Liebe Freunde,

als ich 19 Jahre alte war, las ich zum ersten Mal die Vorworte zum Seelenkalender und staunte, dass dort von einem fühlenden Selbsterkennen die Rede ist. Das konnte ich nicht verstehen und davon fühlte ich mich nicht angesprochen. Die Sprüche selbst allerdings gefielen mir. Im Hinblick auf das fühlende Selbsterkennen wurde ich dann später eines Besseren belehrt. Denn die Gefühle sind das Zentrum der Seele. Aus den Gefühlen bilden sich die Hellseherorgane. Die geistige Welt besteht, wenn wir sie zuerst kennenlernen, aus Sympathien und Antipathien. Zur Selbsterziehung sollen wir unsere negativen Gefühle wie Zorn und Ärger ersparen und unsere edlen Gefühle wie Ehrfurcht und Dankbarkeit bewusst erzeugen. Der Quotient unserer Gefühle entscheidet über Glück und Unglück unseres persönlichen Lebens.

Lust und Unlust werden im Leben des Menschen nicht addiert oder subtrahiert, wie Eduard v. Hartmann meinte („Die Philosophie der Freiheit“, GA 4, 13. Kap.), sondern Lust und Unlust werden im Unterbewussten dividiert, bilden also einen Quotienten. Die Lust steht im Zähler, die Unlust im Nenner (GA 73, 5.11.1917) bzw. im Zähler steht der wirklich vorhandene Genuss und im Nenner steht die Bedürfnissumme (GA 4, 13. Kap.). Das heißt praktisch: ein Rest von Lust oder Genuss im Zähler bleibt erstrebenswert, auch wenn die Unlust im Nenner noch so groß ist. Auf diese Weise ist der Pessimismus widerlegt. Der genannte Quotient ist ein goetheanistisches Forschungsfeld: die Intervalle sind ja ebenfalls Quotienten, wie Pythagoras mit dem Monochord entdeckte: die Oktav 1:2, die Quint 2:3 usw. Insofern eröffnen sich Zusammenhänge zwischen Psychologie, Akustik und Musik.

            „Der Winter wird in mir den Seelensommer wecken…“ (30. Spruch) ist dann so ein Satz, der einem viel zu denken und zu empfinden geben kann. Der Sommer ist hier seelisch innerlich gemeint, der Winter aber äußerlich und natürlich. Welche Gefühle entsprechen dem Sommer in der Natur? Freude, Hingabe an die Naturschönheit, Heiterkeit und Glück, also beseligende Gefühle. Das Wort Seelenwinter kommt im Seelenkalender nicht vor, aber es ist leicht zu sagen, welche Gefühle der wirkliche Winter in uns hervorruft: ein Nachdenken darüber, ob wir für den Winter gerüstet sind, eine Besinnung auf das Wesentliche, ein Verantwortungsgefühl und andere ernste Gefühle.

So eröffnen sich in diesen 52 Sprüchen verschiedene Gefühle und Stimmungen, die von einer einzigen Seele allein gar nicht alle ausgeschöpft werden können. Wenn wir aber geduldig eine Stimmung nach der anderen entdecken und empfinden, wird unsere Seele im Laufe der Jahre erweitert und bereichert.  

Meine Frage ist: was ist das Urbild? Was ist das Grundgerüst unserer Gefühle? Wo sind die festen Punkte, an denen wir uns mit unseren Gefühlen orientieren können?

Wenden wir uns dafür an ein anderes Werk Rudolf Steiners. Nirgends wird das Wesen der Meditation so ausführlich und gründlich beschrieben wie in dem Kapitel über den Schulungsweg in der Geheimwissenschaft (GA13). Erst kommt die Vorbereitung. Ich stelle mir eine Pflanze vor, wie sie den Gesetzen des Wachstums folgt und ihre reine Blüte leidenschaftslos dem keuschen Sonnenstrahl öffnet. Ich kann ein „beseligendes Gefühl“ empfinden, wenn ich in dieser Weise eine Pflanze mir vergegenwärtige. Wenn ich mir daraufhin einen Menschen vorstelle, so erscheint er mir zwar vollkommener, weil er sich da und dorthin bewegen kann, aber in anderer Hinsicht ist er unvollkommener als die Pflanze, insofern er sich nach seinen Trieben, Begierden und Leidenschaften richtet. Ich kann beim Menschen von Verirrungen durch seine Triebe und Leidenschaften sprechen. Das rote Blut wird mir zu einem Symbol für diese Leidenschaften, so wie der grüne Pflanzensaft mir ein Sinnbild jener reinen, leidenschaftslosen Wachstumsgesetze geworden ist. Der Mensch musste seine Höherentwicklung dadurch erkaufen, dass er Triebe, Begierden und Leidenschaften in sich aufnehmen musste. Das kann meine Empfindungen in ein „ernstes Gefühl“ verwandeln.

Das „beseligende Gefühl“ und das „ernste Gefühl“ beschreibt Rudolf Steiner so wie sie hier in Anführungsstrichen wiedergegeben worden sind, und er betont, dass es wichtig ist, die vorbereitenden Vorstellungen mit diesen Gefühlen zu begleiten, ja diese Gefühle regelrecht zu erzeugen.

Dann geht es aber noch einen Schritt weiter. Der Mensch kann sich entwickeln. Er kann das Niedere in seinen Leidenschaften vernichten und es auf einer höheren Stufe wiedergebären. Solche gereinigten Triebe entsprechen in ihrer bewusst errungenen Reinheit der unbewussten Reinheit einer Pflanze. Das Rot des Blutes gleicht dann dem Rot der Rosenblüte, die von den reinen Wachstumsgesetzen durchzogen ist. Dies kann meine Seele in das Gefühl „eines befreienden Glückes“ verwandeln.

Ich stelle mir nun ein schwarzes Kreuz vor: es sei mir der Ausdruck der vernichteten niederen Triebe und Leidenschaften. An der Stelle, wo die Balken sich schneiden, stelle ich mir sieben rote strahlende Rosen im Kreis angeordnet vor, die mir Ausdruck sind für die gereinigten und geläuterten Triebe und Leidenschaften. Dieses Bild verwende ich für meine eigentliche Meditation, sodass ich möglichst lang darauf verweile, ohne von einer anderen Vorstellung gestört zu werden. Dabei soll ich die Empfindung, die ich mir durch die Vorbereitung erarbeitet habe, „mitschwingen lassen.“ Was da beim Meditieren mitschwingt, ist also jenes Gefühl eines „befreienden Glückes“, das durch den Ernst hindurch gegangen und aus der Beseligung geboren worden ist. So wird das Sinnbild des Rosenkreuzes zum Zeichen neben dem Empfindungserlebnis, und in dem Verweilen der Seele in diesem Erlebnis liegt das Wirksame der Meditation. Es scheint mir überhaupt so zu sein, dass das Gefühl eines befreienden Glückes das Grundgefühl für jede Meditation darstellt, alle anderen Gefühle können sich daraus ergeben.

Diese drei urbildlichen Gefühle der Rosenkreuzmeditation können wir auf den Seelenkalender übertragen. In Erinnerung an den Rundbrief über Sommer und Winter vom 4.12. 2018 wird uns der Weg durch den Sommer zu einem Pfad zu den oberen Göttern und erzeugt beseligende Gefühle. Der Weg durch den Winter wird uns zu einem Pfad zu den unteren Göttern und wandelt unser Empfinden in ernste Gefühle. Der Gang durch das ganze Jahr, also die Kunst, die Mitte zu halten zwischen oben und unten, zwischen Seligkeit und Ernst, wird uns zu einem Wandeln mit Christus, der uns das ganze Jahr hindurch das Gefühl eines befreienden Glückes vermitteln kann. Ganz in dem Sinne wie er selbst sagte: „Mein Joch ist sanft, meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,30).

Wir gelangen dann in die Sphäre, wo Novalis mit einem seiner Lieder das Gefühl jenes „befreienden Glückes“ gestaltet hat. Unsere philiströse Intellektualität mag sich über die Naivität seiner Worte erhaben fühlen. Geht indessen eine Arbeit wie die am Seelenkalender oder am Rosenkreuz voraus, dann werden dieselben Worte nicht zu einem naiven Anfang, sondern zur reifen Frucht einer Seele, die viel erlebt hat. Die letzte Strophe handelt von dem wahren Vaterland, das rein seelisch und geistig empfunden werden sollte. Was dazu gesagt wird, ist heute aktuell, wo die Populisten ihren offenkundigen Nationalismus in Patriotismus umtaufen. Ja die Reife und Tiefe dieser Worte reicht soweit, dass der Dichter mit den letzten Versen eine seiner früheren Inkarnationen (GA 238, 28.9.1924) andeuten kann.  

 

Wenn ich ihn nur habe,
Wenn er mein nur ist,
Wenn mein Herz bis hin zum Grabe
Seine Treue nie vergißt:
Weiß ich nichts von Leide,
Fühle nichts, als Andacht, Lieb und Freude.

Wenn ich ihn nur habe,
Laß ich alles gern,
Folg an meinem Wanderstabe
Treu gesinnt nur meinem Herrn;
Lasse still die andern
Breite, lichte, volle Straßen wandern.

Wenn ich ihn nur habe,
Schlaf ich fröhlich ein,
Ewig wird zu süßer Labe
Seines Herzens Flut mir sein,
Die mit sanftem Zwingen
Alles wird erweichen und durchdringen.

Wenn ich ihn nur habe,
Hab ich auch die Welt;
Selig, wie ein Himmelsknabe,
Der der Jungfrau Schleier hält.
Hingesenkt im Schauen
Kann mir vor dem Irdischen nicht grauen.

Wo ich ihn nur habe,
Ist mein Vaterland;
Und es fällt mir jede Gabe,
Wie ein Erbteil in die Hand:
Längst vermißte Brüder
Find ich nun in seinen Jüngern wieder.

      

Mit herzlichen Grüßen für die Weihnachtstage

Ihr Friedwart Husemann