Der Pfad der Erkenntnis in der “Theosophie“

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

vor der Sommerpause kommt ein etwas längerer Text zu Ihnen, aber Sie haben dann ja auch mehr Zeit, sich damit zu befassen. Im Zusammenhang mit den Problemen der Gegenwart, die politisch und in unseren eigenen Reihen überall auf uns eindringen, gilt auch für das hier angeschlagene Thema: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Hölderlin „Patmos“). Gerade im äußeren Trubel und sogar im Untergang ist die Besinnung auf das Wesentliche entscheidend.

In den Büchern „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ und „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ besteht der Pfad der Erkenntnis im Großen und Ganzen aus Meditationen einerseits und Nebenübungen, Bedingungen, Wirkungen, Begegnungen mit den Hütern der Schwelle etc. andererseits. Es wird auch begründet, welchen Sinn und welchen Zweck die Nebenübungen haben, damit die Meditationen nicht schaden.

Umso erstaunlicher ist, dass Rudolf Steiner in seinen Klassenstunden von 1924 viele Meditationen gibt, aber die Nebenübungen nicht erwähnt. Man kann natürlich denken, dass sie vorausgesetzt werden. Im Laufe der Jahre habe ich mir aber eine andere Meinung gebildet. Die ersten vier Klassenstunden, in denen die drei Tiere meditiert und meditierend überwunden werden, sind der Ersatz für die Nebenübungen. Die Nebenübungen sind hier selbst zu Meditationen geworden. Die drei Tiere sind die Entgleisungen des Denkens, Fühlens und Wollens, die jedem Geistesschüler an der Schwelle begegnen müssen. Im roten Fenster des ersten und zweiten Goetheanum sind sie bildhaft dargestellt. In „Wie erlangt man…“ sind sie in dem Kapitel „Die Spaltung der Persönlichkeit während der Geistesschulung“ beschrieben. Die Sphinx bzw. das Viergetier, mit dem Ödipus kämpfen musste, meint denselben Tatbestand. Die Nebenübungen haben den Sinn, die drei Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens so zu stärken und zu harmonisieren, dass sie an der Schwelle den drei Tieren gewachsen sind.

In dem Kapitel „Der Pfad der Erkenntnis“ in der „Theosophie“ bestehen die Übungen nur aus den sogenannten fünf Nebenübungen. Sie werden allerdings in anderer Reihenfolge und inhaltlich anders als sonst beschrieben. Warum ist dies so? Ich habe viele Jahre mit dieser Frage gelebt, bis ich darauf kam, dass in der „Theosophie“ Schritte übersinnlicher Organbildung und Erkenntnis beschrieben werden, die urbildlich sind und in dieser Form bei Rudolf Steiner sonst nirgends vorkommen. Die Nebenübungen werden hier nicht wie in der „Geheimwissenschaft“ im Hinblick auf Denken, Fühlen und Wollen geübt, sondern direkt im Hinblick auf das Erlangen höherer Erkenntnis: erst wird ein „leeres Gefäß“ gebildet, dann wird es erfüllt, dann werden die Wahrnehmungsstrahlen ausgerichtet und zuletzt wird das übersinnliche Organ durch den Willen betätigt. Das heißt aber eigentlich: die Nebenübungen sind hier zu Hauptübungen geworden. Man kann diese in der „Theosophie“ dargestellte übersinnliche Organbildung vergleichen mit der Ausbildung der Lotosblumen in „Wie erlangt man...“. Man erhält dann ein inhaltvolles Bild von der Struktur eines höheren Wahrnehmungsorgans.

Wenden wir uns jetzt dem zu, was in der „Theosophie“ über die erwähnten fünf Übungen steht. Dieser Text ist unter Anthroposophen, soweit ich das beurteilen kann, weitgehend unbekannt.

1. die unbefangene, selbstlose Hingabe

Die Tugend der Unbefangenheit soll gesteigert werden: „Der Lernende muss in jedem Augenblick sich zum völlig leeren Gefäß machen können, in das die fremde Welt einfließt. Nur diejenigen Augenblicke sind solche der Erkenntnis, wo jedes Urteil, jede Kritik schweigen, die von uns ausgehen…[…] Will einer den Pfad der höheren Erkenntnis betreten, so muss er sich darin üben, sich selbst mit allen seinen Vorurteilen in jedem Augenblick auslöschen zu können. Solange er sich auslöscht, fließt das andere in ihn hinein. Nur hohe Grade von solch selbstloser Hingabe befähigen zur Aufnahme der höheren geistigen Tatsachen, die den Menschen überall umgeben.“ Man sieht, wie die Unbefangenheit nicht nur wie in der „Geheimwissenschaft“ für das Gleichgewicht von Denken und Wollen, sondern im Hinblick auf das Erfassen der geistigen Welt geübt wird. Die Seele wird zum „völlig leeren Gefäß“ gemacht, sie macht einen Platz frei, sie wird bildhaft gesprochen zu einem Augenbecher, ohne den das geistige wie auch das physische Auge nicht sehen können.

2. die richtige Schätzung

Diese Übung ist eine Metamorphose der Übung zur Positivität. Dazu erzählt R. Steiner in der „Geheimwissenschaft“ die Legende von dem Christus Jesus, wie er mit einigen seiner Jünger an einem toten Hund vorübergeht. Die Jünger wenden sich ab von dem hässlichen Anblick, der Christus Jesus spricht bewundernd von den schönen Zähnen des Tieres. Eine solche Seelenhaltung, wie sie im Sinne dieser Legende ist, sollen wir uns aneignen. In der „Theosophie“ wird diese Übung von einer anderen Seite her angepackt und wiederum direkt mit der Erkenntnis höherer Welten verknüpft: die Art und Weise, wie die Jünger reagieren, entspricht dem, wie jeder von uns spontan reagiert. Wir richten uns in unserem Verhalten nach dem, was uns gefällt und was und nicht gefällt. Und darin liegt - von der geistigen Welt her betrachtet - eine Selbstüberschätzung: „Solange der Mensch noch geneigt ist, sich selbst auf Kosten der ihn umgebenden Welt zu überschätzen, solange verlegt er sich den Zugang zu höherer Erkenntnis. Wer einem jeglichen Dinge oder Ereignis der Welt gegenüber sich der Lust oder dem Schmerz hingibt, die sie ihm bereiten, der ist in solcher Überschätzung seiner selbst befangen. Denn an seiner Lust und an seinem Schmerz erfährt er nichts über die Dinge, sondern nur etwas über sich selbst… […] …Mit anderen Worten: ich bin nur duldsam mit dem, was meiner Eigenart entspricht. Gegen alles andere übe ich eine zurückstoßende Kraft. Solange der Mensch in der Sinneswelt befangen ist, wirkt er besonders zurückstoßend gegen alle nicht sinnlichen Einflüsse.“

Auf was es hier ankommt, ist, dass wir uns unseres Gefühlslebens bewusstwerden. Die Gefühle sind es, die uns die höhere Welt offenbaren. Das tun aber nicht die gewöhnlichen und alltäglichen Gefühle, sondern nur die umgewandelten und gereinigten. Es geht um Gefühle, Ahnungen und Stimmungen, wie sie z. B. mit dem „Anthroposophischen Seelenkalender“ geübt werden. Dort wird ja ausdrücklich gesagt, dass an ein fühlendes Selbsterkennen gedacht ist. Ich weiß noch genau, wie fremd mir das vorkam, als ich das als Anfänger las. Aber die Gefühle sind für die höhere Erkenntnis dasselbe, was das Licht für das Auge oder was der Ton für das Ohr ist. Der freie Raum, der durch die erste Übung geschaffen worden ist, erfüllt sich jetzt durch die wahrnehmend gewordenen Gefühle mit seelischem Licht und mit seelischem Ton.

3. Gelassenheit

Nun ist der leere Raum zwar mit Licht erfüllt, aber das Licht selbst ist zum Schauen noch nicht geeignet. Nicht nur die Selbstüberschätzung muss aus den Gefühlen herausgenommen werden, sondern wir dürfen uns auch nicht in ihnen verlieren. Die Gefühle müssen zueinander ins Gleichmaß und Gleichgewicht gesetzt werden. Wir müssen uns im Sinne der Nebenübungen das „himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt“ (Klärchen in Goethes „Egmont“, 3. Aufzug, 2. Szene) abgewöhnen: „Ein Mensch, der je nach den wechselnden Eindrücken sich in Lust und Leid verliert, kann nicht den Pfad der geistigen Erkenntnis wandeln.“ Die Gefühle müssen uns zu einer „Gelegenheit“ werden, die Welt kennenzulernen, Lust und Leid sollen uns zu „Lehrmeistern“ werden. Der Lernende lässt Lust und Leid die „Organe sein, durch die ihm die Dinge sagen, wie sie, ihrem Wesen nach, selbst sind.“ Lust und Schmerz werden zu „Sinnesorganen“, zu „Durchgangsorganen“, sie werden zu „Seelenaugen.“

Die zweite und die dritte Übung sind ähnlich, weil beide die Gefühle bearbeiten. Aber die eine richtet sich mehr nach innen auf unsere eigene Selbstüberschätzung, die andere mehr nach außen, damit die Gefühle uns zu Erkenntnis-Lehrmeistern werden.

4. Strenge Regelung des Gedankenlebens

Nun kommt die Gedankenkontrolle, die in der „Geheimwissenschaft“ an erster Stelle steht und mit der Konzentration auf einen Bleistift oder auf eine Stecknadel berühmt geworden ist. In der Esoterischen Schule gibt es eine Stelle, wo R. Steiner betont, dass man unbedingt mit dieser Übung beginnen müsse, weil die anderen sonst keinen Inhalt haben (GA 266/I, 6.6.1907, Aufzeichnung B, S. 240). Hier in der „Theosophie“ steht die entsprechende Übung an vierter Stelle und wird anders eingeführt und sie hat dort auch eine andere Aufgabe. Unser gewöhnliches Denken, welches durch unser physisches Gehirn zustande kommt, ist sprunghaft und irrlichterlierend. Da setzt ein Gedanke ein und wird nicht zu Ende gedacht, ein anderer stört und biegt alles in eine andere Richtung usw. Für den Alltag ist dies nicht so schlimm, weil die wirklichen Verhältnisse korrigierend sich auswirken. Ich mag ein noch so konfuses Bild von einer Stadt haben, will ich in dieser Stadt einen Weg machen, muss ich mich nach den wirklichen Verhältnissen richten. Der Mechaniker mag seine Werkstatt mit noch so bunt durcheinanderwirbelnden Gedanken betreten, er wird durch die Gesetze seiner Maschinen zu den richtigen Maßnahmen geführt. So ist es aber in der geistigen Welt nicht. Die geistigen Gesetze drängen sich dem Denken nicht so auf wie die physischen, sondern offenbaren sich nur einem Denken, das der geistigen Welt entspricht. Deshalb muss das Denken sich selbst disziplinieren und sich selbst korrigieren. Für den Anfang bedeutet dies, dass wir überhaupt erst einmal darauf aufmerksam werden, wie konfus unser eigenes Denken normalerweise ist. Nur mit einem Denken, das streng in sich geregelt ist, können wir die geistige Welt betreten. Über diese Übung, für die man sich das mathematische Denken zum Vorbild nehmen kann, fällt der Satz: „Er [der Lernende] muss bestrebt sein, wo er geht und steht, in solcher Art denken zu können. Dann fließen die Gesetzmäßigkeiten der geistigen Welt in ihn ein, die spurlos an ihm vorüber- und durch ihn hindurchziehen, wenn sein Denken den alltäglichen, verworrenen Charakter trägt.“

Das geregelte Denken verbindet unser seelisches Innenlicht, das aus der Reinigung der Gefühle sich ergeben hat, mit dem geistigen Außenlicht.

5. Das Handeln

Das Handeln des Geistesschülers kann nicht bloß nach dem eigenen Nutzen und Vorteil sich richten, sondern der Schüler muss lernen, seine Taten nach dem Wahren, Guten und Schönen zu richten: „Verzicht auf die Früchte des Handelns für die Persönlichkeit, Verzicht auf alle Willkür: das sind die ernsten Gesetze, die er sich muss vorzeichnen können. Dann wandelt er in den Wegen der geistigen Welt, sein ganzes Wesen durchdringt sich mit diesen Gesetzen. Er wird frei von allem Zwang der Sinnenwelt: sein Geistmensch hebt sich heraus aus der sinnlichen Umhüllung. So gelangt er hinein in den Fortschritt zum Geistigen, so vergeistigt er sich selbst.“ Es kommt dabei meines Erachtens keinesfalls nur auf die sogenannten „wichtigen“ Taten des Alltags an, sondern vor allem auf die scheinbar unwesentlichen. Das kann man aus den Beschreibungen, wie R. Steiner den Alltag bewältigte, lernen, z. B. auch wie er mit dem Geld umging. Es ist z. B. ganz wider den Geist und Sinn der hier beschriebenen Willensübung, wenn ein Geistesschüler das Finanzamt täuscht oder einen „kleinen“ Versicherungsbetrug ins Werk setzt, wie das heutzutage in der üblichen Welt gang und gäbe ist. Gerade so etwas kann sich ein Geistesschüler eben nicht leisten: „Aus dem was bloß aus der Persönlichkeit heraus getan wird, ergeben sich keine Kräfte, die eine Grundlage bilden können für Geisterkenntnis.“ Das ist der wirkliche Zusammenhang unserer irdischen Taten mit der Erkenntnis des Geistigen.

Und warum brauchen wir einen geschulten Willen? Die höheren Organe sind nicht wie die physischen Organe vergleichsweise passive Organe, sondern es sind tätige Organe. Diese letzte Übung ist der Höhepunkt der fünf Übungen, weil dadurch der ganze Geistesmensch aus dem physischen Menschen sich erhebt, man kann auch sagen geboren wird und dann selbständig in der geistigen Welt sich bewegen kann. Das erinnerte mich an eine wichtige Mitteilung über den Willen: früher waren die Mysterien Weisheits-Mysterien, seit dem Mysterium von Golgatha sind die Mysterien Willens-Mysterien (GA 104, 17.6.1908). In diesem Wort ist viel enthalten, darin ist das Rettende enthalten, das Hölderlin meinte.

Mit herzlichen Grüßen für eine schöne Sommerpause

Ihr Friedwart Husemann

Der nächste Rundbrief kommt im September