin Basfeld wurde ich auf Arendts Aufsatz „Über den Zusammenhang von Denken und Moral“ aufmerksam. Der Aufsatz erschien 1971. Sie finden ihn in dem Band „Zwischen Vergangenheit und Zukunft – Übungen im politischen Denken I“, Tb, Piper, 2016. In diesem Aufsatz blickt Hannah Arendt auf ihren damaligen Bericht zurück und fasst ihr Urteil über Eichmann noch einmal folgendermaßen zusammen: man konnte an ihm „eine merkwürdige, durchaus authentische Unfähigkeit zu denken feststellen. In der Rolle des prominenten Kriegsverbrechers funktionierte er ebenso wie zuvor unter dem Nazi Regime; es bereitete ihm nicht die geringste Schwierigkeit, völlig andere Regeln zu akzeptieren. Er wusste, dass das, was er einst als Pflicht angesehen hatte, nun als Verbrechen bezeichnet wurde, und er akzeptierte diesen neuen Kodex der Beurteilung, als handele es sich um nichts anderes als eine andere Sprachregel.“
Arendt stellt die Fragen: „Was ist das Denken?“ und „Was ist das Böse?“ Mit diesen beiden Fragen geht sie durch die Geschichte der Philosophie, wobei sie insbesondere Platon thematisiert. Sie stellt fest: „Die Schwierigkeit besteht darin, dass wenige Denker uns je erzählt haben, was sie zum Denken gebracht hat, und noch weniger von ihnen Lust gehabt haben, ihre Denkerfahrung zu beschreiben und zu ergründen.“ Im Hinblick auf Demokrit meint sie: „Es sieht so aus, als ob das, was wir als rein moralische These verstehen […], in Wirklichkeit aus der Denkerfahrung selber kommt.“ Dann aber scheint es ihr wieder so, dass „das Denken als solches keine Werte schafft…“
All das sind Fragen und Probleme, die R. Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ erörtert. Der erste Teil antwortet auf die Frage: was ist das Denken? Und der zweite Teil befasst sich mit der Frage: was ist das Gute oder anders gesagt: was ist die Liebe? Oder vom Schatten her betrachtet: was ist das Böse? Was Hannah Arendt als Mangel empfand, dass die Philosophen keine Lust gehabt haben, ihre Denkerfahrungen zu beschreiben, dazu hatte R. Steiner – so möchte man mit ihren Worten sagen - die größte Lust. Er hat das Denken soweit ergründet, dass er im Beobachten des Denkens bzw. in der Intuition des Denkens sogar die Quelle der Liebe gefunden hat. Deswegen ist „Die Philosophie der Freiheit“ auf den Christusimpuls gebaut (GA 74, 24.5.1920).
Der Begriff des Verbrechers in der „Philosophie der Freiheit“ entspricht genau dem, was Hannah Arendt an Eichmann beobachtet hat. Das Böse und das Verbrechen stammen im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ gerade nicht aus dem Individuellen eines Menschen, sondern aus dem, was aus zwölf Menschen ein Dutzend macht (9. Kapitel). Das ist ja das, was man zunächst nicht glaubt. Das war das, was Arendt an Eichmann so erschreckend fand, erschreckender als die ganzen Gräuel des Holocaust. Und dieses Phänomen ist auch heute noch kaum verstanden, dass das Böse denjenigen eher ergreift, der zu wenig zum Individuum sich durchgerungen hat, der zu wenig erzogen wurde, der zu wenig gelernt hat und zu wenig Individualisierung und zu wenig Beobachtung des Denkens und zu wenig vom Christusimpuls erfahren durfte bzw. esoterisch gesagt, der ein zu kurzes Leben zwischen Tod und neuer Geburt gehabt hat (GA 153, 8.4.1914). Es ist zwar bekannt, dass gerade weniger Gebildete dem Radikalismus und der Gewaltbereitschaft eher verfallen, aber es werden aus diesem Forschungsergebnis nicht die entsprechenden Folgerungen gezogen. Deswegen der Impuls R. Steiners, dass jedem Menschen 12 Jahre Schulbildung gewährt werden müssen. Das braucht jeder Mensch allein schon dafür, um seine eigene Würde als Individualität zu erlangen.
Hier die entscheidenden Worte aus dem 9. Kapitel: „Dass die Tat des Verbrechers, dass das Böse in gleichem Sinne ein Ausleben der Individualität genannt wird, wie die Verkörperung einer Intuition, ist nur möglich, wenn die blinden Triebe zur menschlichen Individualität gezählt werden. Aber der blinde Trieb, der zum Verbrechen treibt, kommt nicht aus Intuition, und gehört nicht zum Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße geltend ist und aus dem sich der Mensch durch sein Individuelles herausarbeitet.“ Man muss diese Worte und die weiteren Sätze, die folgen, mehrmals lesen, um zu ermessen, wie revolutionär sie auch heute noch sind. Aus demselben Grund löste das Buch „Eichmann in Jerusalem“ bei seinem Erscheinen einen Sturm der Entrüstung aus: in Israel, in Deutschland und in den USA. Warum? Weil wir alle den Unterschied zwischen der Individualität auf der einen Seite und der „Banalität“ oder den „blinden Trieben“ auf der anderen Seite noch nicht verstanden haben. Dieser Unterschied ist aber letztlich der Unterschied zwischen unsere Veranlagung zum Guten oder unserer Veranlagung zum Bösen.
Dass der Verbrecher viel eher einen Typus darstellt als eine besonders interessante Individualität, dem ist Dostojewskij in seiner Schrift „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“ (1860 -1862) ziemlich nahegekommen, obwohl er es so nicht ausspricht. Nietzsche sagte über dieses Buch: „Mit 27 Jahren zum Tode verurteilt, auf dem Schafott noch begnadigt, dann 4 Jahre in Sibirien, in Ketten, inmitten schwerer Verbrecher. Diese Zeit war entscheidend: Dostojewskij entdeckte die Kraft seiner psychologischen Intuition. Sein Erinnerungsbuch an diese Zeit ist eines der „menschlichsten Bücher“, die es gibt.“ Dostojewskij stellte in seinen Aufzeichnungen gerade die Eigenschaften an seinen Mitgefangenen fest, die jeder an sich und an anderen Menschen kennt, eben die Eigenschaften, die nicht individuell sind. Nietzsche nannte sie noch „menschlich“, Hannah Arendt fand sie entsprechend der fortgeschrittenen Dekadenz unserer Zeit und angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocaust bereits „erschreckend banal.“
Albert Steffen hat das hier vorliegende Problem in seinem Drama „Barrabas“ (1949) auf die Bühne gebracht. Barrabas kennen wir nur aus dem Evangelium, historisch oder in der Legende ist nichts von ihm überliefert. Steffen hat ihn dichterisch ausgestaltet. Er schrieb ganz in unserem Sinne: „Barrabas ist ein Typus, der noch heute [1949!] lebt.“ Bei Steffen ist er ein Nationalist, der Pilatus aus Jerusalem vertreiben will, aber aus taktischen Gründen mit ihm gemeinsame Sache macht. Man könnte auch sagen, Barrabas ist der Typus des Chauvinisten, der nur die eigene Herkunft kennt und nichts davon ahnt, was Individualisierung bedeuten soll. Im Vordergrund des Dramas stehen bei Steffen allerdings Seraphita, die Gattin des Barrabas, und Claudia, die Gattin des Herodes. Sie gehören beide zu den Heiligen Frauen um Jesus und bemühen sich, die Seelen ihrer Männer zu retten.
Die Fragen, die Hannah Arendt stellte, sind in „Der Philosophie der Freiheit“ beantwortet worden. Hannah Arendt zeigt uns: wir haben „Die Philosophie der Freiheit“ gerade in der Art, wie sie das Böse und das Verbrechen beleuchtet, noch viel zu wenig gewürdigt und ausgearbeitet. Das ist heute bei dem zunehmenden Nationalismus, Rassismus und angesichts der zunehmenden Lügenhaftigkeit unserer Zeit dringend erforderlich.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann