Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

kürzlich entdeckte ich, dass ich den Band 108 der Gesamtausgabe abgesehen von wenigen Vorträgen überhaupt noch nicht systematisch durchgelesen hatte. Solche Entdeckungen über noch nie gelesene Seiten können natürlich ein Zufall sein, aber manchmal liegt darin auch ein Wink, dass man dies oder jenes gerade jetzt hören und verstehen soll. So war es bei mir mit dem Vortrag über die Selbsterkenntnis (GA 108, 23.11.1908, in Wien). Da stellt R. Steiner die Selbsterkenntnis in einer Weise dar, die mir völlig neu war. Es gibt nach dieser Darstellung vier Schichten der Selbsterkenntnis, die nach den Wesensgliedern geordnet sind. Das ist auch ein passendes Thema jetzt für die Zeit der Sommersonnenwende, die morgen um 17.55 MESZ stattfindet.

Zunächst gibt R. Steiner Goethe sogar recht, dass die bloße Selbstbespiegelung in der Selbsterkenntnis, das bloße in sich Hineinbrüten gar nichts bringt, sondern nur Reue und andere unfruchtbare Gefühle hervorbringt, weil einem bei dieser Art von Selbstschau der eigentliche Maßstab fehlt (an anderen Stellen hat R. Steiner in diesem Punkt Goethe auch korrigiert, z. B. in GA 6, Seite 91 der Ausgabe von 1963). Steiner erinnert an das Wort von Goethe und Schiller: „Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die anderen es treiben; Willst du die anderen verstehen, blick in dein eigenes Herz“ (Tabulae votivae Nr. 23, Überschrift: „Der Schlüssel“). In demselben Sinne gibt es von Rudolf Steiner selbst viele Wahrsprüche und Widmungen.

Insofern gilt für die einfachste Form der Selbsterkenntnis, die der physischen Ebene entspricht, dass der Mensch sich fragen sollte: wie wäre es, wenn ich nicht vor so und so vielen Jahren in Wien [der Vortrag wurde in Wien gehalten] geboren worden wäre, sondern 50 Jahre früher in Moskau? Da muss ich erstmal studieren, wie es heute und damals in Moskau zuging und demgegenüber heute und damals in Wien usw. Das ist eine Form der Welterkenntnis, die zur Selbsterkenntnis wird. „Ziehen Sie alles ab, was nicht bedingt ist, durch das Wann und Wo der Geburt,“ dann erfassen Sie, wie weit das Ich unter dem Einfluss des Wann und des Wo der Geburt steht. Wir müssen die Eigenart unserer Umgebung und unserer Zeit kennen, dann erfassen wir ein Spiegelbild unseres Ich. Das ist wirkliche Selbsterkenntnis, wenn auch auf der einfachsten Ebene. Wenn Sie heute in einer Zeitung ein Interview lesen, dann sagen die Betreffenden oft: „das hat mich geprägt“, und darin ist etwas von dieser Form der Selbsterkenntnis enthalten.

Die nächste Stufe der Selbsterkenntnis bezieht sich auf den Ätherleib, d.h. in diesem Fall auf unsere Vererbungslinie. Wie der physische Leib, so unterliegt ja auch der Ätherleib der Vererbung. Es geht um unsere Talente, Anlagen und besonderen Fähigkeiten [hier wäre dann so etwas zu bedenken, was Rudolf Steiner z. B. in der „Geheimwissenschaft“ (GA 13, Kap. „Schlaf und Tod“) von der Familie Bach [Musiker] oder Bernoulli [Mathematiker] berichtet). Wir sollen unsere Aufmerksamkeit auf unsere Familie, unser Volk und unsere Ethnie lenken und sie „vergleichen mit den universellen Eigenschaften der ganzen Menschheit“. Wer dann daraufhin seine Talente erweitern oder umerziehen will, der sollte seine Interessen so vielseitig wie möglich machen. Also wieder die Geste: schau um Dich! Goethe hat gesagt: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“ (Sprüche in Prosa, Nr. 697 in der Ausgabe von R. Steiner). Dasselbe gilt für die hier gemeinte Stufe der Selbsterkenntnis.

Die dritte Stufe ist eine Erziehung des Astralleibes. Hier gilt, dass wir „karmisch denken lernen.“ Wenn mir etwas Peinliches, etwas Unangenehmes passiert, wenn ich verletzt, gedemütigt, belogen oder geschlagen werde, dann soll ich zu dem Gedanken fähig sein: das habe ich mir selbst in einem vergangenen Leben so zubereitet. Die Ohrfeige, die ich von jemandem bekommen habe, die habe ich mir in Wirklichkeit selbst gegeben. Das heißt „das Karma leben.“

Die höchste Stufe der Selbsterkenntnis bezieht sich auf das Ich. Jetzt gilt die radikalste Umstülpung. Denn was ist die eigentliche Selbsterkenntnis? Es ist die Art und Weise, wie Saturn, Sonne und Mond bis zur Erde sich entwickelt haben! Das ist die Selbsterkenntnis durch wahre Welterkenntnis. Damals gab es ja erst die Aufsätze „Aus der Akasha Chronik“ (später GA 11), auf die R. Steiner hinwies, aber einige Jahre später erschien die Geheimwissenschaft (GA 13), wo das Kapitel „Die Weltentwicklung und der Mensch“ dieses Thema in umfassendster Weise darstellt und damit eine Ich - Erkenntnis lieferte, die so radikal ist, dass wir es noch gar nicht verstanden haben, dass es hier um unser eigenes Ich geht. Wie ist das Ich entstanden? wie hat es sich entwickelt? welche Prüfungen muss es bestehen? welche Aufgabe hat es und wozu ist es berufen? Dieses alles und vieles mehr wird dort beantwortet.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann