Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
ein Leser meiner Rundbriefe fragte mich, was ich zum Brexit meine. Seit David Camerons Initiative, ein Referendum abzuhalten, habe ich die dazu gehörenden Ereignisse in der SZ und im ARD genau verfolgt, vor allem auch vor dem Hintergrund dessen, was R. Steiner zu der langfristigen Strategie der Hintermänner der Führung der englisch sprechenden Völker gesagt hat (GA 173 a-c und viele weitere Stellen). Was R. Steiner da ausführte, will ich hier nicht referieren. Der interessierte Leser kann es bei Steiner selbst oder dokumentarisch sorgfältig belegt in dem Buch von Markus Osterrieder „Welt im Umbruch – Rudolf Steiners Haltung im ersten Weltkrieg“, Stuttgart, 2014 nachlesen. Osterrieders vorzügliches Buch habe ich in meinen Rundbriefen damals besprochen.
Ich möchte eigentlich nur auf zwei Phänomen - Linien hinweisen, worin sich meines Erachtens das Wesentliche zum Brexit ausspricht.
Das erste ist England selbst. Das jetzige politische Chaos in London ist nur ein Schein, es lenkt vom Wesentlichen ab. Ebenfalls vom Wesentlichen ablenkend ist die Empörung über dieses Chaos. Unsere Medien meinen, dass der Brexit wirtschaftlich für England einen Schaden bedeuten werde. Das wird aber höchstens vorübergehend so sein, und wenn, dann nur für einzelne Wirtschaftszweige. Die harten Brexiteers wissen ganz genau, was sie tun. Wenn sie aus der EU draußen sind, brauchen sie auf die übrigen EU - Staaten keine Rücksicht mehr zu nehmen und können ihre eigenen Steuergesetze erlassen. Das hat kürzlich einer der englischen Milliardäre in einem Interview gesagt. Das ist für die folgenden Jahrzehnte von großem Vorteil, weil heute schon solche Firmen wie ikea, Google, facebook und Amazon ihre Hauptstandorte danach aussuchen, wieviel Steuern sie da zahlen müssen und ihren weltweiten Gewinn dann nur noch über diesen Hauptstandort mit den geringsten Gewerbesteuern laufen lassen. Nach dem Wunsch des englisch sprechenden Großkapitals werden solche und ähnliche Firmen immer größer und bedeutender werden, das gilt nicht nur für heute, sondern vor allem für die Zukunft. Man rechnet mit der nächsten industriellen Revolution, deren Inhalt u. U. noch gar nicht bekannt ist. Dafür braucht man den richtigen Standort, der nach dem Willen der Brexiteers natürlich nur England sein kann. Das ist einer der Vorteile, die der Brexit für England bringt. Weitere Vorteile werden sich erweisen. Ob harter oder weicher Brexit ist egal, weil der Austritt ohnehin nur eine vorübergehende Sache ist. Die Geldmenge der Welt hat in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen, sie steht in keinem Verhältnis mehr zur Wirtschaftsleistung der Welt. Die entsprechenden Gesetze hatte Margret Thatcher auf den Weg gebracht. Die englische und amerikanische Finanzwirtschaft ist für diese steigende Geldmenge verantwortlich. Die destruktive Wirkung dieser Übermenge haben wir in der Finanzkrise (2008) erlebt. Eine längerfristige Folge sind die steigenden Bodenpreise und die steigenden Mieten, die wir jetzt erleben. Dieselben Leute, die die Geldmenge erhöht haben, nehmen auch Kriege in Kauf, weil sie dadurch noch mehr Geld gewinnen. Die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich wird von ihnen sogar gewollt, weil sie dadurch die Welt beherrschen können. Denn sie sind auf der Seite der Reichen. Dass man bei der Leave – Europe - Kampagne ganz bewusst gelogen hat, ist nicht weiter schlimm, das gehört zum „Geschäft.“ Wichtiger ist, dass diese Lügen erfolgreich waren. Also kurz gesagt: da ist ein Zynismus am Werk, der nur die Macht und das Geld im Auge hat und der – im Sinne Steiners – „letzten Endes die ganze Welt unter die Herrschaft des Materialismus stellen will“ (GA 173 c, 15.1.1917). Francis Bacon, Isaac Newton und Charles Darwin sind die geistigen Paten dieser Bewegung. Hauptsächlich diese drei haben den Materialismus erfunden, jetzt soll er ins Werk gesetzt werden, um damit die Welt zu beherrschen.
Demgegenüber das zweite Phänomen. Paradoxerweise ist die Klimakatastrophe unsere Rettung. Weltweit scharen sich die gutgesinnten Menschen um Greta Thunberg und um die Demonstrationen Fridays for Future. Das Volksbegehren zum Bienensterben hat im bayerischen Parlament eine Kehrtwende bewirkt, die man vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätte (ich lebte 39 Jahre lang in München, Bayerns Landeshauptstadt). Die Partei der Grünen erhält einen Zulauf wie nie zuvor. Die katholische Kirche, die nach ihrem eigenen Selbstverständnis einen moralischen Maßstab setzen müsste, liegt mit ihrem eigenen Missbrauchs Skandal moralisch am Boden. Stattdessen werden die zu schützenden Naturwerte zu unseren neuen moralischen Maßstäben. Die jüngsten Berichte über den Plastik Müll haben uns einen heilsamen Schock versetzt. Zwei mutige Töchter von Weinbauern aus Bordeaux haben gegen den Widerstand des französischen Wein - Establishments den Giftskandal des französischen Weinbaus enthüllt, sodass mittlerweile ganz Frankreich entsetzt ist (SZ Magazin vom 10.5.2019). Die Söhne dieser Winzer stellen auf Bio um und besuchen „biodynamische“ (ebenda) Fortbildungen. Die Erde selbst als zu schützende Entität tritt in den Vordergrund. Populistische Parteien und Großkapital haben nämlich das miteinander gemeinsam, dass sie die Klimakatstrophe leugnen oder missachten. Die Menschen, die eines guten Willens sind, bilden demgegenüber eine Art de – facto – Christengemeinschaft: sie ahnen, dass die Erde der Leib des Auferstandenen ist. Das passt jetzt zu Himmelfahrt, wo Christus als der Retter des Ätherleibes der Erde erschienen ist (GA 224, 7.5.1923). Diese Bewegung wird den Sieg davontragen. So einfach kann die Erde nicht kaputt gemacht werden. Wer nicht nachhaltig wirtschaftet und wer den Unterschied zwischen Arm und Reich nicht ausgleichen will, der wird am Ende mit leeren Händen dastehen. Zudem kann man manche Wunde auch wieder heilen. Als ich Anfang der 70er Jahre in Düsseldorf wohnte, war der Rhein eine weithin stinkende, gelbbraune Brühe, heute hat er seit etlichen Jahren wieder Badewasser Qualität.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann