Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

an dieses Wort R. Steiners (aus GA 185, 3.11.1918) musste ich denken, als ich das Buch „Verwandeln des Lebens“ von Andrej Belyj (1880 – 1934) jetzt zum zweiten Mal gelesen habe.

Der aus Russland stammende Belyj wohnte mit seiner damaligen Frau Assia Turgeniew in Dornach gegenüber der Villa Hansi, wo R. Steiner wohnte, und arbeitete schnitzend am ersten Goetheanum mit. Von 1912 bis 1916 begleitete er die Vortragsreisen R. Steiners und hörte dadurch ca. 400 Vorträge von ihm.

Belyj beschreibt den Beginn des ersten Weltkrieges in Dornach, wo 19 verschiedene Nationen zur Arbeit am Goetheanum versammelt waren. Die Mitglieder der kriegführenden Länder haben damals natürlicherweise in langen Diskussionen und schlimmen Vorwürfen in der Kantine miteinander gestritten. Als dann R. Steiner zum ersten Mal nach Beginn des Krieges wieder nach Dornach kam, klärte er mit wenigen Vorträgen die Situation dadurch, dass er die verschiedenen Kapitälformen der Säulen als Ausdruck der Volksseelen Europas darstellte. Italien: Sonnensäule; Mondsäule: Frankreich; England: Marssäule; Merkursäule: Deutschland; Russland: Jupitersäule (GA 287, 18. und 19.10. 1914). Alle waren irgendwie zufrieden, nur die Schweizer waren enttäuscht, dass über sie nicht extra gesprochen worden war. (Dazu bemerke ich als Nicht-Schweizer: die Schweizer haben das Privileg, dass das 1. Goetheanum mit seinen sieben Säulen der großen Kuppel und mit seinen sechs Säulen der kleinen Kuppel in ihrem Land stehen durfte, und dass das 2. Goetheanum heute noch dort steht. Beide Tatsachen werden von jedem Anthroposophen in der Welt als Glücksumstand betrachtet). R. Steiner am 19.10.1914 (GA 287): „Denn unser Bau soll sein, was man nennen kann: eine Kuppel des gegenseitigen Verstehens der europäischen Menschen.“ Was Belyj über die Ursachen des ersten Weltkrieges auf nur zwei Seiten zusammenfasst, von dem möchte man wünschen, dass es allgemein bekannt wäre. Es entspricht genau dem, was R. Steiner damals in vielen Vorträgen dargestellt und was durch Markus Osterrieder dokumentarisch belegt worden ist (Welt im Umbruch, Stuttgart, 2014, 1722 Seiten).

Belyj hatte anfängliche Fähigkeiten geistigen Schauens. In einem Brief an Alexander Blok (Beiträge zur GA, 1985, Nr. 89/90, S. 20) berichtete er, wie er die Aura der Menschen schauen konnte. In seinem Buch schrieb er: „der Doktor hatte sozusagen jeweils eine verschiedene Aura; außer dem glühenden Purpur seiner Worte über Christus konnte sie rosa-golden, von blendendem Gold rosa und weiß sein“ (S. 149). Bei dem Zyklus „Von der Initiation“ (GA 138) hatte Belyj das Gefühl einer strengen Symphonie mit tiefen „samtschwarzen Klängen des Abgrunds“ (S.166), R. Steiner wirkte „streng, fordernd, blass und traurig“. Wenige Wochen später beim „Markusevangelium“ (GA 139) sprach ein anderer Mensch: er wirkte jung, rasch, frisch und irgendwie „rosafarben“ (S. 167).

Bei einer Probe zu den Weihnachtsspielen spielte R. Steiner einen Hirten vor. Es war so eindrucksvoll, dass man es nicht mehr vergessen konnte. Bei einer Probe zum Faust stellte R. Steiner den Mephisto dar. Es war der Moment, wo Mephisto (II. Teil, 5. Akt) sich in die Engel verliebt, und die Engel dann die Rosen streuen: „das war nicht mehr der Doktor, das war der Teufel […] Das Bild des Bösen, wie es von Dr. Steiner dargestellt wurde, rüstete mich mit einem Wissen aus, das durch kein Buch vermittelt werden kann“ (S. 369).

Belyj entwirft lebendige Bilder der damaligen Mitarbeiter R. Steiners: Sophie Stinde und Pauline Kalckreuth, die die Münchner Arbeit leiteten und glanzvolle organisatorische Fähigkeiten hatten; Felix Peipers, der in den Mysteriendramen den Benedictus in überragender Weise darstellte; Carl Unger, wie er das Rechnungswesen während des Baues betreute; Michael Bauer, Friedrich Rittelmeyer und Christian Morgenstern, mit denen Belyj am meisten sich verwandt fühlte; Joseph Englert, der für das Zusammenstimmen der beiden Kuppeln eine hervorragende Ingenieurleistung vollbrachte, später aber von dem Bau und der Anthroposophie sich wieder abwandte; Wilhelm Selling in Berlin, der sich mit warmer Menschlichkeit um Belyj kümmerte, als Belyj 1921 bis 1923 zum zweiten Mal in Berlin und Stuttgart war und in der anthroposophischen Bewegung sich nicht mehr heimisch fühlte. (Für Dornach bekam er damals keine Einreiseerlaubnis).

Den Höhepunkt seiner Darstellungen über R. Steiner bilden die Vorträge über das 5. Evangelium (GA 148), die Belyj 1913 in Kristiania (Oslo) miterlebte. Nach der Darstellung Belyjs verlor R. Steiner damals mehr oder weniger die Fassung, er wusste nicht, wo und wie er auf der Bühne stehen oder wo er hinschauen sollte, seine eigene Unfähigkeit und Unsicherheit gestand er ein und erst im Laufe der Vorträge konnte er sich zur gewohnten Beherrschung des Themas und seiner selbst durchringen. Die späteren Vorträge über dasselbe Thema in Berlin, Nürnberg und Stuttgart hörte Belyj ebenfalls, sie waren verglichen mit der ersten Form nach Belyjs Wahrnehmung nur noch ein matter Abglanz.

Belyj hatte keine Angst vor der Subjektivität, er wusste, dass die subjektive Imagination die erste Form der Geistesschau darstellt und dass sie ebenso notwendig überwunden werden muß. Er bewältigte die Subjektivität durch vielseitige Beleuchtungen ein und desselben Themas, z. B. wenn er über Marie Steiner mit humorvollem Unterton schrieb: „Eine trockene, pedantische, ungerechte Deutsche! Das sagten Russen. Die Deutschen sagten etwas anderes: eine trockene, pedantische, ungerechte Russin!“ Durch seine russische Wahlverwandtschaft war Belyj mit Marie Steiner freundschaftlich verbunden. Während er aber über die anderen Mitarbeiter viele Seiten schrieb, beschränkte er sich bei Maria Jakovlevna -wie die Russen Marie Steiner nannten - auf wenige Worte. Die haben es aber in sich. Sie sind ein bewusst inszeniertes lautes Schweigen.

Andrej Belyj war ein Dichter. Er nahm das Dichten ernst. Er verstand es wie Goethe. Goethe wollte mit dem Titel seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ sagen: dass das Dichten hier nicht etwa ein Hinzu-Erfundenes oder Hinzu-Phantasiertes bedeuten soll, sondern dass die Poesie hier die tiefere Wahrheit, „das Grundwahre“ erfassen will (Brief an Ludwig I von Bayern am 15.2.1830 und weitere Stellen, in der HH Ausgabe Band 9 auf Seiten 632 und 633 zitiert, Auflage von 1967). Goethe hat den Titel „Dichtung und Wahrheit“ bewusst paradox und missverständlich gewählt, und die meisten mehr oder weniger Gebildeten fallen beim Zitieren dieses Titels darauf rein, indem sie ihn in dem Sinne zitieren, wie es Goethe gerade nicht gemeint hatte. Aber Belyj als Dichter hat es verstanden. Es gibt keine andere Darstellung, wo man R. Steiner so lebendig, gegenwärtig und leibhaftig begegnet wie diejenige Belyjs. Er beschreibt auch Einzelheiten wie z. B. Rudolf Steiners Falten und feine Fältchen im Gesicht, deren reges Bewegungsspiel, sein Lächeln oder gar sein Lachen dergestalt, dass man eine seelische Gänsehaut bekommt.

Zuletzt noch einige Sätze zu der „Gralsstimmung im Russizismus.“ R. Steiner schildert Goethes drei Ehrfurchten aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (2. Buch, 1.Kapitel, Pädagogische Provinz) und nimmt diese drei Ehrfurchten als Beispiel dafür, dass Goethe in der Gralsstimmung lebte. Goethe wollte das Religiöse hinaufheben: „…das was Goethe dazu führt, in dieser Weise hinaufzuheben, nicht jesuitisch herunterzuführen, sondern hinaufzuführen das in der Sinnenwelt wirksame Religiöse in die spirituellen Höhen: das ist die Gralsstimmung. Und Grals-Stimmung, so paradox das besonders heute klingt, Grals-Stimmung ist im Russizismus. Und auf dieser im Russizismus vorhandenen unbesieglichen Grals-Stimmung beruht eben jene Zukunft des Russentums für die sechste nachatlantische Zeit, von der ich so oft habe zu sprechen gehabt.“ (GA 185, 3.11.1918).

Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann