Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

die Ähnlichkeit des Menschen mit den Tieren ist unverkennbar, seine Wirbeltiernatur, seine Vierfüßlernatur und seine Säugetiernatur liegen offen zu Tage. Oft ist gesagt worden, der Unterschied zwischen Mensch und höherem Affen sei geringer als der Unterschied zwischen dem höheren und niederen Affen usw. Das alles ist klar und wird von jedem Beobachter bestätigt. Aber jetzt gleich darauf kommt der große Denkfehler. Aus der genannten Verwandtschaft des Menschen mit den Tieren wird der Schluss gezogen: der Mensch hat sich aus den unvollkommeneren Tieren entwickelt, der Mensch stammt vom Affen ab. Die Ähnlichkeitsfrage wird mit der Abstammungsfrage falsch verknüpft. Sondern es ist so, dass Mensch und Tier beide denselben Vater haben. R. Steiner sagt in dem Text, den Sie unten genauer nachgewiesen finden: der von ihm gezogene Vergleich sei zwar trivial, aber er sei zutreffend: ein Vater hat zwei Söhne, der eine ist sittlich minderwertig und intellektuell unbedeutend, der andere ist sittlich hochstehend und intellektuell bedeutend. Die beiden sind Brüder, sie sind verwandt. Beide stammen von demselben Vater ab. Aber es ist nicht so, dass der höherstehende Bruder von dem niedriger stehenden abstammt. So ist es zwischen Mensch und Tier. Sie haben denselben Vater, sie stammen aber nicht voneinander ab. Der Affe ist der herabgekommene Bruder, der Mensch ist der heraufgestiegene Bruder. Und wer ist nun dieser gemeinsame Vater? Wer hat diesen Aufstieg zum Menschen einerseits und den Abstieg zum Tier andererseits bewirkt? Das ist die Menschenseele selbst!

Ulrich Warncke, München machte mich darauf aufmerksam, wie R. Steiner 1905 in dem Artikel „Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie“ (GA 34, S. 222 bis 244) die Evolution erklärt. Er spricht da von einem zweifachen Ursprung des Menschen, er unterscheidet unsere körperliche Ähnlichkeit mit den Tieren von unserer seelischen Fähigkeit, am Körper zu arbeiten. Er unterscheidet eine „Vorfahrenseele“ von einem „Vorfahrenkörper“.

Die Vorfahrenseele hat früher an dem Leib des Menschen gearbeitet und ihn nach und nach höher gebracht. Die Seele des Menschen war schon vorhanden, als äußerlich sichtbar nur die niedersten Tiere auf der Erde zu sehen waren. Die einfachsten Tierformen wurden als erste für unbrauchbar befunden, sie wurden aus dem Vorfahrenkörper als erste ausgeschieden, wurden sichtbar und kamen herunter. Der unsichtbar gebliebene restliche Vorfahrenkörper wurde von der Vorfahrenseele weiterbearbeitet und so ging es Schritt für Schritt weiter. Der letzte für unbrauchbar erachtete, ausgeschiedene und heruntergekommene Vorfahrenkörper waren die Affen, der letzte höhergekommene Vorfahrenkörper wurde der sichtbare Mensch. Die Vorfahrenseele des Menschen hat dies alles bewirkt. Sie arbeitete zuerst an den eigenen Organen des Vorfahrenkörpers und bildete diese aus. Die Kraft, die früher aufgebraucht wurde zur Organ-Umbildung, richtete sich später, als der Mensch äußerlich entstanden war, nach außen. Deswegen sind die Maschinen und Werkzeuge, die der Mensch nach außen erfunden hat, den Organen der Tiere ähnlich, die er früher aus sich selbst herausgesetzt hat. Hier liegt der eigentliche Grund, warum das Ruder einer Flosse und die Tragfläche einem Flügel oder die Beißzange einer Adlerklaue entsprechen: „Wie die heute nach außen gerichtete Seele Maschinen baut, so baute die Vorfahrenseele noch an dem menschlichen Vorfahrenkörper selbst.“ Seelisch stammt der Mensch von dieser Vorfahrenseele, leiblich stammt er von dem Vorfahrenkörper ab.

Zusammenfassend heißt es: „Die ganze Summe der irdischen Lebewesen stammt also in Wahrheit vom Menschen ab. Was heute als Seele in ihm denkt und handelt, hat die Entwicklung der Lebewesen bewirkt. Als unsere Erde noch am Anfang war, war er selbst noch ein ganz seelisches Wesen. Er begann seine Laufbahn, indem er einen einfachsten Körper sich bildete. Und die ganze Reihe der Lebewesen bedeutet nichts anderes als die zurückgebliebenen Stufen, durch die er seinen Körperbau heraufentwickelt hat bis zur heutigen Vollkommenheit. Die heutigen Lebewesen geben natürlich nicht diejenige Gestalt wieder, welche ihre Vorfahren auf einer bestimmten Stufe hatten, als sie sich von ihren Vorfahren abzweigten. Sie sind nicht stehengeblieben, sondern nach einem bestimmten Gesetz, das hier nicht weiter berücksichtigt werden kann, verkümmert. Das Interessante ist nun, dass man äußerlich auch durch die Theosophie auf einen Stammbaum des Menschen kommt, der dem von Haeckel konstruierten gar nicht so unähnlich ist. […] äußerlich besteht also eine Ähnlichkeit zwischen den Haeckelschen und den theosophischen Stammbäumen; innerlich – dem Sinne nach – sind sie himmelweit verschieden.“

Wenn wir also – wie schon mehrmals erwähnt – mit W.H. Preuss (1882) postulieren, dass der Mensch das erstgeborene Wesen des ganzen Kosmos ist, dann müssen wir uns wirklichkeitsgemäß dazu vorstellen, dass dieser Urmensch eine Doppelnatur hatte, einen Vorfahrenkörper und eine Vorfahrenseele. Im Anfang der Entwicklung war die Vorfahrenseele sehr groß und mächtig, der Vorfahrenkörper war klein und unscheinbar. Am Ende der Entwicklung kamen Seele und Körper soweit zur Deckung, dass im 19.Jahrhundert die Behauptung auftreten konnte, die Seele des Menschen sei nur ein Produkt des Menschenkörpers.

Im nächsten Rundbrief besprechen wir das erwähnte „bestimmte Gesetz“, dass die ausgeschiedenen Tierformen verkümmern und herunterkommen mussten, während der Mensch immer weiter aufstieg. Das war zwar notwendig, wird später aber aus der Freiheit des handelnden Menschen heraus wieder ausgeglichen werden.

 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann