Anthroposophische Gesellschaft Michaelzweig Pforzheim
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Friedwart Husemann

Portait Hr.HusemannDr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.

Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.

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Über den Brexit

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

ein Leser meiner Rundbriefe fragte mich, was ich zum Brexit meine. Seit David Camerons Initiative, ein Referendum abzuhalten, habe ich die dazu gehörenden Ereignisse in der SZ und im ARD genau verfolgt, vor allem auch vor dem Hintergrund dessen, was R. Steiner zu der langfristigen Strategie der Hintermänner der Führung der englisch sprechenden Völker gesagt hat (GA 173 a-c und viele weitere Stellen). Was R. Steiner da ausführte, will ich hier nicht referieren. Der interessierte Leser kann es bei Steiner selbst oder dokumentarisch sorgfältig belegt in dem Buch von Markus Osterrieder „Welt im Umbruch – Rudolf Steiners Haltung im ersten Weltkrieg“, Stuttgart, 2014 nachlesen. Osterrieders vorzügliches Buch habe ich in meinen Rundbriefen damals besprochen.

Ich möchte eigentlich nur auf zwei Phänomen - Linien hinweisen, worin sich meines Erachtens das Wesentliche zum Brexit ausspricht.

Das erste ist England selbst. Das jetzige politische Chaos in London ist nur ein Schein, es lenkt vom Wesentlichen ab. Ebenfalls vom Wesentlichen ablenkend ist die Empörung über dieses Chaos. Unsere Medien meinen, dass der Brexit wirtschaftlich für England einen Schaden bedeuten werde. Das wird aber höchstens vorübergehend so sein, und wenn, dann nur für einzelne Wirtschaftszweige. Die harten Brexiteers wissen ganz genau, was sie tun. Wenn sie aus der EU draußen sind, brauchen sie auf die übrigen EU - Staaten keine Rücksicht mehr zu nehmen und können ihre eigenen Steuergesetze erlassen. Das hat kürzlich einer der englischen Milliardäre in einem Interview gesagt. Das ist für die folgenden Jahrzehnte von großem Vorteil, weil heute schon solche Firmen wie ikea, Google, facebook und Amazon ihre Hauptstandorte danach aussuchen, wieviel Steuern sie da zahlen müssen und ihren weltweiten Gewinn dann nur noch über diesen Hauptstandort mit den geringsten Gewerbesteuern laufen lassen. Nach dem Wunsch des englisch sprechenden Großkapitals werden solche und ähnliche Firmen immer größer und bedeutender werden, das gilt nicht nur für heute, sondern vor allem für die Zukunft. Man rechnet mit der nächsten industriellen Revolution, deren Inhalt u. U. noch gar nicht bekannt ist. Dafür braucht man den richtigen Standort, der nach dem Willen der Brexiteers natürlich nur England sein kann. Das ist einer der Vorteile, die der Brexit für England bringt. Weitere Vorteile werden sich erweisen. Ob harter oder weicher Brexit ist egal, weil der Austritt ohnehin nur eine vorübergehende Sache ist. Die Geldmenge der Welt hat in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen, sie steht in keinem Verhältnis mehr zur Wirtschaftsleistung der Welt. Die entsprechenden Gesetze hatte Margret Thatcher auf den Weg gebracht. Die englische und amerikanische Finanzwirtschaft ist für diese steigende Geldmenge verantwortlich. Die destruktive Wirkung dieser Übermenge haben wir in der Finanzkrise (2008) erlebt. Eine längerfristige Folge sind die steigenden Bodenpreise und die steigenden Mieten, die wir jetzt erleben. Dieselben Leute, die die Geldmenge erhöht haben, nehmen auch Kriege in Kauf, weil sie dadurch noch mehr Geld gewinnen. Die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich wird von ihnen sogar gewollt, weil sie dadurch die Welt beherrschen können. Denn sie sind auf der Seite der Reichen. Dass man bei der Leave – Europe - Kampagne ganz bewusst gelogen hat, ist nicht weiter schlimm, das gehört zum „Geschäft.“ Wichtiger ist, dass diese Lügen erfolgreich waren. Also kurz gesagt: da ist ein Zynismus am Werk, der nur die Macht und das Geld im Auge hat und der – im Sinne Steiners – „letzten Endes die ganze Welt unter die Herrschaft des Materialismus stellen will“ (GA 173 c, 15.1.1917). Francis Bacon, Isaac Newton und Charles Darwin sind die geistigen Paten dieser Bewegung. Hauptsächlich diese drei haben den Materialismus erfunden, jetzt soll er ins Werk gesetzt werden, um damit die Welt zu beherrschen.

Demgegenüber das zweite Phänomen. Paradoxerweise ist die Klimakatastrophe unsere Rettung. Weltweit scharen sich die gutgesinnten Menschen um Greta Thunberg und um die Demonstrationen Fridays for Future. Das Volksbegehren zum Bienensterben hat im bayerischen Parlament eine Kehrtwende bewirkt, die man vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätte (ich lebte 39 Jahre lang in München, Bayerns Landeshauptstadt). Die Partei der Grünen erhält einen Zulauf wie nie zuvor. Die katholische Kirche, die nach ihrem eigenen Selbstverständnis einen moralischen Maßstab setzen müsste, liegt mit ihrem eigenen Missbrauchs Skandal moralisch am Boden. Stattdessen werden die zu schützenden Naturwerte zu unseren neuen moralischen Maßstäben. Die jüngsten Berichte über den Plastik Müll haben uns einen heilsamen Schock versetzt. Zwei mutige Töchter von Weinbauern aus Bordeaux haben gegen den Widerstand des französischen Wein - Establishments den Giftskandal des französischen Weinbaus enthüllt, sodass mittlerweile ganz Frankreich entsetzt ist (SZ Magazin vom 10.5.2019). Die Söhne dieser Winzer stellen auf Bio um und besuchen „biodynamische“ (ebenda) Fortbildungen. Die Erde selbst als zu schützende Entität tritt in den Vordergrund. Populistische Parteien und Großkapital haben nämlich das miteinander gemeinsam, dass sie die Klimakatstrophe leugnen oder missachten. Die Menschen, die eines guten Willens sind, bilden demgegenüber eine Art de – facto – Christengemeinschaft: sie ahnen, dass die Erde der Leib des Auferstandenen ist. Das passt jetzt zu Himmelfahrt, wo Christus als der Retter des Ätherleibes der Erde erschienen ist (GA 224, 7.5.1923). Diese Bewegung wird den Sieg davontragen. So einfach kann die Erde nicht kaputt gemacht werden. Wer nicht nachhaltig wirtschaftet und wer den Unterschied zwischen Arm und Reich nicht ausgleichen will, der wird am Ende mit leeren Händen dastehen. Zudem kann man manche Wunde auch wieder heilen. Als ich Anfang der 70er Jahre in Düsseldorf wohnte, war der Rhein eine weithin stinkende, gelbbraune Brühe, heute hat er seit etlichen Jahren wieder Badewasser Qualität.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Bruder Tier

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

im Hinblick auf die Evolution des Menschen lernten wir das Gesetz kennen, dass die „Vorfahrenseele“ des Menschen nur dadurch eine Höherentwicklung bewirken konnte, dass sie die ungeeigneten Bildungen unseres „Vorfahrenkörpers“ aussonderte, sichtbar werden und verfallen ließ. Jedes Tier ist so betrachtet eine Hülle, derer sich die Vorfahrenseele entledigen musste, um aufzusteigen.

Schon der Schritt vom alten Saturn zur alten Sonne (siehe GA 13, Kap. „Die Weltentwicklung und der Mensch) offenbart dieses Gesetz, welches in dem Buch „Aus der Akasha Chronik“ (GA 11) formuliert wird. Es ging damals um den Fortschritt vom Mineral (alter Saturn) zur Pflanze (alte Sonne). Der Pflanzenzustand, den der Mensch damals errang, konnte nicht erreicht werden, ohne dass ein mineralisches Reich zurückgelassen werden musste. So heißt es in dem erwähnten Buch: „Wie es heute keine Pflanzen geben kann ohne ein Mineralreich, aus dem sie ihre Stoffe aufnehmen, so war es auf der Sonne mit dem Pflanzenmenschen. Dieser musste daher einen Teil der Menschenanlagen zugunsten seiner weiteren Entwicklung auf der Stufe des Minerals zurücklassen. Und da auf der Sonne ganz andere Verhältnisse vorhanden waren als auf dem Saturn, so nahmen diese zurückgestoßenen Mineralien ganz andere Gestalten an, als sie auf dem Saturn gehabt haben. Es entstand somit neben dem Menschen-Pflanzenreich ein zweites Gebiet, ein besonderes Mineralreich. Man sieht, der Mensch steigt in ein höheres Reich auf, indem er einen Teil seiner Genossen hinabstößt in ein niederes. Diesen Vorgang werden wir auf den folgenden Entwicklungsstufen sich noch oft wiederholen sehen. Er entspricht einem Grundgesetz der Entwicklung“ (GA 11, Ausgabe 1964, Seite 180/181).

Dasselbe geschah später mit den Tieren im Laufe der Erdentwicklung, bis der eigentliche Mensch von heute entstand. Das „Hinabstossen“ war aber keine zweckvolle Handlung in dem Sinne wie wir heute handeln, sondern es war ein Gesetz der Entwicklung, das in den Dingen wirksam war. Und schließlich wird es in Zukunft so sein, dass das Hinabstoßen karmisch eines Tages wieder ausgeglichen werden wird. Es wird dem Hinabstoßen der Tiere ein Zu-sich-Emporheben und Heraufziehen der Tiere folgen. Dies wird aus freier Einsicht des künftigen Menschen geschehen.

Dies schildert R. Steiner in einem ganz wunderbaren, einzigartigen Vortrag über das Karma der Tiere (GA 120, 17.5.1910). In der Mitte der lemurischen Zeit, das ist die Zeit, wo die Bibel den Sündenfall oder die Vertreibung aus dem Paradies ansetzt, wo das Ich des Menschen erstmals sich verkörperte, wo der vorher eingeschlechtliche Mensch in zwei Geschlechter sich trennte, da war eine regelrechte Krisis der Weltentwicklung. Die eingeschlechtlich sich fortpflanzenden Menschenleiber wurden immer härter und immer ungeeigneter, damit Menschenseelen sich verkörpern konnten. Mithilfe Luzifers zogen die Menschenseelen deswegen von der Erde weg und fanden auf anderen Weltenkörpern ihren Wohnplatz. Drunten auf der Erde konnten nur die allerstärksten Seelen noch in einem Menschenleib sich verkörpern, sodass das, was die Bibel von Adam und Eva erzählt, insofern richtig ist, dass die Menschheit auf der Erde sich – symbolisch gesprochen - auf einen einzigen Menschen bzw. auf ein einziges Menschenpaar reduzierte. Durch die Trennung der Geschlechter, die bei Adam und Eva – abermals symbolisch gesprochen - erstmals auftrat wurden die Menschenleiber wieder so elastisch und zart, dass die Seelen der bisher der Erde fern gebliebenen Menschen sich wieder inkarnieren konnten und die Zahl der verkörperten Seelen auf der Erde wieder zunahm.

In derselben Zeit blieben die Tiere aber allesamt auf der Erde. Ihre Leiber waren zu dauernden Verhärtung bestimmt. Weil sie keine Individualität hatten, mussten sie den Schmerz erleiden, ohne ihn überwinden zu können, ohne dadurch fortschreiten zu können. Der Mensch dagegen konnte den Schmerz überwinden und dadurch sich weiterentwickeln. Die Tiere zeigen uns „unsere Organisation auf der Stufe, da wir schmerzfähig waren, aber den Schmerz noch nicht durch Überwindung des Schmerzes ins Heilsame für die Menschheit umwandeln konnten“ (GA 120, 17.5.1910). „Wir müssen hinblicken auf die Tiere mit dem Gefühl: da draußen seid ihr, Tiere. Wenn ihr leidet, leidet ihr etwas, was uns Menschen zugutekommt. Wir Menschen haben die Möglichkeit, das Leiden zu überwinden, ihr müsst das Leiden erdulden. Wir haben euch das Leiden gelassen, und uns die Überwindung genommen“ (ebenda). In früheren Zeiten, wo noch Eingeweihte das Leben regelten, wurden die Tiere daher ausnehmend liebevoll behandelt. In Indien ist die Kuh heute noch heilig. Der materialistische Mensch dagegen behandelt die Tiere wie eine Sache. In den modernen Tierfabriken erzeugen wir unsere Nahrungsmittel als Massenware und töten die dazu unbrauchbaren Wesen ohne weiteres. Aber das Mitgefühl mit den Tieren wird wiederkommen. Der Mensch wird die Tiere, die er für seine eigene Entwicklung hinab gestoßen hat, wieder zu sich heraufziehen.

Christian Morgenstern hat in seinem Gedicht „Fußwaschung“ das hier skizzierte Gesetz der Entwicklung und seinen karmischen Ausgleich ausgesprochen:

Ich danke dir,
du stummer Stein,
und neige mich zu dir hernieder:Ich schulde dir mein Pflanzensein.Ich danke euch, ihr Grund und Flor,und bücke mich zu euch hernieder:Ihr halft zum Tiere mir empor.Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,und beuge mich zu euch hernieder:Ihr halft mir alle drei zu Mir.Wir danken dir, du Menschenkind,und lassen fromm uns vor dir nieder:weil dadurch, daß du bist, wir sind.Es dankt aus aller Gottheit Ein -und aller Gottheit Vielfalt wieder.In Dank verschlingt sich alles Sein. Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Die Fußwaschung

Die Fußwaschung

 

Ich danke dir, du stummer Stein,

und neige mich zu dir hernieder:

Ich schulde dir mein Pflanzensein.

Ich danke euch, ihr Grund und Flor,

und bücke mich zu euch hernieder:

Ihr halft zum Tiere mir empor.

Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,

und beuge mich zu euch hernieder:

Ihr halft mir alle drei zu Mir.

Wir danken dir, du Menschenkind,

und lassen fromm uns vor dir nieder:

weil dadurch, daß du bist, wir sind.

Es dankt aus aller Gottheit Ein

-und aller Gottheit Vielfalt wieder.

In Dank verschlingt sich alles Sein.

 

Christian Morgenstern

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Buchbesprechung: Tatort Erkenntnisgrenze

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

mein Bruder Armin machte mich auf das Buch von Dietrich Rapp „Tatort Erkenntnisgrenze – die Kritik Rudolf Steiners an Immanuel Kant“ (Menon Verlag, 2011, 197 S., € 18.-) aufmerksam. Ich hätte nie gedacht, dass man über Kant ein derart interessantes Buch schreiben kann, in dem wie in einem Spiegel und wie in einem Gegenbild die wesentlichen Elemente der Anthroposophie erscheinen.

Dietrich Rapp (1941 – 2017) ist vielen von uns als Redakteur der Wochenschrift „Das Goetheanum“, vorher als Redakteur „Die Drei“ und noch früher als Lektor im Verlag Freies Geistesleben bekannt. Er hatte Physik studiert. Diese exakte Vorbildung merkt man seiner Schrift an, die klar und verständlich geschrieben ist. Sie ist darüber hinaus in künstlerischer Sprache und mit passenden, schönen Bildern geschrieben, sodass einem das Lesen zu einem Genuss wird.

Rudolf Steiner hat sein ganzes Leben lang Goethe positiv beurteilt. Seine eigene Geisteswissenschaft betrachtete er als eine Fortsetzung von Goethes Denkweise. Angefangen hatte es mit den Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (1. Band 1884), und es endete mit dem Namen „Goetheanum“, den Rudolf Steiner seinem Bau und der von ihm gegründeten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gegeben hat (1920). Oft genug sagte R. Steiner, dass die eigentliche Zeit des Goetheanismus noch kommen werde, dass er unter Goetheanismus das versteht, was aus Goethes Art zu denken und Goethes Art zu empfinden, „im nächsten Jahrtausend“ (GA 181, 6.8.1918) werden soll.

Genau umgekehrt war es bei Kant. Von Anfang an wurde Kant kritisiert und von Grund auf falsch gefunden. Es gibt kein Ding an sich, ebenso wenig gibt es Grenzen der Erkenntnis und noch weniger gilt der kategorische Imperativ. „Die Philosophie der Gegenwart leidet an einem ungesunden Kant – Glauben“ ist der erste Satz in „Wahrheit und Wissenschaft“ (GA 3). Dann in seiner theosophischen Zeit ist Kant derjenige, durch den es keine höhere Erkenntnis und keine Theosophie geben könnte. 1908 wird von dem „verwüstenden Fundamentalirrtum Kants“ (GA 35, „Philosophie und Anthroposophie“) gesprochen.

Aber im weiteren Verlauf geht R. Steiner auf die von Kant festgestellten Erkenntnisgrenzen näher ein. In dem Aufsatz „Frühere Geheimhaltung und jetzige Veröffentlichung übersinnlicher Erkenntnis“ (1917, GA 35) werden die beiden Erkenntnisgrenzen sinnvoll gedeutet. Wenn wir nicht nach außen hin, also dort, wo Kant das Ding an sich vorstellte, solche wesenlosen Begriffe wie Atom, Kraft und Stoff hinsetzen würden, wenn uns also die äußere Welt wesenhaft durchschaubar wäre, wären wir Menschen ohne Liebe. Wenn wir nach innen hin, wo Kant das Apriori bzw. die Quelle des kategorischen Imperativs hinsetzte, wenn uns unser eigenes Innere durchschaubar wäre, so hätten wir keine Erinnerung. Dann bemerkt Rudolf Steiner in einem wunderbaren Vortrag (GA 183, 18.81918) über die Aura des Menschen, wie die beiden Grenzen in der Aura sichtbar sind und sich voneinander unterscheiden. Er malt dazu ein eindrucksvolles Bild mit nach außen hin blauen, nach innen hin roten Farben. Dazu zeichnet er nach außen geöffnete Lemniskaten, nach innen hin Lemniskaten, die sich in sich verschlingen. Sodass die beiden Grenzen farbig, geometrisch und seelisch vor uns stehen und durch die Lemniskaten zueinander auch in Metamorphosen gedacht werden können (GA 183, 18.8.1918). Grundlegend für die beiden genannten Grenzen ist dann der Zyklus „Grenzen der Naturerkenntnis“ (GA 322), den Rudolf Steiner zur Eröffnung des ersten Goetheanums 1920 gehalten hat. Die beiden Grenzen werden da umfassend von Philosophie, Kunst, höherer Erkenntnis, Medizin u.a. beleuchtet. Unsere Seele ist eingespannt zwischen der Erinnerung nach innen und der Liebe nach außen (siehe dazu auch: GA 205, 3.7.1921, GA 83, 5.6.1922). Ein Forschungsprojekt für Jahrhunderte!

Und wenn Sie sich dazu das Goetheanum vorstellen: den großen Zuschauerraum, die große Kuppel, wo die Weltentwicklung dargestellt ist: Erinnerung. Die kleine Kuppel mit der Christusstatue im Zentrum: der Inbegriff der Liebe. Dann versteht man in erster Annäherung, warum Rudolf Steiner zur Eröffnung des Baues gerade diesen Zyklus über die Grenzen der Naturerkenntnis (GA 322) gehalten hat.

Die Grenzen sind also wirklich da, die Kant festgestellt hatte, aber wir sollen nicht dabei stehen bleiben, wie Kant meinte, sondern im Sinne Steiners müssen wir sie überschreiten. Wer an die Erkenntnisgrenze kommt und wer sich bewusst ist, dass die Grenze überschritten werden kann, der fühlt sich dort vom Übersinnlichen berührt und kann gar nicht anders als weiter schreien in die geistige Welt hinein. Die beiden Grenzen werden schließlich zu „seelenforscherisch – initiatorischen“ (D. Rapp) Bereichen, die da sein müssen, wenn wir uns heute der geistigen Welt nähern. Die Grenze nach innen wird zum kleinen, die Grenze nach außen zum großen Hüter der Schwelle (das ergibt sich, wenn man das hier erörterte Problem zusammenschaut mit GA 119 „Makrokosmos und Mikrokosmos“). Rapp resümiert, wie Kant für R. Steiner zwar sein entschiedenster Gegner, aber auch sein Bruder und sein Hüter gewesen ist.

Der lebenslange Kampf Rudolf Steiners gegen Kant, von dem er nie abgelassen hat, war sein Ringen mit dem Hüter der Schwelle: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ (1. Mose 32). Der Segen dieses Ringens, den R. Steiner empfing, war die Anthroposophie: angefangen mit dem Goetheanismus, fortgeführt als Geisteswissenschaft, Kunst und spiritualisiertes praktisches Leben, vollendet in den Klassenstunden, dem Empfangen der Menschenweihehandlung und der Opferfeier.

Dietrich Rapps Buch gibt dem Ganzen der Anthroposophie eine Erkenntnissicherheit und Festigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Beim Lesen dachte ich mehrmals an die Worte „Wir errichten Seelenhäuser aus der Erkenntnis eisenfestem Lichtesweben“ (GA 40 „Den Berliner Freunden“). Und es ist ja wirklich so, dass jeder von uns zwischen Erinnerung nach innen und Liebe nach außen ein individuelles, geistiges Goetheanum errichtet. So erfüllen sich die Worte: „Der Bau wird Mensch.“ Dieses Buch ist ein großer Fortschritt für das Verständnis der Anthroposophie und Rudolf Steiners. Da kann noch sehr viel mehr herausgeholt werden als hier angedeutet worden ist.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Das neue Buch von Iris Paxino: „Brücken zwischen Leben und Tod – Begegnungen mit Verstorbenen“

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

das Buch von Iris Paxino „Brücken zwischen Leben und Tod – Begegnungen mit Verstorbenen“, Stuttgart, 4. Auflage, 2018 lernte ich durch die eingehende Besprechung von Ron Dunselmann in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ (Nr. 13, 2019) genauer kennen, und habe es daraufhin gelesen. Es enthält eigene Ergebnisse der Autorin, die sie geistig geschaut hat. Ihre Ergebnisse setzen die Anthroposophie voraus, beziehen sich also auf Rudolf Steiner, gehen im Einzelnen aber über Rudolf Steiner hinaus. Soweit ich Paxinos Ergebnisse prüfen konnte und soweit meine Kenntnisse der Anthroposophie reichen, widersprechen sie der Anthroposophie an keiner Stelle, sondern erweitern sie in sinnvoller Weise.  

               Iris Paxino beschreibt zunächst das Sterben, den Tod und die Nahtoderlebnisse. Dabei kann sie auf ihre Tätigkeit als klinisch tätige Psychologin zurückgreifen und auf ihre Dr. Arbeit, die sie über Nahtoderlebnisse verfasst hatte. Bereits hier und im weiteren Verlauf des Buches erzählt sie einzelne Fallbeispiele, die allesamt sehr eindrucksvoll und lehrreich sind. Dann kommt die Zeit nach dem Tode, z. B. der Moment der Trauerfeier. Es gibt gar keine Trauerfeier, an der der Verstorbene nicht teilnehmen würde! Durch den oftmals noch vorhandenen Ätherleib ist der Verstorbene dem soeben verlassenen Alltag noch sehr nah, und macht z. B. unter Umständen auch abfällige Bemerkungen über Teilnehmer der Trauerfeier. Dann kommt die sehr berührende Erfahrung, die man bei Steiner so nicht finden kann, dass heutzutage viele Tote mit der Erde, mit ihren Pflichten, mit ihren Vorurteilen, Gewohnheiten, Lebensirrtümern usw. noch so verbunden sind, dass sie ihren Ätherleib gar nicht ablegen. Sie erkennen oft gar nicht, dass sie gestorben sind, sie erkennen auch nicht ihren Engel, der sie erwartet und weiterführen will. Sie bleiben dadurch unter Umständen Jahrzehntelang in der Ätheraura der Erde gefangen. Diesen von Paxino so genannten Äthertoten kann man dadurch helfen, dass man ihnen erklärt, dass sie gestorben sind. Als zweites kann man ihnen ihren Engel zeigen, der sie dann weitergeleitet. Tragisch ist es bei Selbstmördern und auch bei Drogentoten, die in diesem Zustand eine immerwährende Wiederholung ihrer Irrtümer, die sie zum Selbstmord und zum Drogenkonsum getrieben haben, erleben und nicht glauben können, dass sie einer Erlösung würdig sind. Sie bleiben bei ihren Hinterbliebenen, hängen sich an sie an und belasten die Hinterbliebenen oder auch das Drogenmilieu, wo sie vor ihrem Tod waren, ganz erheblich. Wunderbar ist es, wie nur schon ein einziges Vaterunser in diesen und auch in den später noch zu beschreibenden Zusammenhängen - mit Ernst und Herzensanteil gesprochen - eine unmittelbar geistig sichtbare Hilfe für den Verstorbenen darstellt. Auch jeder liebe Gedanke, der dem Verstorbenen zugesandt wird, hilft dem Verstorbenen. Hass und Vorwürfe der Hinterbliebenen belasten den Verstorbenen.

               Dann kommt der Moment, wo nach dem Ablegen des Ätherleibes und vor dem Eintritt in das Kamaloka (Astralwelt) ausnahmslos jeder Mensch dem Christuswesen begegnet (siehe hierzu bei Steiner: GA 131, 3. Und 10. Vortrag). Diese Begegnung ist tröstend, weil der Christus als Menschenbruder erst einmal alles versteht, was wir getan haben. Man schaut mit den Augen des Christus das eigene Leben zum zweiten Mal an, nachdem man es zusammen mit dem Ätherleib in der Rückschau zum ersten Mal gesehen hatte. Die Bedeutung unseres einzelnen Lebens im Gesamtkontext der Welt so, wie es Christus sieht, wird uns deutlich. Dann erst kommt das Kamaloka, wo wir nun durch die Tat beweisen müssen, was wir mit dem Christus zusammen erkannt hatten. Wo wir dann die Nächte unseres Lebens rückwärts durchleben, wo wir also immer jünger werden und alles im Spiegelbild durchmachen. Da wird unser Leben zum dritten Mal durchgearbeitet. Auch hier wieder läuft keinesfalls alles nach Plan, sondern es sind viele Abweichungen möglich. Nicht jeder Verstorbene kann seine negativen Eigenschaften oder seine Fehler als zu sich selbst gehörig erkennen und akzeptieren. Solche unerlösten Seelenanteile bleiben dann bestehen und können erst im nächsten Erdenleben weiterbearbeitet werden. Sie können auch die Hinterbliebenen bzw. die Betroffenen belasten. Man kann sie als Einschlüsse in der Aura des Hinterbliebenen wahrnehmen. Was Frau Paxino hier konkret über die Astraltoten beschreibt, findet man im Allgemeinen auch bei R. Steiner. Er berichtete ebenfalls, dass das Kamaloka unter Umständen kürzer oder länger als üblich dauern kann und in dem Vortrag über „Die Hölle“ sagte er, dass dann, wenn das Kamaloka nicht mehr ein Mittel zum Zweck, sondern ein Selbstzweck geworden ist, dies die Perspektive der Hölle sei (GA 56, 16.4.1908).

               Die höchste Region bilden die Devachanverstorbenen, die vielfach helfend für spezielle Aufgaben zur Erlösung ihrer verstorbenen Schwestern und Brüder zur Verfügung stehen und dazu von Engeln und höheren Hierarchien geleitet werden.

*

Wenn jemand wie Iris Paxino neue Inhalte bringt, sind methodische Einwände sehr leicht zu machen, sie liegen gewissermaßen auf der Hand. Andererseits ist aber die Art und Weise, wie sie mit den Grundlagen der Anthroposophie und mit den Stufen der höheren Erkenntnis umgeht, so klar und selbstverständlich, dass es den Leser unmittelbar überzeugt.

               Ein weiterer Punkt, der zu Einwänden führen kann, ist die sogenannte Erlösungsarbeit selbst. Rudolf Steiner empfiehlt, dass wir den Toten spirituelle Texte vorlesen, dass wir Sprüche für sie sprechen und liebevoll an sie denken. In dieselbe Richtung geht die Erlösungsarbeit, die aber bei Iris Paxino nach Stufen geordnet viel ausführlicher und konkreter als bei Steiner auftritt. Es leuchtet ja unmittelbar ein, dass man einem Verstorbenen, der noch gar nicht weiß, dass er verstorben ist, dieses Faktum vermitteln muss und dass man ihm dadurch helfen kann. Von dieser ersten Stufe bis zur höchsten Stufe, wo sogar schwarzmagische Belastungen aufgelöst werden, sind die Darstellungen Paxinos einleuchtend und plausibel.

               Dennoch kann man fragen, ob gerade wir Menschen zu dieser Arbeit berufen sind. Ob man das nicht lieber der geistigen Welt überlassen sollte. Aber der einzelne Mensch, auch der hellsichtige einzelne Mensch kann dies allein ohnehin nicht leisten, sondern er stellt seine Absicht oder seinen Willensimpuls zur Verfügung und bildet eine Art Kristallisationspunkt, auf den die geistige Welt reagiert. Erst dann, und natürlich auch nur dann, wenn es möglich ist, hilft oder heilt die geistige Welt.

Im Übrigen möchte ich zu der sogenannten Erlösungsarbeit gerne noch folgenden Gedanken beisteuern. Der ganze Impuls, den Iris Paxino vertritt, hat eine ägyptische Signatur. Unsere 5. nachatlantische Kulturperiode (seit 1413) ist die Wiederholung der ägyptischen Zeit. Und: das ägyptische Mumifizieren war durchaus „bedenklich“, es war ein Zeichen der „Dekadenz.“ Die Seele des einzelnen Menschen wurde damals an die Mumie „gefesselt“ (GA 216, 24.9.1922 und weitere Vorträge dieses Bandes). Damit wurde der Keim zum heutigen Materialismus gelegt. Deswegen bleiben die heutigen Toten im ätherischen oder astralischen Bereich hängen und steigen nicht weiter in die geistige Welt auf. Wie schon damals, so bleiben sie auch heute an das Irdische gefesselt. Und so wie damals es Menschen gewesen sind, die die Seelen an die Mumie gefesselt haben, so müssen es auch heute wiederum inkarnierte Menschen sein, die dafür sorgen, dass die Seelen der Verstorbenen entfesselt werden und ungehindert weiter aufsteigen können, um unsere Kultur zu spiritualisieren. Das sind wir unserer mittlerweile gewonnenen Freiheit schuldig. Das war ja der Sinn des Materialismus, dass die Freiheit entstand.  So betrachtet ist die von Iris Paxino inaugurierte Erlösungsarbeit der richtige Weg.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

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