Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
hier folgt der zweite Teil meiner Betrachtung.
Das Herzdenken als innere Sonne
Wegen der in sich klaren und Licht-durchwobenen Natur des reinen Denkens ist dieses Denken zugleich ein inneres Licht. Es ist dieses Licht, von dem in den Michaelbriefen gesagt wird: „Der Mensch wird von einer „inneren Sonne“ sprechen lernen. Er wird sich deshalb in seinem Leben zwischen Geburt und Tod nicht weniger als Erdenwesen wissen; aber er wird das auf der Erde wandelnde eigene Wesen als sonnengeführt erkennen“ (GA 26, Kap. „Die menschliche Seelenverfassung vor dem Anbruch des Michaelzeitalters“). Weil dieses Denken gleichzeitig als Kraft der Liebe in geistiger Art empfunden werden kann, können wir es auch als Wärme, als innere Sonnenwärme, als innere Sonne, als Christusimpuls in uns empfinden. Deswegen ist die „Philosophie der Freiheit“ auf den Christusimpuls gebaut“ (GA 74, 24.5.1920). Wir erleben das paulinische „Nicht ich, sondern der Christus in mir“ (Galater 2,20) und erkennen, inwiefern die „Philosophie der Freiheit“ die Erkenntnistheorie des Paulus ist (GA 116, 8.5.1910).
Wenn ich im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ mein Leben durch das Ideal der Freiheit geführt empfinde, wenn ich innerlich begeistert bin über den Satz: „Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen“ (9. Kap.), so ist dies ganz dasselbe, wie wenn ich mein Leben im Sinne Michaels als „sonnengeführt“ empfinde oder wenn ich im Sinne des Paulus „Aber nicht ich, sondern der Christus in mir“ (Galater 2,20) empfinden kann. Einer dieser Sätze allein genügt nicht, sondern wir brauchen heute mehrere solcher Worte innerer Kraft, um uns zurecht zu finden, denn unsere Seelen sind heute zu sehr zerstreut, um in einem einzigen Satz sich zusammenfassen zu können.
Der Gedankenweg und der Willensweg zu Christus
In früheren Rundbriefen (29.12.1915 und 5.1.2016) habe ich schon einmal darüber referiert, was Rudolf Steiner unter Herzdenken verstand (GA 119, „Makrokosmos, Mikrokosmos“, Wien, die letzten 3 Vorträge). Er verstand darunter u. a., was er in seinem Buch „Die Rätsel der Philosophie“ praktizierte: jeden anderen Standpunkt so zu verstehen, wie wenn er der eigene wäre, mit Hegel hegelisch, mit Marx marxistisch, mit Darwin darwinistisch, mit Nietzsche nietzscheanisch, mit Goethe goetheanistisch, mit Stirner stirnerisch usw. denken zu lernen. An anderer Stelle nennt R. Steiner diese Art des Denkens den „Gedankenweg zu Christus“ (GA 193, 11.2.1919). Das Herzdenken in diesem Sinne ist also ein in sich bewegliches Denken, das auf ein und dasselbe Problem von den verschiedensten Seiten eingehen kann. Es bildet um das Problem herum eine Art von Peripherie oder Umkreis, so wie alle Blutgefäße bis in die kleinsten Kapillaren hinein einen Umkreis um das Herz bilden.
Da das Handeln aus Freiheit gleichzeitig ein Handeln aus Intuition und gleichzeitig ein Handeln aus Liebe ist, deswegen ist dieses im zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ begründete Handeln der „Willensweg zu Christus“ (GA 193, 11.2.1919), worunter R. Steiner einen gesteigerten, bewusst in der zweiten Lebenshälfte erworbenen Idealismus verstand, der dem Idealismus der „Philosophie der Freiheit“ entspricht. In der „Philosophie der Freiheit“ wird somit der Willensweg zu Christus wie ein Zentrum oder Herz begründet, dem in den „Rätseln der Philosophie“ (1. Auflage 1900/1901) die Peripherie des Gedankenweges zu Christus gegenübersteht. Beide Wege sind natürlich auch in der „Philosophie der Freiheit“ selbst enthalten: „Leben in der Liebe zum Handeln“ – der Willensweg zu Christus; „Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens“ – der Gedankenweg zu Christus. Oder mit Rosa Luxemburg gesagt: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ [Rosa Luxemburg hat diese Worte enger gemeint als sie zitiert werden, dennoch werden diese Worte berechtigter Weise so oft zitiert, weil sie auch ganz allgemein gelten]: wer das Wesen der Freiheit in sich selbst gefunden hat, der kann dieselbe Freiheit auch anderen zubilligen. Wer die Freiheit verstanden hat, der weiß, dass jedes Problem von den verschiedensten Seiten betrachtet werden muss. Das Gehirndenken ist einseitig und intolerant, das Herzdenken ist vielseitig und tolerant. Die heutigen nationalistischen, populistischen Tendenzen, die mit agitatorischen Methoden sich durchsetzen wollen, sind ein Ausdruck des bloßen Gehirndenkens.
Das Herzdenken versetzt uns an den Weltenursprung und in die Menschheitszukunft
Das sich selbst erkennende Denken führt uns zurück an den Anfang der Weltentwicklung. Das geht aus dem Kapitel „Die Weltentwicklung und der Mensch“ in der „Geheimwissenschaft“ (GA 13) hervor. Die Saturnentwicklung war die erste Verkörperung unserer Erde, wo es außer dem Menschen noch keine weiteren Naturreiche und außer der Wärme noch keine weiteren Aggregatzustände und außer dem physischen Leib noch keine weiteren Wesensglieder des Menschen gab. Der allererste Beginn dieser Entwicklung wird da so beschrieben: „…geistig Wesenhaftes, das in sich selbst vollendet ist und keines äußeren Wesens bedarf, um seiner bewusst zu werden.“ Und später noch einmal mit anderen Worten: „Bei wirklich genauem Zusehen wird man aber doch merken, dass alles Fragen nach dem „Woher“ endigen muss bei den oben geschilderten Saturnzuständen. Denn man ist auf ein Gebiet gekommen, wo die Wesen und Vorgänge nicht mehr durch das sich rechtfertigen, aus dem sie entstammen, sondern durch sich selbst.“ Der Mensch schaut in dem sich selbst erfassenden Denken etwas an, was durch sich selbst sich rechtfertigt. Anders gesagt, er wird an seinen eigenen Ursprungspunkt zurückversetzt.
Und das ist wiederum ein Michael-Motiv: „Michael trägt in sich alle die Ursprungskräfte seiner Götter und der des Menschen.“ (GA 26, „Die Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirken Ahrimans“). Ahriman will den Menschen von „seinen kosmischen Kindheitskräften abschnüren“ (GA 26, Leitsatz Nr.129). So werden wir durch das sich selbst erfassende Denken an den Ursprung unserer eigenen Entwicklung versetzt und damit an den Punkt, wo wir selbst zu Schöpfern werden können.
Aus der freien Tat des Menschen wird demgemäß in Zukunft ein neuer Kosmos entstehen. Wenn die Erde in den Wärmetod übergehen wird, dann wird die Summe oder das Integral aller freien Taten aller Menschen den Kosmos der Zukunft bilden, welcher ein Kosmos der Liebe sein wird (GA 78, 5.9.1921 und GA 128, 28.3.1911). Die Götter warten auf die freien Taten des Menschen, und ohne das freie Schöpfertum des Menschen geht die Entwicklung nicht weiter.
Dieser Zusammenhang unseres Denkens mit unserer Vergangenheit und unserer Zukunft kann auch christologisch ausgesprochen werden: „Ich bin das A und das O, der Erste, der Letzte und der Lebendige“ (Apokalypse 1,8 bzw. 22,13).
Wo können wir das Denken beobachten?
Diese Frage ist wichtig und wird deswegen immer wieder erörtert. R. Steiner äußerte sich darüber ausführlich im 3. Kapitel. Ich kann das Denken eines anderen Menschen, ich kann mein eigenes vergangenes Denken und ich kann das Denken an fingierten Beispielen, etwa an den Billardkugeln (3. Kap.) oder an dem aufflatternden Rebhuhn (4. Kap.) beobachten. Der Spezialfall, dass ich mein gegenwärtiges Denken nie beobachten kann, weil es vollständig auf meiner eigenen Tätigkeit beruht, hindert mich nicht daran, das Denken vollinhaltlich beobachten zu können und darüber Forschungen anzustellen. In der „Philosophie der Freiheit“ sind wir in Sachen „Beobachtung des Denkens eines anderen Menschen“ sogar in der privilegierten Situation, das Denken eines so hervorragenden Denkers wie Rudolf Steiner beobachten zu können. Die Beobachtung des Denkens in diesem Sinne hat zunächst mit irgendeiner Meditation nichts zu tun, sondern erhebt unseren gewöhnlichen Menschenverstand zum gesunden Menschenverstand. In Wirklichkeit ist unser Denken nämlich krank, es hat einen „intellektuellen Sündenfall“ (GA 220, 21.1.1923) durchgemacht, welcher durch die „Philosophie der Freiheit“ geheilt werden kann.
Man könnte einwenden, diese Art der Beobachtung des Denkens sei lediglich ein literarisches Verarbeiten. Es ist hier jedoch wie in der Mathematik. Wenn ich den Lehrsatz des Pythagoras verstanden habe, so ist er mein geistiges Eigentum und ich kann damit schalten und walten, ganz unabhängig davon, wer ihn entdeckt hat oder von wem ich ihn gelernt habe. Genauso ist es mit der Beobachtung des Denkens. Wenn ich begriffen habe, welche Bedeutung es hat, dass wir das Denken durch es selbst erfassen können, dann ist diese Beobachtung mein geistiges Eigentum und ich kann die Wichtigkeit dieser Sache so weit verstehen, dass ich den Zusammenhang mit der inneren Sonne Michaels erfassen kann. Meine Freude, mein Enthusiasmus, die durch solche Gedanken erzeugt werden, die gehören zwar mir, aber sie sind aus dem reinen Denken entsprungen: „Die Begeisterung entströmt nicht mehr bloß mystischem Dunkel, sondern gedankengetragener Seelenklarheit“ (GA 26, „Im Anbruch des Michael Zeitalters“). Und es besteht doch immer wieder die Gefahr, dass man jenes „mystische Dunkel“ nachträglich in die “Philosophie der Freiheit“ wieder hineinschiebt.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Friedwart Husemann