Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
der Nebel ist eine Erscheinung, der wir nicht ausweichen können. Wenn er einmal da ist, müssen wir uns nach ihm richten. Es nützt nichts, sich wärmer anzuziehen, wie dies bei der Kälte sinnvoll ist, oder einen Hut aufzusetzen, wenn es regnet oder wenn uns die Sonne zu heiß wird. Der Nebel ist geheimnisvoll oder „seltsam“, wie Hermann Hesse sein Gedicht über den Nebel beginnt. Das Faszinierende am Nebel ist, auf welche Weise er mehr oder weniger dicht ist. Im Vordergrund steht eine gut sichtbare Kastanie, im Hintergrund eine Eiche, die schon ziemlich eingehüllt ist. Zu uns näherkommend werden die Umrisse der Dinge deutlicher, wir vermeinen ihr Werden, vielleicht sogar ihre Schöpfung auf uns zukommen zu sehen. Es gibt nämlich einen Nebelgrad, wo der Nebel gerade so dicht ist, dass die Umrisse eines Baumes wie aus ihm heraus geboren erscheinen. Der Baum ist dann wie ein verdichteter Nebel. Das ist doch nur ein Phänomen, könnte man sagen, in Wirklichkeit ist es aber die Wahrheit. Denn das Leben der Pflanzen und der Bäume, und damit auch der Tiere und des Menschen, das Leben der ganzen Erde ist aus der Luft verdichtet. Alle Pflanzen gewinnen ihre Kohlenhydrat Substanz aus dem Kohlenstoff, genauer gesagt aus der Kohlensäure der Luft. Die so dicht gefügte Cellulose einer Eiche stammt aus der Luft. Das kommt mithilfe des Sonnenlichtes zustande (Photosynthese). Licht und Luft sind die beiden Ursprünge des Lebens. Und wenn wir nach dem Ursprung alles Stofflichen fragen, dann ergibt sich: „Alle Materie ist kondensiertes Licht“ (GA 120, 27.5.1910). Die Luft selber, die sich zum Nebel verdichtet, stammt ursprünglich aus dem Licht.
Im Nebel erscheinen für das geöffnete Geistesauge „ahrimanische Wesenheiten“. Dazu im Gleichgewicht erscheinen über dem Nebel in den von der Sonne beschienenen Wolken luziferische Wesen (GA 232, 24.11.1923).
Der Nebel hatte einstmals eine große Bedeutung in der Geschichte der Erde und der Menschheit. Die Germanen nannten diese vergangene Zeit „Nivelheim“. Wir leben zurzeit in der Epoche, die auf dieses Nebelheim folgte. Unsere geschichtlichen Quellen reichen aber nur zurück bis in die ägyptische Kulturperiode. Davor gab es noch die uralt persische und davor noch die uralt indische Epoche, von denen keine geschichtlichen Zeugnisse mehr vorhanden sind. Der persische Avesta und die indischen Veden sind spätere Nachklänge der genannten ursprünglichen Epochen. Jede dieser Epochen dauerte etwa 2160 Jahre, sodass folgende annähernde Zeiten sich ergeben:
Seit 1413 gegenwärtige 5. nachatlantische Epoche: Frühlingspunkt der Sonne in den Fischen, diese Epoche wird bis 3573 dauern
753 v. Chr. – 1413 n. Chr. griech.- röm. Kulturperiode: Sonne im Widder (daher stammt das Wort vom Lamm Gottes)
2913 v. Chr. – 753 v. Chr. ägyptische Kulturperiode: Sonne im Stier (daher der ägyptische Apisstier mit der Sonne zwischen den Hörnern)
5073 v. Chr. – 2913 v. Chr. uralt persische Kulturperiode: Sonne im Zwilling (daher die Licht/Finsternis Lehre des Zarathustra)
7233 v. Chr. – 5073 v. Chr. uralt indische Kulturperiode: Sonne im Krebs (Verinnerlichung, alles Äußere ist Maja)
Davor war die atlantische Katastrophe, wo der atlantische Kontinent zwischen Europa und Afrika einerseits und Amerika andererseits unterging. In der Bibel wird dieses Ereignis als Sintflut bezeichnet, entsprechende Mythen gibt es bei vielen Völkern. Für die Geisteswissenschaft ist die atlantische Katastrophe eine sichere Tatsache (GA 13, Kap. Die Weltentwicklung und der Mensch und GA 11, Kap „Unsere atlantischen Vorfahren“).
In der atlantischen Zeit war die äußere Luft noch dichter, das Wasser war dafür dünner als heute. Es herrschte damals ein dichter Nebel, der sich niemals aufhellte. Dafür waren die Menschen natürlicherweise hellsehend und konnten sich im Raum gut orientieren, weil sie das Innere der Dinge schauen konnten. So wie wir heute eine Laterne im Nebel sehen und ein Lichtkreis um die Laterne erscheint, so sahen die Menschen damals die Farbenaura der Dinge. Wenn ein wohlmeinender Mensch oder ein gefährliches Tier dem Menschen in der Atlantis begegneten, erkannte er dies an der Aura und konnte entsprechend sich verhalten. Rechnen und Kombinieren konnte man damals nicht, dafür hatte der Mensch ein hochentwickeltes Gedächtnis. Die atlantische Kultur stand nicht, wie man meinen könnte, niedriger als unsere Kultur, sondern im Gegenteil durch das natürliche Hellsehen und die weit überragenden Führungspersonen, die an Götter heranreichten, stand sie höher als unsere.
Als die Atlantis untergegangen war, wurde die Luft geklärt, sodass der Mensch die Sonne so sehen konnte, wie wir sie heute sehen. Der Regenbogen mit seinem Farbenglanz und seinem Farbenleuchten erschien. Als Noah nach der Sündflut mit seiner Arche an Land kam, sah er erstmals den Farbenbogen (1.Mose 9,16).
Ein solcher Rückblick in vergangene Zeiten ist ein Stück Selbsterkenntnis. Schließlich waren wir selbst damals auch schon verkörpert. Durch solch einen Rückblick gewinnen wir auch einen Vorblick in die Zukunft. Wir werden uns nämlich das atlantische Hellsehen in Zukunft wieder erwerben, das heutige helle, wache Tagesbewusstsein bleibt dann aber erhalten. Dann werden wir die Farbenaura nicht mehr im Nebel, sondern im hellen Sonnenlicht schauen. Wir werden eine Art geistigen Regenbogen erkennen, so wie dies in dem Kapitel „Von den Gedankenformen und der menschlichen Aura“ in der „Theosophie“ (GA 9) dargestellt ist. Entsprechendes gilt von der Adventsepistel der Menschenweihehandlung (GA 345, S. 76 ff) und von der 17. Klassenstunde (GA 270/II S. 131 ff). Das ist so zu verstehen, dass wir in unserer sonnerhellten Welt in einem höheren Sinne blind sind (Joh. 9,39) bzw. in der Finsternis leben („Ich schaue in die Finsternis…“ GA 268, S. 92 bzw. GA 228, 2.9.1923 in London). Wenn wir aus jener Blindheit bzw. dieser Finsternis zum höheren Schauen des Geisteslichtes erwachen, dann erscheint der geistige Farbenbogen in ähnlicher Weise wie damals der physische Regenbogen dem Noah (oder Manu) erschienen ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann