Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Das Märchen von „Hans im Glück“ ist mir als Kind ein besonderer lieb gewesen. Ich habe natürlich schon verstanden, dass dem Helden von Tauschhandel zu Tauschhandel ein immer größerer Nachteil entsteht. Aber der allmähliche Übergang vom Goldklumpen zum Pferd, vom Pferd zur Kuh, vom Kuh zum Schwein, vom Schwein zur Gans, und von der Gans zu den Schleifsteinen und schließlich zu den verlorenen Steinen war doch von Schritt zu Schritt gerade soeben noch einfühlbar. Ich wünschte, dass es für ihn doch vielleicht noch gut ausgehen könnte. Und so war es dann ja auch, wenn er über jeden Tausch so glücklich war und zuletzt glücklich bei seiner Mutter zuhause ankam. Auch schätzte ich es, dass das Glück nicht nur im Gewinn, sondern im Verlust liegen kann. Ich ahnte etwas von dem, was sich in R. Steiners Tierkreisdichtung bei der Fische-Strophe ausspricht: „Der Verlust sei Gewinn für sich.“

„Hans im Glück“ ist ein Märchen mit tiefem spirituellen Hintergrund. Im Geisterland glänzt für jeden von uns ein individueller „Goldklumpen“, nämlich das höhere Ich, das von Inkarnation zu Inkarnation immer wertvoller wird. Die 7 Jahre, die Hans seinem Herrn treu gedient hat, ist der Zeitraum von der ganzen vergangenen Inkarnation bis in die Mitte der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Da wünscht sich Hans von seinem Herrn, wieder nach Hause, also zurück auf die Erde gehen zu dürfen. Der Herr sagt: „du hast mir sieben Jahre lang treu und redlich gedient, wie der Dienst war, so soll der Lohn sein“ und gab ihm einen Goldklumpen, der so groß wie Hansens Kopf war. Den Goldklumpen müssen wir uns so vorstellen, dass er jedesmal, also durch jede Wiederverkörperung ein Stück wertvoller wird. Jetzt, in der Mitte zwischen Tod und neuer Geburt, wird der Goldklumpen also in Hansens eigene Verantwortung gegeben, und Hans will nichts weiter als wieder zurück zur Erde. Sein Ich steigt abwärts und kommt durch die Region des Astralplans, wo die Tiere ihre Gruppen Iche haben. Das ist dieselbe Region, wo wir beim Aufstieg in die geistige Welt das Kamaloka durchmachen. An diesem Ort wird im Absteigen unser Bewusstsein immer mehr eingeschränkt, man kann auch sagen, es wird immer weniger wertvoll. Das ist der Abstieg vom Pferd über Kuh und Schwein bis zur Gans. Zuletzt sind es nur noch zwei mineralische Schleifsteine, die Hans in den Brunnen fallen lässt, sodass er seinen ursprüngliche Lohn, sein höheres Ich, vollständig verloren bzw. vergessen hat. Da hat das Ich einen physisch mineralischen Leib bestiegen und wird von seiner irdischen Mutter freudig empfangen. Hans ist glücklich darüber, dass er einen neuen Lebenszyklus in der physischen Welt beginnen darf. Das ist in Wirklichkeit auch unser eigentliches Glück, dass wir durch wiederholte Erdenleben uns weiter vervollkommnen dürfen. Es ist ein wirkliches Wunder, wenn ein neuer Mensch geboren wird und ein individueller Geist den irdischen Leib ergreift. Jeder von uns erlebt da seinen Hans im Glück Moment. Trotz seiner äußerlichen Paradoxie hat dieses Märchen dadurch eine unglaubliche innere Überzeugungskraft.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Friedwart Husemann