Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

seit einigen Jahren wohnen wir in einem Bauernhaus in Ostfriesland. Etwa 15 Meter von unserer Haustür entfernt steht eine Schwarzkiefer. Dort entdeckten wir jetzt 2 Waldohreulen. Sie sitzen den ganzen Tag in der Nähe des Stammes, schlank, aufrecht und unbewegt und lassen sich von der Sonne bescheinen und vom Wind bewegen. Unten am Boden sieht man das für Eulen typische Gewölle neben den anderen Hinterlassenschaften der Vögel. In der Dämmerung gehen sie auf Mäusejagd, durch bestimmte Flaumfedern an den Enden ihrer Flügel sind ihre Flügelschläge geräuschlos. Durch ihre aufrechte Ruhe, wie sie am Tag im Baum sitzen, die im krassen Gegensatz zu anderen Vögeln und Tieren steht, geht eine ganz bestimmte Stimmung von diesen Tieren aus. Man fühlt sich beobachtet, auch wenn sie einen gar nicht anschauen. Sie werden zu einem Bild für etwas Höheres: so wirst du beobachtet von der geistigen Welt und merkst es nicht.  

Bei der Waldschnepfe (aus der Gruppe der Wat- und Möwenvögel) sitzen die Augen so weit hinten, dass sich die Gesichtsfelder beider Augen vorne und hinten überlappen. Dieser Vogel kann also nach allen Seiten sehen, ohne dass er den Kopf drehen muss (Grzimeks Tierleben, Band 8, S. 163). Bei den Eulen ist es umgekehrt, ihre Augen liegen wie beim Menschen an der Vorderseite des Kopfes, sodass sich die Sehfelder beider Augen fast gänzlich überdecken und sie auf diese Weise eine ausgezeichnete Tiefenschärfe erreichen. Das Gesichtsfeld selbst ist entsprechend eingeschränkt. Dafür ist dann der Kopf der Eulen so beweglich, dass sie ihn bis nahezu 180° drehen können (ebenda, S. 382). Die Eulen haben mit ihren parallel stehenden Augenachsen und dem fast vollständigen Überlappen (Fusion) der Gesichtsfelder also etwas Menschen – ähnliches. Die Ruhe, mit der sie den ganzen Tag im Baum sitzen, erinnert uns an den Kopf des Menschen, der gegenüber den Gliedern den Ruhepol des Menschen darstellt. Nach den Forschungen R. Steiners repräsentieren die Vögel überhaupt den Kopf und das Denken des Menschen (GA 230, 19.10.1923).

So ist es bei vielen Tieren, jede Art hat irgendwo etwas Menschen-ähnliches. Sehr auffällig ist der Sohlengang des Bären, den er mit dem Menschen gemeinsam hat. Wie Sie jetzt an der Eisbärin mit ihrem kleinen Säugling im Berliner Zoo auf einem video bei www.heute.de sehen können, ist der Gang des Bären relativ unbeholfen, weil eben der Sohlengang erst beim Zweibeiner seinen eigentlichen Sinn findet. Das herum tänzelnde Pferd ist demgegenüber ein Zehenspitzengänger. Sein Huf entspricht unserem Fingernagel. Und darüber hinaus sind die zwei ersten und die zwei letzten Hand- bzw. Fußstrahlen zurückgebildet, sodass das Pferd nur den Mittelhand bzw. Mittelfußstrahl zum Fuß ausbildet. Daher die Eleganz im Gehen, Laufen und Springen eines Pferdes.  Die Milchdrüse der Elefantenkuh liegt nicht hinten zwischen den Hinterbeinen wie das Euter beim Rind und bei vielen anderen Säugetieren, sondern vorne am Brustkorb zwischen den Vorderbeinen. Diese pectorale (zum Brustkorb gehörige) Lage der Mamma zeigt beim Elefanten ein Symptom, das auf den Menschen hinweist. Ebenso die Nacktheit des Hausschweines: sie entspricht dem, dass der Mensch kein Fell hat. Das sind jetzt nur einige besonders augenfällige Beispiele. Systematisch betrachtet weisen sie darauf hin, dass jedes Tier einmal auf dem Wege zum Menschen war. Dann ist es aber von diesem Wege abgekommen und in eine Spezialisierung geraten. Jede Spezialisierung ist auf ihre Art großartig und übertrifft den Menschen bei weitem, sie musste aber damit erkauft werden, dass das Tier sich nicht weiter entwickeln konnte. Je früher es den gemeinsamen Weg mit dem Menschen verlassen hatte, desto niedriger, je später, desto höher entwickelt ist ein Tier.

In diesem Sinne konnte schon Johann Gottfried Herder, der Mentor des jungen Goethe in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1784), die er gründlich mit Goethe durchgesprochen hatte, sagen: „Der Mensch ist ein Mittelgeschöpf unter den Tieren der Erde“… „das ist, dass der Mensch die ausgearbeitete Form sei, in der sich die Züge aller Gattungen um ihn im feinsten Inbegriff sammeln“ (2. Buch, IV. Kap).

Ganz entsprechend hat dann W.H. Preuss gesagt: Der Mensch ist der Erstgeborene der Schöpfung. Das war dann nach Darwin. Und Steiner bestätigte: der Mensch ist physisch der Letztgeborene, geistig ist er aber der Erstgeborene der Schöpfung. Darüber habe ich früher schon einmal an Sie geschrieben. Im nächsten Brief kommt ein Bild, das diese Verhältnisse noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann