Liebe Mitglieder (der Anthroposophischen Gesellschaft)

Covid-19 als ansteckende Krankheit ist nicht nur ein medizinisches Phänomen. Durch die pandemische Verbreitung wurden weltweit die dafür vorgesehenen Pandemiegesetze aktiviert. Diese übertragen die Handlungsmacht schrittweise den staatlichen Regierungen. Bei höchster Stufe der Dringlichkeit ist die Handlungsmacht vollständig in den Händen der staatlichen Exekutive, die fachlich-medizinische Expertise ist nur noch beratender Natur. Dadurch ist Covid-19 inzwischen genauso stark ein politisch-gesellschaftliches Phänomen wie ein medizinisches.

Eigenverantwortung – auch für die Welt

Gesellschaftspolitisch hat die Frage zwei Seiten. Erstens: Wie weit muss der Staat mit seinen behördlichen Vorgaben gehen, damit die Pandemie nicht aus dem Ruder läuft? Zweitens: Wann muss der Staat sein Durchregieren mit Verordnungen unter Notrecht wieder beschränken, weil er sonst die Grundrechte zu stark verletzt? Über diese Fragen sind heute in vielen Ländern die Meinungen gespalten. Während beispielsweise in Italien, Frankreich und der Schweiz gegen die staatlichen Vorgaben Widerstand artikuliert wird, gibt es etwa in Brasilien Demonstrationen gegen die Regierung, unter anderem weil zu wenige Impfmöglichkeiten bereitstehen.

Auch in der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung lebt die Frage, wie viel Verantwortung in der aktuellen Situation dem Individuum zukommen soll und wie viel dem Staat. Die individuelle, selbstverantwortete Freiheit gehört zur Würde des Menschen und ist ein Grundwert der Anthropo­sophie. Ich meine, dass die tätige Anthroposophie in der Selbstverantwortung eine ihrer Quellen haben muss.

Die Eigenverantwortung bezieht sich zwar schnell zu stark auf sich selbst, sie gilt aber genauso stark der Welt – hier auch die soziale, die staatliche Welt –, in der ich lebe. Es geht also um die Herausforderung, aus Eigenverantwortung die gemeinschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Können wir das? Können wir das in unseren gemeinschaftlich getragenen anthroposophischen Institutionen?

Je mehr wir es wollen und können, desto mehr kann und soll sich der Staat zurückziehen. Gerade weil er als moderner säkularer Staat auf der Mündigkeit seiner Bürger basiert, soll er sich aus seinem selbst auferlegten schattenhaften Zwang, für die Gesundheit aller kollektiv verantwortlich zu sein, zurücknehmen.

Ueli Hurter, Goetheanum

So lautete der Leitartikel im Anthroposophie weltweit 11/2021 vom 29.10.2021.

Die ganze Ausgabe finden Sie hier : https://anthroposophie.org/de/newsletters/anthroposophie-weltweit-nr11-2021