Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

das Buch von Iris Paxino „Brücken zwischen Leben und Tod – Begegnungen mit Verstorbenen“, Stuttgart, 4. Auflage, 2018 lernte ich durch die eingehende Besprechung von Ron Dunselmann in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ (Nr. 13, 2019) genauer kennen, und habe es daraufhin gelesen. Es enthält eigene Ergebnisse der Autorin, die sie geistig geschaut hat. Ihre Ergebnisse setzen die Anthroposophie voraus, beziehen sich also auf Rudolf Steiner, gehen im Einzelnen aber über Rudolf Steiner hinaus. Soweit ich Paxinos Ergebnisse prüfen konnte und soweit meine Kenntnisse der Anthroposophie reichen, widersprechen sie der Anthroposophie an keiner Stelle, sondern erweitern sie in sinnvoller Weise.  

               Iris Paxino beschreibt zunächst das Sterben, den Tod und die Nahtoderlebnisse. Dabei kann sie auf ihre Tätigkeit als klinisch tätige Psychologin zurückgreifen und auf ihre Dr. Arbeit, die sie über Nahtoderlebnisse verfasst hatte. Bereits hier und im weiteren Verlauf des Buches erzählt sie einzelne Fallbeispiele, die allesamt sehr eindrucksvoll und lehrreich sind. Dann kommt die Zeit nach dem Tode, z. B. der Moment der Trauerfeier. Es gibt gar keine Trauerfeier, an der der Verstorbene nicht teilnehmen würde! Durch den oftmals noch vorhandenen Ätherleib ist der Verstorbene dem soeben verlassenen Alltag noch sehr nah, und macht z. B. unter Umständen auch abfällige Bemerkungen über Teilnehmer der Trauerfeier. Dann kommt die sehr berührende Erfahrung, die man bei Steiner so nicht finden kann, dass heutzutage viele Tote mit der Erde, mit ihren Pflichten, mit ihren Vorurteilen, Gewohnheiten, Lebensirrtümern usw. noch so verbunden sind, dass sie ihren Ätherleib gar nicht ablegen. Sie erkennen oft gar nicht, dass sie gestorben sind, sie erkennen auch nicht ihren Engel, der sie erwartet und weiterführen will. Sie bleiben dadurch unter Umständen Jahrzehntelang in der Ätheraura der Erde gefangen. Diesen von Paxino so genannten Äthertoten kann man dadurch helfen, dass man ihnen erklärt, dass sie gestorben sind. Als zweites kann man ihnen ihren Engel zeigen, der sie dann weitergeleitet. Tragisch ist es bei Selbstmördern und auch bei Drogentoten, die in diesem Zustand eine immerwährende Wiederholung ihrer Irrtümer, die sie zum Selbstmord und zum Drogenkonsum getrieben haben, erleben und nicht glauben können, dass sie einer Erlösung würdig sind. Sie bleiben bei ihren Hinterbliebenen, hängen sich an sie an und belasten die Hinterbliebenen oder auch das Drogenmilieu, wo sie vor ihrem Tod waren, ganz erheblich. Wunderbar ist es, wie nur schon ein einziges Vaterunser in diesen und auch in den später noch zu beschreibenden Zusammenhängen - mit Ernst und Herzensanteil gesprochen - eine unmittelbar geistig sichtbare Hilfe für den Verstorbenen darstellt. Auch jeder liebe Gedanke, der dem Verstorbenen zugesandt wird, hilft dem Verstorbenen. Hass und Vorwürfe der Hinterbliebenen belasten den Verstorbenen.

               Dann kommt der Moment, wo nach dem Ablegen des Ätherleibes und vor dem Eintritt in das Kamaloka (Astralwelt) ausnahmslos jeder Mensch dem Christuswesen begegnet (siehe hierzu bei Steiner: GA 131, 3. Und 10. Vortrag). Diese Begegnung ist tröstend, weil der Christus als Menschenbruder erst einmal alles versteht, was wir getan haben. Man schaut mit den Augen des Christus das eigene Leben zum zweiten Mal an, nachdem man es zusammen mit dem Ätherleib in der Rückschau zum ersten Mal gesehen hatte. Die Bedeutung unseres einzelnen Lebens im Gesamtkontext der Welt so, wie es Christus sieht, wird uns deutlich. Dann erst kommt das Kamaloka, wo wir nun durch die Tat beweisen müssen, was wir mit dem Christus zusammen erkannt hatten. Wo wir dann die Nächte unseres Lebens rückwärts durchleben, wo wir also immer jünger werden und alles im Spiegelbild durchmachen. Da wird unser Leben zum dritten Mal durchgearbeitet. Auch hier wieder läuft keinesfalls alles nach Plan, sondern es sind viele Abweichungen möglich. Nicht jeder Verstorbene kann seine negativen Eigenschaften oder seine Fehler als zu sich selbst gehörig erkennen und akzeptieren. Solche unerlösten Seelenanteile bleiben dann bestehen und können erst im nächsten Erdenleben weiterbearbeitet werden. Sie können auch die Hinterbliebenen bzw. die Betroffenen belasten. Man kann sie als Einschlüsse in der Aura des Hinterbliebenen wahrnehmen. Was Frau Paxino hier konkret über die Astraltoten beschreibt, findet man im Allgemeinen auch bei R. Steiner. Er berichtete ebenfalls, dass das Kamaloka unter Umständen kürzer oder länger als üblich dauern kann und in dem Vortrag über „Die Hölle“ sagte er, dass dann, wenn das Kamaloka nicht mehr ein Mittel zum Zweck, sondern ein Selbstzweck geworden ist, dies die Perspektive der Hölle sei (GA 56, 16.4.1908).

               Die höchste Region bilden die Devachanverstorbenen, die vielfach helfend für spezielle Aufgaben zur Erlösung ihrer verstorbenen Schwestern und Brüder zur Verfügung stehen und dazu von Engeln und höheren Hierarchien geleitet werden.

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Wenn jemand wie Iris Paxino neue Inhalte bringt, sind methodische Einwände sehr leicht zu machen, sie liegen gewissermaßen auf der Hand. Andererseits ist aber die Art und Weise, wie sie mit den Grundlagen der Anthroposophie und mit den Stufen der höheren Erkenntnis umgeht, so klar und selbstverständlich, dass es den Leser unmittelbar überzeugt.

               Ein weiterer Punkt, der zu Einwänden führen kann, ist die sogenannte Erlösungsarbeit selbst. Rudolf Steiner empfiehlt, dass wir den Toten spirituelle Texte vorlesen, dass wir Sprüche für sie sprechen und liebevoll an sie denken. In dieselbe Richtung geht die Erlösungsarbeit, die aber bei Iris Paxino nach Stufen geordnet viel ausführlicher und konkreter als bei Steiner auftritt. Es leuchtet ja unmittelbar ein, dass man einem Verstorbenen, der noch gar nicht weiß, dass er verstorben ist, dieses Faktum vermitteln muss und dass man ihm dadurch helfen kann. Von dieser ersten Stufe bis zur höchsten Stufe, wo sogar schwarzmagische Belastungen aufgelöst werden, sind die Darstellungen Paxinos einleuchtend und plausibel.

               Dennoch kann man fragen, ob gerade wir Menschen zu dieser Arbeit berufen sind. Ob man das nicht lieber der geistigen Welt überlassen sollte. Aber der einzelne Mensch, auch der hellsichtige einzelne Mensch kann dies allein ohnehin nicht leisten, sondern er stellt seine Absicht oder seinen Willensimpuls zur Verfügung und bildet eine Art Kristallisationspunkt, auf den die geistige Welt reagiert. Erst dann, und natürlich auch nur dann, wenn es möglich ist, hilft oder heilt die geistige Welt.

Im Übrigen möchte ich zu der sogenannten Erlösungsarbeit gerne noch folgenden Gedanken beisteuern. Der ganze Impuls, den Iris Paxino vertritt, hat eine ägyptische Signatur. Unsere 5. nachatlantische Kulturperiode (seit 1413) ist die Wiederholung der ägyptischen Zeit. Und: das ägyptische Mumifizieren war durchaus „bedenklich“, es war ein Zeichen der „Dekadenz.“ Die Seele des einzelnen Menschen wurde damals an die Mumie „gefesselt“ (GA 216, 24.9.1922 und weitere Vorträge dieses Bandes). Damit wurde der Keim zum heutigen Materialismus gelegt. Deswegen bleiben die heutigen Toten im ätherischen oder astralischen Bereich hängen und steigen nicht weiter in die geistige Welt auf. Wie schon damals, so bleiben sie auch heute an das Irdische gefesselt. Und so wie damals es Menschen gewesen sind, die die Seelen an die Mumie gefesselt haben, so müssen es auch heute wiederum inkarnierte Menschen sein, die dafür sorgen, dass die Seelen der Verstorbenen entfesselt werden und ungehindert weiter aufsteigen können, um unsere Kultur zu spiritualisieren. Das sind wir unserer mittlerweile gewonnenen Freiheit schuldig. Das war ja der Sinn des Materialismus, dass die Freiheit entstand.  So betrachtet ist die von Iris Paxino inaugurierte Erlösungsarbeit der richtige Weg.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann