Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Unter dem Titel „Was will Waldorf wirklich?“ erschien jetzt rechtzeitig zum Jubiläum ein Buch von Valentin Wember im Stratos Verlag, 250 Seiten, 15,00 €.

Wember ist ein erfahrener Waldorf Lehrer, wie man an jedem Satz seines Buches merkt. Die Inhalte der Waldorf-Pädagogik kommen sehr deutlich zur Geltung. Die entscheidenden Vorgaben lässt Wember allesamt in Steiner Zitaten sprechen. Gleichzeitig berücksichtigt er sensibel und kenntnisreich die heute bestehenden Vorurteile. Jeder Leser wird dort abgeholt, wo er steht. Der Autor hat nämlich jede seiner Mitteilungen selbst hinterfragt und bietet seine Lösung freilassend an. Wember kennt die damaligen Verhältnisse bei der Gründung der Schule und die heutigen Bedürfnisse unserer Zeit und der nächsten Zukunft. Im Zentrum steht sein Bemühen um Erkenntnis des sich entwickelnden Kindes, allgemein menschlich, aber auch so individuell wie nur möglich. Sehr einleuchtend beispielsweise wird es, wie die drei Seelenkräfte ineinanderwirken. Die Sympathie ist noch ein Gefühl, neigt sich aber dem Willen zu. Die Antipathie ist ebenfalls noch ein Gefühl, nähert sich aber schon dem Denken. Die Denkfähigkeit eines Kindes wird dadurch geweckt, dass der Erzieher Interesse für das Kind entwickelt. Die Willenskräfte eines Kindes erstarken dadurch, dass der Erzieher dem Kind gegenüber Liebe entwickelt. So kurz gesagt, scheint das fabelhaft. Je mehr man sich aber mit den menschenkundlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik befasst, desto einleuchtender wird es einem.

Der Lehrer kommt nicht darum herum, sich mit den Texten R. Steiners auseinanderzusetzen, sonst hat er nicht die nötigen lebendigen Begriffe, um ein Kind zu verstehen, und vor allem erweckt er andernfalls seine eigenen Schöpferkräfte nicht. Wember weist nach, dass solche Forderungen keine Dogmatik bedeuten, sondern das Streben, die eigene Identität der Waldorfpädagogik zu bewahren und ihr Abgleiten in die Beliebigkeit zu verhindern. Der Autor stellt auch die Esoterik der Gründung der Schule dar. R. Steiner bat die höheren Hierarchien, also Engel, Erzengel und Zeitgeister zu Hilfe und legte sie den Lehrern zur täglichen Meditation ans Herz. Wember zeigt hierbei, wie man „innerste Esoterik mit äußerster Öffentlichkeit verbinden“ kann, wie dies R. Steiner 1923 bei der Weihnachtstagung empfohlen hatte.

Ein wichtiges Anliegen des Buches liegt darin, für ein wirklich freies Geistesleben zu wirken, was durch den Gedanken der sozialen Dreigliederung möglich werden wird. Hier erweist sich Valentin Wember als fundierter Kenner unserer heutigen Zeitverhältnisse. Überall bringt er konkrete Beispiele. Das Buch enthält keine einzige Phrase, jeder Satz ist individuell erkämpft und erlitten.

Ich war selbst 5 1/2 Jahre lang in der Waldorfschule und habe meine beiden Kinder durch verschiedene Waldorfschulen bis zum Abitur begleitet. Das vorliegende Buch ist für Anfänger und Fortgeschrittene, für Begeisterte und auch für Enttäuschte sehr zu empfehlen, denn es stellt das notwenige Ideal dar, ohne welches keiner von uns für die Waldorfpädagogik wirken oder unterstützend mitwirken kann. Man fühlt nach der Lektüre die beglückende Gewissheit: so kann es weitergehen!

Herzlich Ihr Friedwart Husemann