Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
ein Leser meines letzten Rundbriefes über „Tatort Erkenntnisgrenze“ fragte mich: jetzt „müssen“ Sie erklären, was denn falsch ist am kategorischen Imperativ? Dazu referiere ich Ihnen heute nachfolgend Kant, Goethe, Schiller, Nietzsche, R. Steiner und Adolf Eichmann. Eichmann nämlich berief sich in Jerusalem auf den kategorischen Imperativ!
Kants kategorischer Imperativ lautet wörtlich: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ („Kritik der praktischen Vernunft“, 1. Teil, 1. Buch, 1.Hauptstück, § 7).
Im selben Kontext steht Kants Pflichtbegriff: „Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich insgeheim ihm entgegen wirken, welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen, die unnachlaßliche Bedingung desjenigen Werts ist, den sich Menschen allein selbst geben können?“ (Kritik der praktischen Vernunft, 17.Kap).
Schon Goethe und Schiller dachten anders. Sie waren nicht dafür, dass man seine Neigungen unterdrücken soll, um das Gute zu tun. Goethe: „Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.“ (Sprüche in Prosa Nr.604 in der Ausgabe R. Steiners). Schiller und Goethe: „Gewissensskrupel“ – „Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung / Und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin“ (Xenien).
Nietzsche schrieb: „Eine Tugend muss unsere Erfindung sein, unsere persönlichste Notwehr und Notdurft; in jedem anderen Sinne ist sie bloß eine Gefahr […] Nichts ruiniert tiefer, innerlicher als jede unpersönliche Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion. Dass man den kategorischen Imperativ Kants nicht als lebensgefährlich empfunden hat! […] Was zerstört schneller als ohne innere Notwendigkeit, ohne tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen? Als Automat der Pflicht? Es ist geradezu das Rezept zur decadence, selbst zum Idiotismus…“ („Der Antichrist“ §11, Band 6 der Ausgabe von Colli und Montinari).
Rudolf Steiner meinte im 9. Kapitel der „Philosophie der Freiheit“: „Dieser Satz [vom kategorischen Imperativ] ist der Tod aller individueller Antriebe des Handelns. Nicht wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist.“
In neuerer Zeit ist der kategorische Imperativ in einem sehr beklemmenden Zusammenhang zitiert worden. Man sieht, wie Nietzsches Wort von der „Lebensgefährlichkeit“ des kategorischen Imperativs sich bitter bewahrheitet hat. Hannah Arendt schreibt in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem – ein Bericht von der Banalität des Bösen“ im Kapitel VIII „Von den Pflichten eines gesetzestreuen Bürgers“, dass Eichmann immer und immer wieder davon gesprochen hat, dass er seine Pflicht getan habe, ja dass er sein Leben lang den Moralvorschriften Kants gefolgt sei. Der Richter Raveh fragte dann Eichmann, was er darunter verstehe. Da antwortete Eichmann: „Da verstand ich darunter, dass das Prinzip meines Strebens so sein muss, dass es jederzeit zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung erhoben werden könnte“ (S. 232, 4. Aufl. München, 2009). Immer wieder betonte Eichmann, dass niemand in seiner Umgebung zu ihm gesagt habe, dass es falsch sei, was er tue oder dass jemand sein Gewissen aufgerüttelt habe (S. 220). Auch sei es ihm nie eingefallen, „sich in die Nesseln einer eigenen Entscheidung zu setzen“ (S. 250). Eichmann sagte: „Bei einer guten Staatsführung hat der Untergebene Glück, bei einer schlechten hat er Unglück. Ich hatte kein Glück“ (S. 279).
Wenn Sie daraufhin das 9. Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ lesen, merken Sie den krassen Unterschied. Wie wichtig es ist, eine individuelle Moral zu begründen, die im Innersten des Ich das Wahre, Schöne und Gute finden will und sich nicht darauf verlässt, was die Umgebung tut oder sagt.
Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann