Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
unter dem Titel „Antike Mysterien und Christentum“ (GA 87) sind jetzt die Vorträge vom Winter 1901/1902 erschienen, die R. Steiner kurz darauf zu seinem Buch „Das Christentum als mystische Tatsache“ (GA 8) ausgearbeitet hat. Weil die Mitschriften z. T. sehr bruchstückhaft sind, konnte man sich bisher nicht dazu entschließen, diese Vorträge in der GA zu publizieren. Dazu kam als weiterer Grund, dass R. Steiner das dazugehörende Buch ja selbst verfasst hatte. Die Stenogramme und die Klartextübertragungen des Stenographen wurden jetzt gründlich durchgearbeitet, und z. B. auch mit R. Steiners handschriftlichen Anstreichungen in seinen Büchern verglichen. Der Anhang zu den Vorträgen umfasst nahezu 100 Seiten, wodurch das Vorgehen der Herausgeber lückenlos transparent gemacht worden ist. Die editorische Sorgfalt der Herausgeber David Marc Hoffmann und Hans - Christian Zehnter und die Qualität des vorgelegten Textes erscheinen mir vorzüglich
Es handelt sich um den ersten Zyklus R. Steiners, von dem eine Mitschrift angefertigt wurde. Die gehaltenen 24 Vorträge sind viel ausführlicher als das daraus entstandene Buch. Das Buch erscheint zumindest von der Form her wie eine Neuschöpfung.
Wunderbar sind die Darstellungen über Philo von Alexandrien (10 v. Chr. bis 40 n. Chr.). Diesem Zeitgenossen Jesu verdanken wir die Beschreibung der Essäer in Palästina und der Therapeuten in Ägypten. Zu R. Steiners Zeiten wurde die Existenz der Essäer historisch angezweifelt. Die Qumran Funde von 1945 haben dann aber Philo mit seinen Berichten und R. Steiner mit seinen Forschungen über die Essäer (z. B. im 5. Evangelium, GA 148), zumindest was die Existenz der Essäer betrifft, bestätigt. Johannes der Evangelist war Schüler des Philo von Alexandrien (GA 90a, 27.5.1904). Die Logoslehre des Philo ging auf Johannes den Evangelisten über (GA 87, 1.2.1902). Interessant ist ein Vergleich zwischen Philo und Platon. Platon hob unsere Gedanken in die Höhen der Ewigkeit. Philo führte dieselben Gedanken herunter bis ins Leben. Philo entdeckte im Denken den freien schöpferischen Willen. „Das ist einer der bedeutsamsten philosophischen Schlüsse, die nach Platon noch haben gemacht werden können“ (ebd.). Und wenn man diese Polarität zwischen Platon und Philo auf R. Steiners Lebenswerk anwenden will, dann ergibt sich: der 1. Teil der “Philosophie der Freiheit“, die Wissenschaft der Freiheit, führt zum lebendigen Ideenerleben wie damals durch Platon. Der zweite Teil „Wirklichkeit der Freiheit“ führt mit derjenigen Intuition, die wir im ersten Teil verstanden haben, hinunter in das Leben, um die Freiheit zu verwirklichen, so wie damals durch Philo.
Aus anderen Zusammenhängen wissen wir, welches die weiteren Verkörperungen des Philo von Alexandrien gewesen sind. Er kam wieder als Baruch Spinoza (1632 – 1677), der einen so bedeutenden Einfluss auf Goethe gehabt hat. Und er wurde dann ziemlich bald wiedergeboren in Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814), bei dem Novalis gelernt hat. R. Steiner bemerkt dazu: „Wir haben hier also eine durchgehende Individualität in drei Persönlichkeiten. Liest man Fichte ohne Kenntnis dieser Vorgänge, so versteht man ihn nur wenig. Mit dieser Kenntnis aber findet man, dass seine Worte mit Feuerschrift geschrieben sind“ (GA 88, 24.8.1903) (über Spinoza und Fichte siehe auch GA 158, 5.6.1913).
Die Logoslehre, der Leib als Tempel der Gottheit, das Abendmahl oder ein solch zentrales Wort wie „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30) waren Lehrgut der Essäer (GA 87, 8. und 15. 2. 02). Christus hat mithilfe dieser Lehre sein Wesen aussprechen können. Die Essäer waren diejenigen unter den Juden, die Christus erwartet und erkannt haben. Der bedeutendste Essäer war Johannes der Täufer.
Ein anderer wichtiger Aspekt sind Steiners Darstellungen über Augustinus: „Augustinus gehört zu den tiefsten Denkern aller Zeiten…[…]…Ich möchte keine Persönlichkeit an Größe und Scharfsinn des Denkens vergleichen mit Augustinus“ (GA 87, 19.4.1902). Aber Augustinus war auch der erste Mystiker, der von der Wiederverkörperung nichts mehr wusste. Seine Prädestinationslehre war „grausam, hart und inhuman“ (19.4. und 26. 4. 1902), weil er als einzelner Mensch seinem Gott allein gegenüberstand und die Wiederverkörperung als Zwischenglied zwischen Gott und Mensch ihm fehlte (19.4.1002).
Sehr wichtig ist, dass wir den Glaubensbegriff des Augustinus richtig verstehen, weil wir dadurch auch verstehen, wie R. Steiner diesen Begriff in seinem Buch benützt. Der Glaubensbegriff bei Augustinus darf nicht verwechselt werden mit demselben Wort, wie es Luther und Kant benützt haben. Bei Luther hieß es „Rechtfertigung allein durch den Glauben“, wobei er den Glauben vor der aufkommenden naturwissenschaftlichen Denkweise (Kopernikus) retten wollte. Kant machte daraus ein System, indem er „das Wissen aufhob, um für den Glauben Platz zu schaffen“. Diese beiden Männer wollten Glauben und Wissen trennen. Letztlich hat das aber nichts geholfen, die natürliche Schöpfungsgeschichte hat gegenüber der biblischen Schöpfungsgeschichte den Sieg davongetragen, die Kirchen wurden immer leerer und das naturwissenschaftliche, zumeist materialistisch orientierte Denken erfasste die Seelen aller Menschen. Der Glaube ohne Wissen überzeugte die Menschen nicht. Also blieben sie beim Wissen.
Ganz anders war es bei Augustinus. Er war 10 Jahre lang Schüler der Manichäer, das heißt aber, er lernte das Mysterienwesen kennen. Er erkannte, dass die gesamte vorchristliche Weisheit aller Mysterien in Christus zu einer Tatsache geworden ist. R. Steiners Titel „Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums“ könnte von Augustinus stammen. Nun ging es für die damalige Zeit darum, an diese Tatsache zu glauben. Die Apostel sagten, wir haben ihn gesehen, wir können es bezeugen. Die Schüler der Apostel gaben es weiter. Die Verbürgtheit durch die Augenzeugen ging über auf die Kirche. Und das, was einmal geschehen ist, kann immer wieder geschehen: „Diese sinnliche Wahrheit, welche für das, was Augen und Ohren hörten, da war, lebt in der Kirche weiter. Diese Wahrheit ist für alle Zeiten da. Sie ist nicht nur die zeitliche Wahrheit, die sich in der Zeit, als Jesus lebte, zugetragen hat, sondern sie lebt als solche fort. Das ist das, was wir christliches Mysterium nennen“ (24.1.1902). Das Abendmahl oder das Weihnachtsfest geschehen immer wieder. „Das müssen wir als ewige Wahrheit nehmen, dass das, was einmal geschehen ist, immer wieder geschehen kann“ (ebd.). Deswegen sagte Augustinus die von R. Steiner in seinem Buch mehrmals zitierten Worte: „Ich würde an die Wahrheit der Evangelien nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der Katholischen Kirche dazu zwänge.“ Das klingt mit heutigen Ohren sehr rückschrittlich, weil wir unwillkürlich die Trennung von Wissen und Glauben in solche Worte hineinschieben. Damit war aber die durch und durch empirische Qualität der apostolischen Sukzession gemeint. Das war keine Trennung von Wissen und Glauben, sondern das war der Glaube an eine Tatsache, die gesehen, bezeugt und die mit dem höchsten Wissen der damaligen Zeit verstanden worden war. Der machtpolitische Missbrauch der apostolischen Sukzession kam erst viel später.
Die Wiederverkörperung, die Augustinus vom Christentum trennte, hat R. Steiner mit dem Christentum wieder verbunden. Lessing und Goethe hatten in derselben Richtung erste Ansätze gemacht. Glauben und Wissen, die Luther und Kant voneinander getrennt haben, hat R. Steiner wieder verbunden. Auch hier war es Goethe, der in derselben Richtung erste Schritte gemacht hatte.
Hier noch einige Einzelheiten, die ich so in den anderen Zyklen nicht gefunden habe: die 42 Totenrichter in Ägypten entsprechen den 42 Generationen von Abraham bis Jesus im 1. Kapitel des Matthäusevangeliums (S. 259). Auch bei Buddha finden wir 42 Stufen seiner Vorfahren (S. 262). Das himmlische Jerusalem ist eine Pyramide, und der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben (Matth 21, 42), mit dem Christus sich selbst bezeichnete, ist die Pyramidenspitze (S. 311, 312). Das Verhältnis von Typhon zu Osiris ist dasselbe Verhältnis wie zwischen Kain und Abel (S. 255).
Herzlich Ihr Friedwart Husemann