„Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens“ 

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

ich liebe die beiden kleinen Schriften „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen - in acht Meditationen“ (1912, GA 16) und „Die Schwelle der geistigen Welt – aphoristische Ausführungen“ (1913, GA 17). Sie sind nicht wie die anderen - selbstverständlich unverzichtbaren - Bücher R. Steiners systematisch geschrieben, sondern mehr methodisch und aphoristisch. Die Anthroposophie erscheint durch diese anderen Aspekte jeweils in einem neuen Licht. 

Im ersten Kapitel von „Die Schwelle der geistigen Welt“ steht die Meditation „Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens“. Es ist eine Meditation über das Denken. Dafür gilt: „Die Gedanken haben ihren eigentlichen Sitz im ätherischen Leib des Menschen. Aber da sind sie lebendig wesenhafte Kräfte. Sie prägen sich dem physischen Leib ein. Und als solche „eingeprägte Gedanken“ haben sie die schattenhafte Art, in der sie das gewöhnliche Bewusstsein kennt“ (GA 26, Leitsatz Nr. 100). Die genannte Meditation sucht den Weg zurück: vom schattenhaften, physischen Denken zum lebendigen Denken, wie es in der ätherischen oder elementarischen Welt lebt [ätherisch und elementarisch sind synonym]. 

Die Worte „Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens“ haben es in sich. Viele Jahre oder eigentlich Jahrzehnte lang habe ich sie gelesen, angestaunt und bewundert, aber ich konnte mich nicht innerlich mit ihnen verbinden, obwohl mir das Denken doch eine so wichtige Sache ist. 

Jede Meditation besteht in zweierlei: erstens in der Vorbereitung, zweitens in der eigentlichen Meditation. R. Steiner stellt dies exemplarisch in der „Geheimwissenschaft“ (GA 13) am Beispiel der Rosenkreuzmeditation dar. Was ich jetzt hier im Folgenden sage, ist natürlich Vorbereitung, und auch nur eine der vielen Vorbereitungen, die möglich sind. 

Es können einem die verschiedenen Laute und Silben dieses Satzes auffallen. Das Wort „Weltgeschehen“ enthält viermal den Laut E. Wenn Sie das E in „des“ noch dazu zählen, sind es fünf E hintereinander. So werden wir am Ende der Meditation zu einer Selbstbesinnung aufgerufen. Im E empfindet man nach R. Steiner: „es wird mir etwas getan und ich halte mich demgegenüber aufrecht“ (Lauteurythmiekurs, GA 279, 26.6.1924). Dieses Sich – Aufrechthalten braucht man in der elementarischen Welt. Man muss sich dort in den wallenden und wellenden Bildern, zwischen den verschiedenen Sympathien und Antipathien, die wie Farben wogen, zurechtfinden, was nur mithilfe eines erstarkten Selbstgefühls möglich ist. Diese erhöhte Selbstgewissheit, die man in der elementarischen Welt unbedingt braucht, darf allerdings nicht in den physischen Alltag hineingetragen werden, sie würde dort zur Rücksichtlosigkeit und zum Egoismus führen (GA 17, „Von dem Ich-Gefühl und von der Liebefähigkeit der menschlichen Seele und deren Verhältnissen zur elementarischen Welt“ und „Von der Grenze zwischen der Sinneswelt und den übersinnlichen Welten“).  

Am Anfang der Meditation erscheinen der Laut I und der Laut E in einer besonderen Reihenfolge: „Ich empfinde mich…“. Es könnte ja inhaltlich auch „ich fühle mich“ oder ähnlich heißen, es heißt aber: ich empfinde mich. Der Laut I als die reine Selbstbehauptung und der Laut E wechseln sich ab. Das Wort „ich“ umrahmt diesen Teil der Meditation dadurch, dass es in dem Wort „mich“ noch einmal erscheint. 

Dann folgt gleich zweimal hintereinander wieder ein E: „…denkend…“. Im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ könnte man den hier gemeinten Tatbestand ohne weiteres auch so ausdrücken, dass man sagt: „das Denken können wir durch es selbst erfassen“ – oder – „im Denken erfassen wir unser Ich“ - oder – „das Ich steht sich im Denken selbst gegenüber“ usw. Aber all das wird nicht gesagt, sondern das Denken erscheint hier als Mittelwort in der Gegenwart (Partizip Eins oder Präsens). Mittelworte oder Partizipien werden von Tätigkeitsworten (Verben) abgeleitet, aber wie Eigenschaftsworte (Adjektive) gebraucht.  Im Verbum kommt das Vermittelnde des Denkens, im Adjektiv das Sinngebende des Denkens zum Ausdruck.  

Und dann das Wort „eins“. Damit kommen wir zum Wesen des Ganzen. Das Denken ist der Kern der Welt. Die Gedanken sind in den Dingen. Der Weltprozess wäre ohne das Denken des Menschen unvollendet. Der Umlaut „Ei“ ist nach Steiner das „liebevolle Sich - Anschmiegen“ (GA 279, 25.6.1924). In dem Denken liegt eine Kraft verborgen, welche „Kraft der Liebe in geistiger Art“ ist (Zusatz zur Neuauflage 1918 zum 8. Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ GA 4). Durch die Kraft der Liebe im Denken verbinden wir uns mit der Welt und die Welt verbindet sich mit uns. 

Und daraufhin das Wort „Strom“, der Strom des flutenden Denkens, der Strom der ätherisch-elementarischen Kräfte und letztlich auch der Strom meiner Biographie. Sobald ich nämlich den Ätherleib schauen kann, schaue ich die Bilder meines eigenen Lebens als ein räumliches Tableau bis zur Geburt. So wie im Leben nach dem Tode, wo ich die Rückschau habe, solange mein Ätherleib sich noch nicht aufgelöst hat. Das O ist der Laut des liebevollen Umfangens und der Laut der Vollendung. Mit dem O stellt die Welt die Frage an mich: hast du mich denn auch denkend in Liebe vollendet oder hast du mich nur wie ein Spiegel wiederholt? (in Anlehnung an 26.6.1924, GA 279). 

Das ist jetzt nur eine der möglichen Annäherungen an diesen wundersamen Satz. Im Sinne der Methode: „Wahre Geistesanschauung fällt ganz instinktiv in das Erleben des Wortes. Sie lernt auf das seelengetragene Ertönen des Vokals und das geistdurchkaftete Malen des Konsonanten hinempfinden. Sie bekommt Verständnis für das Geheimnis der Sprach-Entwicklung. Dieses Geheimnis besteht darin, dass einst durch das Wort göttlich-geistige Wesen zu der Menschenseele haben sprechen können, während jetzt dieses Wort nur der Verständigung in der physischen Welt dient“ (GA 28, Mein Lebensgang, 34. Kap.). 

Herzliche Johannigrüße Ihr Friedwart Husemann