Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Die Konzertdirektion Wolff und Sachs hatte Rudolf Steiner eingeladen, für ihn eine Vortragsreise durch Deutschlands Städte zu organisieren. R. Steiner hielt vom 15.9.1921 bis zum 20.5.1922 in zwei Tourneen insgesamt 22 Vorträge in Berlin, München, Stuttgart, Frankfurt, Mannheim, Köln, Wuppertal-Elberfeld, Hannover, Hamburg, Bremen, Dresden und Breslau. Die Vorträge waren durchwegs ausverkauft und fanden jeweils in den größten Sälen dieser Städte statt, sodass regelmäßig 1000 bis 2000 Zuhörer anwesend waren. Die Mitschriften und viele Dokumente zu diesen Vorträgen sind jetzt in dem Band „Das Wesen der Anthroposophie“ (GA 80a) auf 625 Seiten erschienen.
In München wurde R. Steiner am 15.5.1922 von einer rechtsradikalen, antisemitischen Gruppe gestört. Am Ende des Vortrages kam es zu einem Angriff auf R. Steiners Person, indem die Bühne gestürmt wurde. Einige beherzt handelnde Anthroposophen (Hans Büchenbacher, Ludwig Noll, Walter Beck u.a.) konnten den Angriff abwehren. Die vorab um Hilfe gebetene Münchener Polizei hatte es nicht für nötig erachtet, R. Steiner zu schützen. Die Randalierer zeigten später auf der Straße Hakenkreuzfahnen. Um ihnen auszuweichen nahm R. Steiner am nächsten Morgen in München den Personenzug nach Augsburg und stieg erst in Augsburg in den Schnellzug nach Mannheim um. An Edith Maryon telegrafierte er von Mannheim aus: „München überstanden“.
Rudolf Steiner war damals ein Tagesgespräch. Die Zeitungen berichteten ausführlich über seine Darstellungen. Zu Pfingsten 1922 kam dann der West Ost Kongress in Wien (GA 83), der für die Anthroposophie ein großer Erfolg in der Öffentlichkeit gewesen ist. Über ihn sagte R. Steiner dann später, dass er wirklich ein großer Erfolg gewesen sei, jedoch hätten ihn die anthroposophischen Zeitschriften viel zu wenig ausgemünzt. Jede andere Korporation hätte wochenlang über so einen Kongress berichtet, die anthroposophischen Medien hätten in dieser Richtung nichts getan (GA 259, S. 265, S. 300, S. 382). So kommt es einem auch mit jenen öffentlichen Vorträgen von 1922 in Deutschland vor, die erst jetzt vollständig erscheinen. Der Inhalt dieser Vorträge ist bedeutend gerade dann, wenn man das Ganze von R. Steiners Werk erfassen will.
Dazu nur ein Beispiel: das Wesen der Intuition. Jeder Leser der „Philosophie der Freiheit“ kennt die Intuition als zentralen Begriff, der den ersten Teil und den zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ verbindet. Im ersten Teil ist Intuition die Form, in welcher das Denken sich selbst erkennen und beobachten kann. Mithilfe dieser Intuition ist die Wahrheit als Maßstab jedem Menschen zugänglich. (Die Wahrheit als Maßstab, nicht als Inhalt. Die oft zitierte Stelle Steiners, dass die Wahrheit ein freies Erzeugnis des Menschengeistes ist (GA 3, Vorrede), meint, dass wir im Beobachten des Denkens den Wahrheitsmaßstab selbst erzeugen müssen, sonst wäre er nicht da). Im zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ ist dann die Intuition die höchste Quelle der Sittlichkeit. Der aus Freiheit handelnde Mensch handelt aus Intuition, und zwar im Sinne der Intuition, wie sie im ersten Teil gereinigt vor einem steht. Die Intuition wird dann als Motiv und als Triebfeder des Handelns zu einem Handeln aus Liebe. Liebe, Intuition, Freiheit und die Wahrheit als Maßstab sind in diesem Sinne dann ein und dasselbe. Natürlich ist dies ein Ideal, aber ein Ideal, welches der Mensch verwirklichen kann, weil es sein Wesen ist. Wir sind nicht entweder frei oder unfrei. Wir sind auf dem Wege zur Freiheit. Wir können in unseren Taten immer mehr Intuition, Freiheit und Liebe verwirklichen.
Wenn man daraufhin in der „Geheimwissenschaft“ die Stufen der höheren Erkenntnis kennenlernt, kommt dort nach Imagination und Inspiration die höchste Stufe der höheren Erkenntnis, die wiederum den Namen Intuition trägt. Ist dies dieselbe Intuition wie in der „Philosophie der Freiheit“? Viele Jahre lang dachte ich: nein, diese beiden Intuitionsbegriffe sind zweierlei. Bis ich in den öffentlichen Vorträgen vom September 1921 in Stuttgart „Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzel und Lebensfrüchte“ (GA 78) eines Besseren belehrt worden bin. Diese Vorträge fanden kurz vor den Wolff und Sachs Vorträgen statt. Rudolf Steiner beleuchtet dort den Sachverhalt ganz genau. Im zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ geht es um die moralische Intuition. Im ersten Teil dieses Werkes handelt es sich um das gegenständliche Erkennen. In der Erkenntnis höherer Welten ist es dann so, dass man das gegenständliche Erkennen durch Imagination und Inspiration erweitert und zuletzt zur „kosmischen“ Intuition gelangt, wie R. Steiner sie in Stuttgart nennt. Die kosmische Intuition ist für die Welt dasselbe, was im Innern des Menschen die moralische Intuition ist (GA 78, 3.9.1921). Wenn man also das Ganze der Anthroposophie mit einem Haus vergleichen will, dann ist die „Philosophie der Freiheit“ nicht nur das Fundament, sondern sie ist das Fundament des gegenständlichen Erkennens und dazu auch noch das Dach der moralischen Intuition. Die Anthroposophie als Erkenntnis höherer Welten entsteht aus der Philosophie der Freiheit dadurch, dass man zwischen Fundament und Dach das Erdgeschoss der Imagination und den ersten Stock der Inspiration dazwischenschiebt.
Oder anders gesagt: jeder Mensch hat eine Intuition: das ist die Intuition seines Ich (GA 12, 1.Kap.). Diesen Punkt hat die Philosophie der Freiheit ausgearbeitet. Will man dieselbe Intuition auf die ganze Welt anwenden, muss man sich Imagination und Inspiration dazu erwerben. Dann entsteht die Anthroposophie als Erkenntnis höherer Welten. Also die beiden Intuitionen in der Philosophie der Freiheit und in der Anthroposophie sind qualitativ dasselbe, sie verhalten sich aber zueinander wie Punkt und Kreis.
In den von Wolff und Sachs arrangierten Vorträgen stand R. Steiner ganz allein vor einem großen Publikum und sprach nicht von etwas, was jetzt unbedingt zu tun ist, von Agitation war keine Rede, er sprach auch nicht von sensationellen, mitreißenden Inhalten. Sondern von dem, was jede einzelne Seele im Innersten sich erwerben kann und was er selbst sich bereits erworben hatte. Er berichtete vom Wesen der Erinnerung, wie sie sich zur Imagination verhält. Er sprach vom systematisch geübten Vergessen als Übung zur Inspiration. Und dann sprach er von der Intuition: Intuition ist zur Erkenntniskraft gewordene Liebe. In den meisten Vorträgen der ersten Tournee erwähnte er die Intuition der „Philosophie der Freiheit“ als wesensgleich mit der Intuition bei der höheren Erkenntnis. Weiterhin berichtete er, wie aus der Anthroposophie zwei Klinisch Therapeutische Institute entstanden sind. Wie der Bau des Goetheanum nicht in einem beliebigen Stil hätte gebaut werden können, sondern in einem Stil, der dasselbe vor Augen führt, was die Anthroposophie für den Gedanken ist. Er erzählte von der Waldorfschule, die Emil Molt gegründet hat und von ihm selbst geleitet wurde. In geradezu rührender Selbstlosigkeit wies er immer wieder auf die Vorträge von Caroline von Heydebrandt und Emil Leinhas hin, die damals auch als Broschüren vorlagen und womit wichtige Schritte in der Verarbeitung der Anthroposophie geleistet worden sind.
Das war im Jahr 1922, als das Goetheanum noch da war. Wenige Monate später versank es in Schutt und Asche. Unbeirrt und mit gesteigerter Kraft arbeitete R. Steiner weiter. Ein neuer Bau wurde entworfen, die Gesellschaft sozial von innen her neu gegründet und eine neue esoterische Schule mit 19 großen Mantren in 19 sogenannten Klassenstunden entfaltet. Dieses Grundgerüst der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft ist jetzt auch als handliches Buch (GA 270) für jeden zugänglich. Die Jahre 1922 bis zu Rudolf Steiners Tod am 30.3.1925 sind auf diese Weise zu einem Zeugnis für die Auferstehungskräfte geworden, mit denen die Anthroposophie verbunden ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann