Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
im Hinblick auf die Evolution des Menschen lernten wir das Gesetz kennen, dass die „Vorfahrenseele“ des Menschen nur dadurch eine Höherentwicklung bewirken konnte, dass sie die ungeeigneten Bildungen unseres „Vorfahrenkörpers“ aussonderte, sichtbar werden und verfallen ließ. Jedes Tier ist so betrachtet eine Hülle, derer sich die Vorfahrenseele entledigen musste, um aufzusteigen.
Schon der Schritt vom alten Saturn zur alten Sonne (siehe GA 13, Kap. „Die Weltentwicklung und der Mensch) offenbart dieses Gesetz, welches in dem Buch „Aus der Akasha Chronik“ (GA 11) formuliert wird. Es ging damals um den Fortschritt vom Mineral (alter Saturn) zur Pflanze (alte Sonne). Der Pflanzenzustand, den der Mensch damals errang, konnte nicht erreicht werden, ohne dass ein mineralisches Reich zurückgelassen werden musste. So heißt es in dem erwähnten Buch: „Wie es heute keine Pflanzen geben kann ohne ein Mineralreich, aus dem sie ihre Stoffe aufnehmen, so war es auf der Sonne mit dem Pflanzenmenschen. Dieser musste daher einen Teil der Menschenanlagen zugunsten seiner weiteren Entwicklung auf der Stufe des Minerals zurücklassen. Und da auf der Sonne ganz andere Verhältnisse vorhanden waren als auf dem Saturn, so nahmen diese zurückgestoßenen Mineralien ganz andere Gestalten an, als sie auf dem Saturn gehabt haben. Es entstand somit neben dem Menschen-Pflanzenreich ein zweites Gebiet, ein besonderes Mineralreich. Man sieht, der Mensch steigt in ein höheres Reich auf, indem er einen Teil seiner Genossen hinabstößt in ein niederes. Diesen Vorgang werden wir auf den folgenden Entwicklungsstufen sich noch oft wiederholen sehen. Er entspricht einem Grundgesetz der Entwicklung“ (GA 11, Ausgabe 1964, Seite 180/181).
Dasselbe geschah später mit den Tieren im Laufe der Erdentwicklung, bis der eigentliche Mensch von heute entstand. Das „Hinabstossen“ war aber keine zweckvolle Handlung in dem Sinne wie wir heute handeln, sondern es war ein Gesetz der Entwicklung, das in den Dingen wirksam war. Und schließlich wird es in Zukunft so sein, dass das Hinabstoßen karmisch eines Tages wieder ausgeglichen werden wird. Es wird dem Hinabstoßen der Tiere ein Zu-sich-Emporheben und Heraufziehen der Tiere folgen. Dies wird aus freier Einsicht des künftigen Menschen geschehen.
Dies schildert R. Steiner in einem ganz wunderbaren, einzigartigen Vortrag über das Karma der Tiere (GA 120, 17.5.1910). In der Mitte der lemurischen Zeit, das ist die Zeit, wo die Bibel den Sündenfall oder die Vertreibung aus dem Paradies ansetzt, wo das Ich des Menschen erstmals sich verkörperte, wo der vorher eingeschlechtliche Mensch in zwei Geschlechter sich trennte, da war eine regelrechte Krisis der Weltentwicklung. Die eingeschlechtlich sich fortpflanzenden Menschenleiber wurden immer härter und immer ungeeigneter, damit Menschenseelen sich verkörpern konnten. Mithilfe Luzifers zogen die Menschenseelen deswegen von der Erde weg und fanden auf anderen Weltenkörpern ihren Wohnplatz. Drunten auf der Erde konnten nur die allerstärksten Seelen noch in einem Menschenleib sich verkörpern, sodass das, was die Bibel von Adam und Eva erzählt, insofern richtig ist, dass die Menschheit auf der Erde sich – symbolisch gesprochen - auf einen einzigen Menschen bzw. auf ein einziges Menschenpaar reduzierte. Durch die Trennung der Geschlechter, die bei Adam und Eva – abermals symbolisch gesprochen - erstmals auftrat wurden die Menschenleiber wieder so elastisch und zart, dass die Seelen der bisher der Erde fern gebliebenen Menschen sich wieder inkarnieren konnten und die Zahl der verkörperten Seelen auf der Erde wieder zunahm.
In derselben Zeit blieben die Tiere aber allesamt auf der Erde. Ihre Leiber waren zu dauernden Verhärtung bestimmt. Weil sie keine Individualität hatten, mussten sie den Schmerz erleiden, ohne ihn überwinden zu können, ohne dadurch fortschreiten zu können. Der Mensch dagegen konnte den Schmerz überwinden und dadurch sich weiterentwickeln. Die Tiere zeigen uns „unsere Organisation auf der Stufe, da wir schmerzfähig waren, aber den Schmerz noch nicht durch Überwindung des Schmerzes ins Heilsame für die Menschheit umwandeln konnten“ (GA 120, 17.5.1910). „Wir müssen hinblicken auf die Tiere mit dem Gefühl: da draußen seid ihr, Tiere. Wenn ihr leidet, leidet ihr etwas, was uns Menschen zugutekommt. Wir Menschen haben die Möglichkeit, das Leiden zu überwinden, ihr müsst das Leiden erdulden. Wir haben euch das Leiden gelassen, und uns die Überwindung genommen“ (ebenda). In früheren Zeiten, wo noch Eingeweihte das Leben regelten, wurden die Tiere daher ausnehmend liebevoll behandelt. In Indien ist die Kuh heute noch heilig. Der materialistische Mensch dagegen behandelt die Tiere wie eine Sache. In den modernen Tierfabriken erzeugen wir unsere Nahrungsmittel als Massenware und töten die dazu unbrauchbaren Wesen ohne weiteres. Aber das Mitgefühl mit den Tieren wird wiederkommen. Der Mensch wird die Tiere, die er für seine eigene Entwicklung hinab gestoßen hat, wieder zu sich heraufziehen.
Christian Morgenstern hat in seinem Gedicht „Fußwaschung“ das hier skizzierte Gesetz der Entwicklung und seinen karmischen Ausgleich ausgesprochen:
Ich danke dir,
du stummer Stein,
und neige mich zu dir hernieder:Ich schulde dir mein Pflanzensein.Ich danke euch, ihr Grund und Flor,und bücke mich zu euch hernieder:Ihr halft zum Tiere mir empor.Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,und beuge mich zu euch hernieder:Ihr halft mir alle drei zu Mir.Wir danken dir, du Menschenkind,und lassen fromm uns vor dir nieder:weil dadurch, daß du bist, wir sind.Es dankt aus aller Gottheit Ein -und aller Gottheit Vielfalt wieder.In Dank verschlingt sich alles Sein. Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann