Liebe Freunde,
jeder von uns kennt das Erlebnis, wenn er ein Buch oder ein Drama nach vielen Jahren wieder liest, wie anders und wie viel tiefer er es verstehen kann. Bei seiner Begegnung mit Goethe in Erfurt (1808) erzählte Napoleon, er habe die „Leiden des jungen Werthers“ siebenmal gelesen.
Gewissermaßen zum Beweis dafür machte er Goethe auf eine Stelle aufmerksam, wo die leidenschaftliche Liebe Werthers sich mit gekränktem Ehrgeiz vermischt, und der Leser dadurch enttäuscht werde. Napoleon: „Warum haben Sie das getan?“ Goethe seinerseits lobte diese kaiserliche Kritik als ausnehmend sachverständig (Goethes Gespräche, Artemis Verlag, 1969, 2. Band, S. 333 ff, Bericht Kanzler von Müller).
Nun also die Frage: woher kommt jenes bessere Verstehen durch wiederholtes Lesen? Wir selber meinen unwillkürlich, dass wir eben reifer und älter geworden sind. Aber in Wirklichkeit ist es anders. Das gelesene Buch selbst hat an uns gearbeitet!! Diese Mitteilung hat mich schockiert. Denn obwohl ich ja ein lesender Mensch bin, hatte ich mir die Wirkung des Lesens eines Buches doch nicht so konkret und wirksam vorgestellt.
Rudolf Steiner schreibt in dem Kapitel „Skizzenhaft dargestellter Ausblick auf eine Anthroposophie“ am Ende seiner Schrift „Die Rätsel der Philosophie“ (GA 18): „Wenn man ein bedeutungsvolles Buch in seinem zwanzigsten Jahre gelesen hat und es in seinem vierzigsten wieder liest, so erlebt man es wie ein anderer Mensch. Und wenn man unbefangen nach dem Grunde dieser Tatsache fragt, so ergibt sich, dass, was man durch das Buch im zwanzigsten Jahre aufgenommen hat, in einem fortlebt und ein Teil der eigenen Wesenheit geworden ist.“
Und nun beziehen Sie diese großartige Sache auf die Bücher Rudolf Steiners, die jedes für sich ja mehr als bedeutsam sind!
Herzlich Ihr Friedwart Husemann