Anthroposophische Gesellschaft Michaelzweig Pforzheim
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Friedwart Husemann

Portait Hr.HusemannDr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.

Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.

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Über die Selbsterkenntnis

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

kürzlich entdeckte ich, dass ich den Band 108 der Gesamtausgabe abgesehen von wenigen Vorträgen überhaupt noch nicht systematisch durchgelesen hatte. Solche Entdeckungen über noch nie gelesene Seiten können natürlich ein Zufall sein, aber manchmal liegt darin auch ein Wink, dass man dies oder jenes gerade jetzt hören und verstehen soll. So war es bei mir mit dem Vortrag über die Selbsterkenntnis (GA 108, 23.11.1908, in Wien). Da stellt R. Steiner die Selbsterkenntnis in einer Weise dar, die mir völlig neu war. Es gibt nach dieser Darstellung vier Schichten der Selbsterkenntnis, die nach den Wesensgliedern geordnet sind. Das ist auch ein passendes Thema jetzt für die Zeit der Sommersonnenwende, die morgen um 17.55 MESZ stattfindet.

Zunächst gibt R. Steiner Goethe sogar recht, dass die bloße Selbstbespiegelung in der Selbsterkenntnis, das bloße in sich Hineinbrüten gar nichts bringt, sondern nur Reue und andere unfruchtbare Gefühle hervorbringt, weil einem bei dieser Art von Selbstschau der eigentliche Maßstab fehlt (an anderen Stellen hat R. Steiner in diesem Punkt Goethe auch korrigiert, z. B. in GA 6, Seite 91 der Ausgabe von 1963). Steiner erinnert an das Wort von Goethe und Schiller: „Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die anderen es treiben; Willst du die anderen verstehen, blick in dein eigenes Herz“ (Tabulae votivae Nr. 23, Überschrift: „Der Schlüssel“). In demselben Sinne gibt es von Rudolf Steiner selbst viele Wahrsprüche und Widmungen.

Insofern gilt für die einfachste Form der Selbsterkenntnis, die der physischen Ebene entspricht, dass der Mensch sich fragen sollte: wie wäre es, wenn ich nicht vor so und so vielen Jahren in Wien [der Vortrag wurde in Wien gehalten] geboren worden wäre, sondern 50 Jahre früher in Moskau? Da muss ich erstmal studieren, wie es heute und damals in Moskau zuging und demgegenüber heute und damals in Wien usw. Das ist eine Form der Welterkenntnis, die zur Selbsterkenntnis wird. „Ziehen Sie alles ab, was nicht bedingt ist, durch das Wann und Wo der Geburt,“ dann erfassen Sie, wie weit das Ich unter dem Einfluss des Wann und des Wo der Geburt steht. Wir müssen die Eigenart unserer Umgebung und unserer Zeit kennen, dann erfassen wir ein Spiegelbild unseres Ich. Das ist wirkliche Selbsterkenntnis, wenn auch auf der einfachsten Ebene. Wenn Sie heute in einer Zeitung ein Interview lesen, dann sagen die Betreffenden oft: „das hat mich geprägt“, und darin ist etwas von dieser Form der Selbsterkenntnis enthalten.

Die nächste Stufe der Selbsterkenntnis bezieht sich auf den Ätherleib, d.h. in diesem Fall auf unsere Vererbungslinie. Wie der physische Leib, so unterliegt ja auch der Ätherleib der Vererbung. Es geht um unsere Talente, Anlagen und besonderen Fähigkeiten [hier wäre dann so etwas zu bedenken, was Rudolf Steiner z. B. in der „Geheimwissenschaft“ (GA 13, Kap. „Schlaf und Tod“) von der Familie Bach [Musiker] oder Bernoulli [Mathematiker] berichtet). Wir sollen unsere Aufmerksamkeit auf unsere Familie, unser Volk und unsere Ethnie lenken und sie „vergleichen mit den universellen Eigenschaften der ganzen Menschheit“. Wer dann daraufhin seine Talente erweitern oder umerziehen will, der sollte seine Interessen so vielseitig wie möglich machen. Also wieder die Geste: schau um Dich! Goethe hat gesagt: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“ (Sprüche in Prosa, Nr. 697 in der Ausgabe von R. Steiner). Dasselbe gilt für die hier gemeinte Stufe der Selbsterkenntnis.

Die dritte Stufe ist eine Erziehung des Astralleibes. Hier gilt, dass wir „karmisch denken lernen.“ Wenn mir etwas Peinliches, etwas Unangenehmes passiert, wenn ich verletzt, gedemütigt, belogen oder geschlagen werde, dann soll ich zu dem Gedanken fähig sein: das habe ich mir selbst in einem vergangenen Leben so zubereitet. Die Ohrfeige, die ich von jemandem bekommen habe, die habe ich mir in Wirklichkeit selbst gegeben. Das heißt „das Karma leben.“

Die höchste Stufe der Selbsterkenntnis bezieht sich auf das Ich. Jetzt gilt die radikalste Umstülpung. Denn was ist die eigentliche Selbsterkenntnis? Es ist die Art und Weise, wie Saturn, Sonne und Mond bis zur Erde sich entwickelt haben! Das ist die Selbsterkenntnis durch wahre Welterkenntnis. Damals gab es ja erst die Aufsätze „Aus der Akasha Chronik“ (später GA 11), auf die R. Steiner hinwies, aber einige Jahre später erschien die Geheimwissenschaft (GA 13), wo das Kapitel „Die Weltentwicklung und der Mensch“ dieses Thema in umfassendster Weise darstellt und damit eine Ich - Erkenntnis lieferte, die so radikal ist, dass wir es noch gar nicht verstanden haben, dass es hier um unser eigenes Ich geht. Wie ist das Ich entstanden? wie hat es sich entwickelt? welche Prüfungen muss es bestehen? welche Aufgabe hat es und wozu ist es berufen? Dieses alles und vieles mehr wird dort beantwortet.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Die Voraussetzungen der Inkarnation Ahrimans sind weitgehend erfüllt

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

 Rudolf Steiner spricht an mehreren Stellen seines Werkes von der Inkarnation Ahrimans im Westen, die im Laufe des 21. Jahrhunderts sich ereignen wird („ehe auch nur eine Teil des dritten Jahrtausends abgelaufen sein wird…“ GA 191, 1.11.1919). Diese Inkarnation können wir nicht verhindern, aber wir müssen sie als solche erkennen. Im dritten Jahrtausend vor Christi gab es eine entsprechende Inkarnation Luzifers in China, die ebenfalls nicht verhindert werden konnte, sondern im Gegenteil rückblickend auch viel Gutes gebracht hat.

In der Bibel entspricht der Inkarnation Ahrimans das Kommen des Antichrist, über den Johannes in seinen 1. Brief schreibt. Solowjow hat die „Kurze Erzählung vom Antichrist“ geschrieben. Der Antichrist bei Solowjow verspricht: Gesundheit und Wohlstand für alle! Albert Steffen schrieb das Drama „Der Sturz des Antichrist“, welches 1933 (!) uraufgeführt wurde. Hans Scholl ging als Widerstandskämpfer von einem der Teestunden des katholischen Gelehrten Theodor Haecker nachhause, Haecker hatte die Schrift „Vom Kommen des Antichristen“ geschrieben. Und Hans Scholl sagte zu seinen Freunden: „Der Antichrist kommt nicht erst, sondern er ist schon da.“ Im nächsten Flugblatt der weißen Rose kam dann die Mitteilung, dass Hitler der Antichrist bzw. der Satan sei und dass man den Nationalsozialismus nur durch transzendente Begriffe verstehen könne.

Systematisch gesprochen darf man den Antichristen, die Inkarnation Ahrimans, und das Tier aus der Apokalypse mit der Zahl 666 nicht miteinander verwechseln, obwohl beide natürlich satanische Mächte sind. Nach den Vorhersagen R. Steiners (GA 346, 20.9.1924) müsste man für 1933 anthroposophisch exakt von dem Tier mit der Zahl 666 sprechen. Albert Steffen verlegte den Sturz des Antichristen an das Ende des 20.  Jahrhunderts, wo die Zahl des Tieres sich verdreifachte (1998 = 3 X 666) und damit das Tier eine besondere Macht bekam, der Antichrist indessen damals sicher noch nicht erschienen war.  

Andreas Neider hat in Heft 4 /2018 der Zeitschrift „Gegenwart“ einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben mit dem Titel: „Vorbedingungen zur Inkarnation Ahrimans bereits heute weitgehend erfüllt.“  Rudolf Steiner nennt am 1.11.1919 (GA 191) 5 Bedingungen, die die Inkarnation Ahrimans vorbereiten. Andreas Neider folgend referiere ich wie folgt.

  1. Die rein materialistische Betrachtung des Kosmos.  Wer die heutige Naturwissenschaft kennt, weiß, dass dies Voraussetzung schon lange gegeben ist.
  2. Das soziale und politische Leben wird nur nach dem wirtschaftlichen Wohlergehen ausgerichtet. Das ist ebenfalls schon lange der Fall.
  3. Das Aufleben nationalistischer Impulse. Vor 2 Jahren wurde D. Trump mit der Parole „America first“ gewählt, und in vielen weiteren Ländern vor allem Europas ist das Wiederauftreten nationaler Impulse zu bemerken.
  4. Eine weitere Voraussetzung für die Inkarnation Ahrimans, die Sie vielleicht erstaunt, ist: das wortwörtlich Nehmen der Bibel! 40% der Amerikaner bezeichnen sich selbst als evangelikal. Die evangelikalen Sekten spielen dort eine große Rolle. Im Weißen Haus wird seit D. Trump jede Woche eine evangelikale Bibelstunde abgehalten, an der viele Kabinettsmitglieder teilnehmen. Der evangelikal orientierte Justizminister Jeff Sessions rechtfertigte die Trennung der Kinder von den Eltern bei mexikanischen Einwanderern, die weltweit Empörung auslöste und dann auch wieder zurückgenommen wurde, mit Römer 13, wonach man der Obrigkeit untertan sein soll. Sessions sagte: illegale Einwanderung sei ein Verbrechen, Verbrechen müsse man bestrafen, Gott habe es so gewollt.  Mit Römer 13 haben ja auch viele Nazis ihr Verhalten im 3. Reich gerechtfertigt. Quelle hierzu: https://www.zeit.de/kultur/2018-07/evangelikale-donald-trump-religioeser-fundamentalismus-usa-migration
  5. Das gläubige Annehmen und Sich - Sicherfühlen mit Statistiken. „Die Zahlen sind es, durch welche die Menschen in eine Richtung verführt werden, durch die Ahriman am besten seine Rechnung findet für seine künftige Inkarnation.“ (1.11.1919).

Wie gesagt, wir können diese Inkarnation Ahrimans, die in einem Menschen stattfinden wird, nicht verhindern, aber wir müssen sie erkennen.

„Man kann sagen: es ist nur ein Buch, nicht zwei Weisheiten – ein Buch. Es handelt sich nur darum, ob Ahriman das Buch hat oder Christus. Christus kann es nicht haben, ohne dass die Menschheit dafür kämpft“ (GA 191, 15.11.1919).

Wir leben in ernsten Zeiten, sodass ich solche Gedanken dem Advent sehr angemessen finde, obwohl sie im üblichen Sinne nicht schön sind.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Hans im Glück

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Das Märchen von „Hans im Glück“ ist mir als Kind ein besonderer lieb gewesen. Ich habe natürlich schon verstanden, dass dem Helden von Tauschhandel zu Tauschhandel ein immer größerer Nachteil entsteht. Aber der allmähliche Übergang vom Goldklumpen zum Pferd, vom Pferd zur Kuh, vom Kuh zum Schwein, vom Schwein zur Gans, und von der Gans zu den Schleifsteinen und schließlich zu den verlorenen Steinen war doch von Schritt zu Schritt gerade soeben noch einfühlbar. Ich wünschte, dass es für ihn doch vielleicht noch gut ausgehen könnte. Und so war es dann ja auch, wenn er über jeden Tausch so glücklich war und zuletzt glücklich bei seiner Mutter zuhause ankam. Auch schätzte ich es, dass das Glück nicht nur im Gewinn, sondern im Verlust liegen kann. Ich ahnte etwas von dem, was sich in R. Steiners Tierkreisdichtung bei der Fische-Strophe ausspricht: „Der Verlust sei Gewinn für sich.“

„Hans im Glück“ ist ein Märchen mit tiefem spirituellen Hintergrund. Im Geisterland glänzt für jeden von uns ein individueller „Goldklumpen“, nämlich das höhere Ich, das von Inkarnation zu Inkarnation immer wertvoller wird. Die 7 Jahre, die Hans seinem Herrn treu gedient hat, ist der Zeitraum von der ganzen vergangenen Inkarnation bis in die Mitte der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Da wünscht sich Hans von seinem Herrn, wieder nach Hause, also zurück auf die Erde gehen zu dürfen. Der Herr sagt: „du hast mir sieben Jahre lang treu und redlich gedient, wie der Dienst war, so soll der Lohn sein“ und gab ihm einen Goldklumpen, der so groß wie Hansens Kopf war. Den Goldklumpen müssen wir uns so vorstellen, dass er jedesmal, also durch jede Wiederverkörperung ein Stück wertvoller wird. Jetzt, in der Mitte zwischen Tod und neuer Geburt, wird der Goldklumpen also in Hansens eigene Verantwortung gegeben, und Hans will nichts weiter als wieder zurück zur Erde. Sein Ich steigt abwärts und kommt durch die Region des Astralplans, wo die Tiere ihre Gruppen Iche haben. Das ist dieselbe Region, wo wir beim Aufstieg in die geistige Welt das Kamaloka durchmachen. An diesem Ort wird im Absteigen unser Bewusstsein immer mehr eingeschränkt, man kann auch sagen, es wird immer weniger wertvoll. Das ist der Abstieg vom Pferd über Kuh und Schwein bis zur Gans. Zuletzt sind es nur noch zwei mineralische Schleifsteine, die Hans in den Brunnen fallen lässt, sodass er seinen ursprüngliche Lohn, sein höheres Ich, vollständig verloren bzw. vergessen hat. Da hat das Ich einen physisch mineralischen Leib bestiegen und wird von seiner irdischen Mutter freudig empfangen. Hans ist glücklich darüber, dass er einen neuen Lebenszyklus in der physischen Welt beginnen darf. Das ist in Wirklichkeit auch unser eigentliches Glück, dass wir durch wiederholte Erdenleben uns weiter vervollkommnen dürfen. Es ist ein wirkliches Wunder, wenn ein neuer Mensch geboren wird und ein individueller Geist den irdischen Leib ergreift. Jeder von uns erlebt da seinen Hans im Glück Moment. Trotz seiner äußerlichen Paradoxie hat dieses Märchen dadurch eine unglaubliche innere Überzeugungskraft.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Der zweifache Ursprung des Menschen

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

die Ähnlichkeit des Menschen mit den Tieren ist unverkennbar, seine Wirbeltiernatur, seine Vierfüßlernatur und seine Säugetiernatur liegen offen zu Tage. Oft ist gesagt worden, der Unterschied zwischen Mensch und höherem Affen sei geringer als der Unterschied zwischen dem höheren und niederen Affen usw. Das alles ist klar und wird von jedem Beobachter bestätigt. Aber jetzt gleich darauf kommt der große Denkfehler. Aus der genannten Verwandtschaft des Menschen mit den Tieren wird der Schluss gezogen: der Mensch hat sich aus den unvollkommeneren Tieren entwickelt, der Mensch stammt vom Affen ab. Die Ähnlichkeitsfrage wird mit der Abstammungsfrage falsch verknüpft. Sondern es ist so, dass Mensch und Tier beide denselben Vater haben. R. Steiner sagt in dem Text, den Sie unten genauer nachgewiesen finden: der von ihm gezogene Vergleich sei zwar trivial, aber er sei zutreffend: ein Vater hat zwei Söhne, der eine ist sittlich minderwertig und intellektuell unbedeutend, der andere ist sittlich hochstehend und intellektuell bedeutend. Die beiden sind Brüder, sie sind verwandt. Beide stammen von demselben Vater ab. Aber es ist nicht so, dass der höherstehende Bruder von dem niedriger stehenden abstammt. So ist es zwischen Mensch und Tier. Sie haben denselben Vater, sie stammen aber nicht voneinander ab. Der Affe ist der herabgekommene Bruder, der Mensch ist der heraufgestiegene Bruder. Und wer ist nun dieser gemeinsame Vater? Wer hat diesen Aufstieg zum Menschen einerseits und den Abstieg zum Tier andererseits bewirkt? Das ist die Menschenseele selbst!

Ulrich Warncke, München machte mich darauf aufmerksam, wie R. Steiner 1905 in dem Artikel „Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie“ (GA 34, S. 222 bis 244) die Evolution erklärt. Er spricht da von einem zweifachen Ursprung des Menschen, er unterscheidet unsere körperliche Ähnlichkeit mit den Tieren von unserer seelischen Fähigkeit, am Körper zu arbeiten. Er unterscheidet eine „Vorfahrenseele“ von einem „Vorfahrenkörper“.

Die Vorfahrenseele hat früher an dem Leib des Menschen gearbeitet und ihn nach und nach höher gebracht. Die Seele des Menschen war schon vorhanden, als äußerlich sichtbar nur die niedersten Tiere auf der Erde zu sehen waren. Die einfachsten Tierformen wurden als erste für unbrauchbar befunden, sie wurden aus dem Vorfahrenkörper als erste ausgeschieden, wurden sichtbar und kamen herunter. Der unsichtbar gebliebene restliche Vorfahrenkörper wurde von der Vorfahrenseele weiterbearbeitet und so ging es Schritt für Schritt weiter. Der letzte für unbrauchbar erachtete, ausgeschiedene und heruntergekommene Vorfahrenkörper waren die Affen, der letzte höhergekommene Vorfahrenkörper wurde der sichtbare Mensch. Die Vorfahrenseele des Menschen hat dies alles bewirkt. Sie arbeitete zuerst an den eigenen Organen des Vorfahrenkörpers und bildete diese aus. Die Kraft, die früher aufgebraucht wurde zur Organ-Umbildung, richtete sich später, als der Mensch äußerlich entstanden war, nach außen. Deswegen sind die Maschinen und Werkzeuge, die der Mensch nach außen erfunden hat, den Organen der Tiere ähnlich, die er früher aus sich selbst herausgesetzt hat. Hier liegt der eigentliche Grund, warum das Ruder einer Flosse und die Tragfläche einem Flügel oder die Beißzange einer Adlerklaue entsprechen: „Wie die heute nach außen gerichtete Seele Maschinen baut, so baute die Vorfahrenseele noch an dem menschlichen Vorfahrenkörper selbst.“ Seelisch stammt der Mensch von dieser Vorfahrenseele, leiblich stammt er von dem Vorfahrenkörper ab.

Zusammenfassend heißt es: „Die ganze Summe der irdischen Lebewesen stammt also in Wahrheit vom Menschen ab. Was heute als Seele in ihm denkt und handelt, hat die Entwicklung der Lebewesen bewirkt. Als unsere Erde noch am Anfang war, war er selbst noch ein ganz seelisches Wesen. Er begann seine Laufbahn, indem er einen einfachsten Körper sich bildete. Und die ganze Reihe der Lebewesen bedeutet nichts anderes als die zurückgebliebenen Stufen, durch die er seinen Körperbau heraufentwickelt hat bis zur heutigen Vollkommenheit. Die heutigen Lebewesen geben natürlich nicht diejenige Gestalt wieder, welche ihre Vorfahren auf einer bestimmten Stufe hatten, als sie sich von ihren Vorfahren abzweigten. Sie sind nicht stehengeblieben, sondern nach einem bestimmten Gesetz, das hier nicht weiter berücksichtigt werden kann, verkümmert. Das Interessante ist nun, dass man äußerlich auch durch die Theosophie auf einen Stammbaum des Menschen kommt, der dem von Haeckel konstruierten gar nicht so unähnlich ist. […] äußerlich besteht also eine Ähnlichkeit zwischen den Haeckelschen und den theosophischen Stammbäumen; innerlich – dem Sinne nach – sind sie himmelweit verschieden.“

Wenn wir also – wie schon mehrmals erwähnt – mit W.H. Preuss (1882) postulieren, dass der Mensch das erstgeborene Wesen des ganzen Kosmos ist, dann müssen wir uns wirklichkeitsgemäß dazu vorstellen, dass dieser Urmensch eine Doppelnatur hatte, einen Vorfahrenkörper und eine Vorfahrenseele. Im Anfang der Entwicklung war die Vorfahrenseele sehr groß und mächtig, der Vorfahrenkörper war klein und unscheinbar. Am Ende der Entwicklung kamen Seele und Körper soweit zur Deckung, dass im 19.Jahrhundert die Behauptung auftreten konnte, die Seele des Menschen sei nur ein Produkt des Menschenkörpers.

Im nächsten Rundbrief besprechen wir das erwähnte „bestimmte Gesetz“, dass die ausgeschiedenen Tierformen verkümmern und herunterkommen mussten, während der Mensch immer weiter aufstieg. Das war zwar notwendig, wird später aber aus der Freiheit des handelnden Menschen heraus wieder ausgeglichen werden.

 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Was ist falsch am kategorischen Imperativ?

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

ein Leser meines letzten Rundbriefes über „Tatort Erkenntnisgrenze“ fragte mich: jetzt „müssen“ Sie erklären, was denn falsch ist am kategorischen Imperativ? Dazu referiere ich Ihnen heute nachfolgend Kant, Goethe, Schiller, Nietzsche, R. Steiner und Adolf Eichmann. Eichmann nämlich berief sich in Jerusalem auf den kategorischen Imperativ!

Kants kategorischer Imperativ lautet wörtlich: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ („Kritik der praktischen Vernunft“, 1. Teil, 1. Buch, 1.Hauptstück, § 7).

Im selben Kontext steht Kants Pflichtbegriff: „Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich insgeheim ihm entgegen wirken, welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen, die unnachlaßliche Bedingung desjenigen Werts ist, den sich Menschen allein selbst geben können?“ (Kritik der praktischen Vernunft, 17.Kap).

Schon Goethe und Schiller dachten anders. Sie waren nicht dafür, dass man seine Neigungen unterdrücken soll, um das Gute zu tun. Goethe: „Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.“ (Sprüche in Prosa Nr.604 in der Ausgabe R. Steiners). Schiller und Goethe: „Gewissensskrupel“ – „Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung / Und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin“ (Xenien).

Nietzsche schrieb: „Eine Tugend muss unsere Erfindung sein, unsere persönlichste Notwehr und Notdurft; in jedem anderen Sinne ist sie bloß eine Gefahr […] Nichts ruiniert tiefer, innerlicher als jede unpersönliche Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion. Dass man den kategorischen Imperativ Kants nicht als lebensgefährlich empfunden hat! […] Was zerstört schneller als ohne innere Notwendigkeit, ohne tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen? Als Automat der Pflicht? Es ist geradezu das Rezept zur decadence, selbst zum Idiotismus…“ („Der Antichrist“ §11, Band 6 der Ausgabe von Colli und Montinari).

Rudolf Steiner meinte im 9. Kapitel der „Philosophie der Freiheit“: „Dieser Satz [vom kategorischen Imperativ] ist der Tod aller individueller Antriebe des Handelns. Nicht wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist.“

In neuerer Zeit ist der kategorische Imperativ in einem sehr beklemmenden Zusammenhang zitiert worden. Man sieht, wie Nietzsches Wort von der „Lebensgefährlichkeit“ des kategorischen Imperativs sich bitter bewahrheitet hat. Hannah Arendt schreibt in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem – ein Bericht von der Banalität des Bösen“ im Kapitel VIII „Von den Pflichten eines gesetzestreuen Bürgers“, dass Eichmann immer und immer wieder davon gesprochen hat, dass er seine Pflicht getan habe, ja dass er sein Leben lang den Moralvorschriften Kants gefolgt sei. Der Richter Raveh fragte dann Eichmann, was er darunter verstehe. Da antwortete Eichmann: „Da verstand ich darunter, dass das Prinzip meines Strebens so sein muss, dass es jederzeit zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung erhoben werden könnte“ (S. 232, 4. Aufl. München, 2009). Immer wieder betonte Eichmann, dass niemand in seiner Umgebung zu ihm gesagt habe, dass es falsch sei, was er tue oder dass jemand sein Gewissen aufgerüttelt habe (S. 220). Auch sei es ihm nie eingefallen, „sich in die Nesseln einer eigenen Entscheidung zu setzen“ (S. 250). Eichmann sagte: „Bei einer guten Staatsführung hat der Untergebene Glück, bei einer schlechten hat er Unglück. Ich hatte kein Glück“ (S. 279).

Wenn Sie daraufhin das 9. Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ lesen, merken Sie den krassen Unterschied. Wie wichtig es ist, eine individuelle Moral zu begründen, die im Innersten des Ich das Wahre, Schöne und Gute finden will und sich nicht darauf verlässt, was die Umgebung tut oder sagt.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

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