Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

mein Bruder Armin machte mich auf das Buch von Dietrich Rapp „Tatort Erkenntnisgrenze – die Kritik Rudolf Steiners an Immanuel Kant“ (Menon Verlag, 2011, 197 S., € 18.-) aufmerksam. Ich hätte nie gedacht, dass man über Kant ein derart interessantes Buch schreiben kann, in dem wie in einem Spiegel und wie in einem Gegenbild die wesentlichen Elemente der Anthroposophie erscheinen.

Dietrich Rapp (1941 – 2017) ist vielen von uns als Redakteur der Wochenschrift „Das Goetheanum“, vorher als Redakteur „Die Drei“ und noch früher als Lektor im Verlag Freies Geistesleben bekannt. Er hatte Physik studiert. Diese exakte Vorbildung merkt man seiner Schrift an, die klar und verständlich geschrieben ist. Sie ist darüber hinaus in künstlerischer Sprache und mit passenden, schönen Bildern geschrieben, sodass einem das Lesen zu einem Genuss wird.

Rudolf Steiner hat sein ganzes Leben lang Goethe positiv beurteilt. Seine eigene Geisteswissenschaft betrachtete er als eine Fortsetzung von Goethes Denkweise. Angefangen hatte es mit den Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (1. Band 1884), und es endete mit dem Namen „Goetheanum“, den Rudolf Steiner seinem Bau und der von ihm gegründeten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gegeben hat (1920). Oft genug sagte R. Steiner, dass die eigentliche Zeit des Goetheanismus noch kommen werde, dass er unter Goetheanismus das versteht, was aus Goethes Art zu denken und Goethes Art zu empfinden, „im nächsten Jahrtausend“ (GA 181, 6.8.1918) werden soll.

Genau umgekehrt war es bei Kant. Von Anfang an wurde Kant kritisiert und von Grund auf falsch gefunden. Es gibt kein Ding an sich, ebenso wenig gibt es Grenzen der Erkenntnis und noch weniger gilt der kategorische Imperativ. „Die Philosophie der Gegenwart leidet an einem ungesunden Kant – Glauben“ ist der erste Satz in „Wahrheit und Wissenschaft“ (GA 3). Dann in seiner theosophischen Zeit ist Kant derjenige, durch den es keine höhere Erkenntnis und keine Theosophie geben könnte. 1908 wird von dem „verwüstenden Fundamentalirrtum Kants“ (GA 35, „Philosophie und Anthroposophie“) gesprochen.

Aber im weiteren Verlauf geht R. Steiner auf die von Kant festgestellten Erkenntnisgrenzen näher ein. In dem Aufsatz „Frühere Geheimhaltung und jetzige Veröffentlichung übersinnlicher Erkenntnis“ (1917, GA 35) werden die beiden Erkenntnisgrenzen sinnvoll gedeutet. Wenn wir nicht nach außen hin, also dort, wo Kant das Ding an sich vorstellte, solche wesenlosen Begriffe wie Atom, Kraft und Stoff hinsetzen würden, wenn uns also die äußere Welt wesenhaft durchschaubar wäre, wären wir Menschen ohne Liebe. Wenn wir nach innen hin, wo Kant das Apriori bzw. die Quelle des kategorischen Imperativs hinsetzte, wenn uns unser eigenes Innere durchschaubar wäre, so hätten wir keine Erinnerung. Dann bemerkt Rudolf Steiner in einem wunderbaren Vortrag (GA 183, 18.81918) über die Aura des Menschen, wie die beiden Grenzen in der Aura sichtbar sind und sich voneinander unterscheiden. Er malt dazu ein eindrucksvolles Bild mit nach außen hin blauen, nach innen hin roten Farben. Dazu zeichnet er nach außen geöffnete Lemniskaten, nach innen hin Lemniskaten, die sich in sich verschlingen. Sodass die beiden Grenzen farbig, geometrisch und seelisch vor uns stehen und durch die Lemniskaten zueinander auch in Metamorphosen gedacht werden können (GA 183, 18.8.1918). Grundlegend für die beiden genannten Grenzen ist dann der Zyklus „Grenzen der Naturerkenntnis“ (GA 322), den Rudolf Steiner zur Eröffnung des ersten Goetheanums 1920 gehalten hat. Die beiden Grenzen werden da umfassend von Philosophie, Kunst, höherer Erkenntnis, Medizin u.a. beleuchtet. Unsere Seele ist eingespannt zwischen der Erinnerung nach innen und der Liebe nach außen (siehe dazu auch: GA 205, 3.7.1921, GA 83, 5.6.1922). Ein Forschungsprojekt für Jahrhunderte!

Und wenn Sie sich dazu das Goetheanum vorstellen: den großen Zuschauerraum, die große Kuppel, wo die Weltentwicklung dargestellt ist: Erinnerung. Die kleine Kuppel mit der Christusstatue im Zentrum: der Inbegriff der Liebe. Dann versteht man in erster Annäherung, warum Rudolf Steiner zur Eröffnung des Baues gerade diesen Zyklus über die Grenzen der Naturerkenntnis (GA 322) gehalten hat.

Die Grenzen sind also wirklich da, die Kant festgestellt hatte, aber wir sollen nicht dabei stehen bleiben, wie Kant meinte, sondern im Sinne Steiners müssen wir sie überschreiten. Wer an die Erkenntnisgrenze kommt und wer sich bewusst ist, dass die Grenze überschritten werden kann, der fühlt sich dort vom Übersinnlichen berührt und kann gar nicht anders als weiter schreien in die geistige Welt hinein. Die beiden Grenzen werden schließlich zu „seelenforscherisch – initiatorischen“ (D. Rapp) Bereichen, die da sein müssen, wenn wir uns heute der geistigen Welt nähern. Die Grenze nach innen wird zum kleinen, die Grenze nach außen zum großen Hüter der Schwelle (das ergibt sich, wenn man das hier erörterte Problem zusammenschaut mit GA 119 „Makrokosmos und Mikrokosmos“). Rapp resümiert, wie Kant für R. Steiner zwar sein entschiedenster Gegner, aber auch sein Bruder und sein Hüter gewesen ist.

Der lebenslange Kampf Rudolf Steiners gegen Kant, von dem er nie abgelassen hat, war sein Ringen mit dem Hüter der Schwelle: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ (1. Mose 32). Der Segen dieses Ringens, den R. Steiner empfing, war die Anthroposophie: angefangen mit dem Goetheanismus, fortgeführt als Geisteswissenschaft, Kunst und spiritualisiertes praktisches Leben, vollendet in den Klassenstunden, dem Empfangen der Menschenweihehandlung und der Opferfeier.

Dietrich Rapps Buch gibt dem Ganzen der Anthroposophie eine Erkenntnissicherheit und Festigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Beim Lesen dachte ich mehrmals an die Worte „Wir errichten Seelenhäuser aus der Erkenntnis eisenfestem Lichtesweben“ (GA 40 „Den Berliner Freunden“). Und es ist ja wirklich so, dass jeder von uns zwischen Erinnerung nach innen und Liebe nach außen ein individuelles, geistiges Goetheanum errichtet. So erfüllen sich die Worte: „Der Bau wird Mensch.“ Dieses Buch ist ein großer Fortschritt für das Verständnis der Anthroposophie und Rudolf Steiners. Da kann noch sehr viel mehr herausgeholt werden als hier angedeutet worden ist.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann