Rundbrief zur Himmelskunde

Liebe Freunde,

es gibt Dinge, die ich in der Schule gerne gehört und verstanden hätte, dort aber nicht gehört habe. Das bezieht sich bei mir vor allem auf den Mond. Der zunehmende Mond, den wir abends sehen, wendet seine beleuchtete Seite der Sonne zu. Von uns aus gesehen ist seine rechte Seite beleuchtet. Der abnehmende Mond, den wir morgens sehen, wendet seine beleuchtete Seite ebenfalls der Sonne zu. Da die Sonne nun aber links von ihm steht, ist seine linke Seite beleuchtet. Als man früher noch die deutsche (bzw. Sütterlin-) Schrift schrieb, war das geschriebene z dem zunehmenden Mond und das geschriebene a dem abnehmenden Mond ähnlich. Über diese Eselsbrücke dichtete Christian Morgenstern:

Als Gott den lieben Mond erschuf,

gab er ihm folgenden Beruf:

Beim Zu- sowohl wie beim Abnehmen

sich deutschen Lesern zu bequemen,

ein a formierend und ein z

dass keiner groß zu denken hätt.

Befolgend dies, ward der Trabant

ein völlig deutscher Gegenstand.

Und nun das Wesentliche. Auf der Südhalbkugel ist es andersherum! Wenn Touristen aus Europa in Brasilien zum Baden gehen, merken sie meistens erst an ihren Sonnenschirmen, wohin der Schatten sich bewegt, dass die Sonne andersherum als bei uns wandert. Sie wandert natürlich auch von Ost nach West, von der Südhalbkugel aus gesehen ist dies aber eine Bewegung von rechts nach links und nicht wie bei uns eine Bewegung von links nach rechts. Der zunehmende Mond sieht dort unten also aus wie bei uns der abnehmende Mond und der abnehmende Mond sieht im Süden so aus wie bei uns der zunehmende Mond.

Insgesamt also ein Musterbeispiel für das verschiedene, ja umgekehrte Erscheinen der Welt je nach dem, von welchem Standpunkt aus man sie betrachtet. Das ist keine Sinnestäuschung, das ist kein Irrtum, sondern, weil der Mensch es verstehen und durchschauen kann, ist es das Wesen der Sache, welches man denkend erfassen kann. Die Sonne bewegt sich von Osten nach Westen, wenn wir es phänomenologisch bzw. ptolemäisch betrachten. Kopernikanisch betrachtet fährt der auf der Erde stehende Mensch mit der sich drehenden Erde von Westen nach Osten. Die Erde dreht sich von oben (vom Norden) betrachtet um ihre eigene Achse links herum, gegen den Uhrzeigersinn. Vom Süden her betrachtet dreht sie sich im Uhrzeigersinn, rechts herum (siehe Walter Kraul „Erscheinungen am Sternenhimmel“, Stuttgart, 2002, S. 18). So wird uns die Erde selbst erst zu einem Stern.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann