Liebe Freunde
Frau Bodil Lewis, eine Leserin dieser Rundbriefe aus Dänemark [die Genannte ist mit ihrer Nennung einverstanden], stellte die Frage: „Im Bologna-Vortrag wird gesagt, dass das wirkliche Ich nicht zu finden ist im Leibesinneren, dies ist nur ein Abbild. In GA 143, S.163 wird gesagt, dass am Freitag, 3. April im Jahre 33 um 15 Uhr das Ich im Menschen geboren wird, vom Kosmos kann man die Menschen sehen als kleine Leuchter. Ich lese es als das "Christus im mir." Aber wie verhält sich das zu dem genannten Abbild? Das Ich, Christus in mir, und ein Abbild geht ja nicht zusammen??“
Ich will eine annähernde Antwort versuchen. Die Aspekte der Ich Wissenschaft in der Anthroposophie sind sehr vielschichtig, sodass ich hier nur zwei davon etwas gründlicher erörtern kann.
Zunächst aus dem Kapitel „Die Weltentwicklung und der Mensch“ in dem Buch „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ (GA 13). Dreh- und Angelpunkt ist die Mitte der lemurischen Zeit. Das ist der Zeitpunkt, den die Bibel den Sündenfall oder die Vertreibung aus dem Paradies nennt. Noch vor diesem Zeitpunkt haben die Geister der Form oder Exusiai oder Elohim dem Menschen das Ich gegeben. Es gibt sieben Elohim. Sechs wohnen auf der Sonne, der siebente (Jehova) wohnt auf dem Mond bzw. zog dorthin während der Mitte der lemurischen Zeit, als der Mond sich von der Erde trennte. Dazu muss man wissen, dass die Summe der sechs Elohim auf der Sonne dasselbe sind wie der Logos oder der Christusgeist (GA 103, 26.5.1908). Insofern können wir verstehen: dass „jedes menschliche Ich in Christus seinen Urgrund findet“ und dass das Ideal der umfassenden Brüderlichkeit dadurch begründet ist, dass „über alle Sonderinteressen und Sonderverwandtschaften hinweg das Gefühl auftrat, dass des Menschen innerstes Ich bei jedem denselben Ursprung hat. (Neben allen Erdenvorfahren tritt der gemeinsame Vater aller Menschen auf: “ (GA 13, a.a.O.).
Nun war diese Schöpfung des Ich allerdings nicht die einzige bzw. sie war nur der erste Akt der Ich-Schöpfung. Um der Freiheit willen haben die Götter die luziferische Versuchung zugelassen, wodurch das Ich in Abhängigkeit vom Astralleib und seinen Leidenschaften kam und der Mensch tiefer in die Materie absteigen musste. Irrtum und Lüge, Krankheit und Tod sind dadurch entstanden, die etwa um die Zeitenwende vollständig sich ausgebreitet und ihr Werk gewissermaßen vollendet hatten. Deswegen kam Christus als das Welten-Ich in den Leib des Jesus von Nazareth, um den Menschen den Christus Impuls zu geben, damit der Mensch in Freiheit den Weg wieder nach aufwärts finden kann. Dadurch werden Irrtum und Lüge, Krankheit und Tod nach und nach wieder überwunden. Paulus erkannte diesen Christus Impuls als „Christus in mir“ (Galater 2,20). Tatsächlich kann der Mensch erst seit dem Mysterium von Golgatha den Christus in sich finden, vorher konnte er ihn nur außen z. B. in der Sonne oder im Licht schauen. Insofern geschah die Geburt des Ich durch das Mysterium von Golgatha am 3.4. 33 als zweiter Akt der Ich-Schöpfung: „Ich habe deinem Ich gegeben die Richtung nach aufwärts, dem Morgenstern, dem Merkur“ (Apokalypse 2,28; übers. R. St. in GA 104, 20.6.1908). Der Tiefpunkt war erreicht, ab diesem Zeitpunkt ging es wieder aufwärts. Alle diese Zusammenhänge stellen das Ich-Problem als zeitliche Entwicklung dar.
Der Bologna Vortrag (GA 35, s.111 ff) ist demgegenüber der räumliche Aspekt. Dieser räumliche Aspekt ist schwerer zu verstehen. In Wirklichkeit sind beide Aspekte natürlich dasselbe, aber unser Verstand ist noch so dumm und abstrakt, dass wir uns diese Verhältnisse nur getrennt, einmal räumlich und dann wieder zeitlich vorstellen können.
Im Bologna Vortrag heißt es: „Und man wird deshalb zu einer besseren Vorstellung über das «Ich» erkenntnistheoretisch gelangen, wenn man es nicht innerhalb der Leibesorganisation befindlich vorstellt, und die Eindrücke ihm «von außen» geben lässt; sondern wenn man das «Ich» in die Gesetzmäßigkeit der Dinge selbst verlegt, und in der Leibesorganisation nur etwas wie einen Spiegel sieht, welcher das außer dem Leibe liegende Weben des Ich im Transzendenten dem Ich durch die organische Leibestätigkeit zurückspiegelt.“ Das „Ich im Transzendenten“ oder „das Ich in den Gesetzmäßigkeiten der Dinge“: was ist das? Im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ ist es die Quelle der Gedanken in den Dingen, die dort mit den Wahrnehmungen eine Einheit sind. Sie sind in dieser Form die schöpferischen Wesenheiten und die Werkbaumeister der Welt. Wenn wir nun dazu den Johannesprolog nehmen: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dann erkennen wir: das Ich in den Gesetzmäßigkeiten der Dinge ist das durch die Welt wallende schöpferische Wort oder mit einem anderen Wort gesagt: der schöpferische Logos. Christus hat zusammen mit dem Vatergott die Welt geschaffen. Die Manichäer sprachen deswegen vom „Christos demiurgos“, dem schöpferischen Christus im Himmel, und von „Jesus patibilis“, demselben Gott in den Unschuldskräften der Naturreiche (siehe Albert Steffen „Mani“, 1965, S. 85). Novalis sagte entsprechend: „Aus Kraut und Stein und Meer und Licht schimmert sein kindlich Angesicht.“ Das sind Metamorphosen dieses Ich in den Gesetzmäßigkeiten der Dinge, man könnte genauso sagen es sind Metamorphosen des Welten-Ichs.
Wenn wir uns nun das Ich im Transzendenten oder das Ich in den Gesetzmäßigkeiten der Dinge als Ganzes, eben als Welten-Ich vorstellen oder die einzelnen Iche im Transzendenten als von einer einzigen Quelle, eben dem Welten-Ich entsprungen, dann kommen wir aus räumlicher Sicht wiederum zu dem oben erwähnten Brüderlichkeitsbegriff, der sich dadurch ergibt, dass das innerste Ich eines jeden Menschen in Christus seinen wahren Ursprung findet.
Herzliche Grüße Ihr Friedwart Husemann