Liebe Freunde,
Inmitten der wachsenden Verunsicherung und des bangen Rückzugs sind gute Nachrichten vielleicht willkommen und der Austausch angemessen. Ich beginne jetzt mit dieser Art der Verbreitung von Gedanken und Impulsen, weil eben für diese unsere Zeit das Verständnis nicht leicht zu erringen und folglich Sicherheit im Handeln schwer zu gewinnen ist. Es ist ein innerer Impuls, ich möchte niemandem damit zu nahe treten und bin für Anregungen und Korrekturen dankbar.
Während jetzt in Deutschland so viele Menschen sich in einer Geschwindigkeit infizieren, wie es selbst ausgewiesene Fachleute eingedenk der Erfahrungen in Italien und China hierzulande nicht erwartet hatten, möchte ich den Blick auf drei Beispiele aus meinem Umkreis und dann auf einige Nachrichten aus dem weltweiten Geschehen lenken, die meiner Ansicht nach Beachtung verdienen.
Auf meinem Rückflug von Äthiopien am Sonntag saß ich im letzten Flugabschnitt neben einem Hamburger, dessen Bruder sich bereits beim Skifahren in Tirol mit COVID-19 infiziert hatte. Ihm ging es nicht gut, auch wenn die Symtome zu der Zeit noch nicht dramatisch waren. Bei meiner Ankunft erfuhr ich dann von einem Vortragsredner aus einem kleinen unserer Nachbarländer, daß er die Erkrankung bereits hinter sich hatte. Ganz seinem Temperament entsprechend hat er, obwohl statistisch zur Hochrisikogruppe zählend, die Sache in drei intensiven Tagen durchgemacht: Nach drei Tagen Fieber und "viel Schnaps" ging es ihm wieder gut. Er hielt am Samstag wieder einen gut besuchten Vortrag, wohl den letzten für geraume Zeit. - In einem anderen, auch nicht sehr großen Nachbarland bringt eine befreundete Familie die Zeit in Quarantäne zu, nachdem die Mutter, ebenfalls nicht mehr jung, sich infiziert hatte. Auch ihr geht es inzwischen wieder gut und von weiteren Ansteckungen in der Familie habe ich bisher nichts erfahren.
Das darf aber nicht ablenken davon, daß es die schweren Krankheitsfälle selbstverständlich gibt und da ist Wachsamkeit geboten. Da die Grippe-Zeit allmählich abnimmt, ist bei neu auftretenden Infekten immer wahrscheinlicher, daß es sich um das Corona-Virus handelt. Wer bei sich Fieber oder Husten feststellt, sollte seinen Arzt anrufen und nicht gleich ins Krankenhaus fahren. Die Gefahr, sich oder andere dort zu infizieren ist erheblich und eine Therapie bei diesen, vergleichsweise harmlosen, Symptomen nicht möglich.
Anders sieht es bei auftretender Atemnot, Kurzatmigkeit aus. Hier kommt es darauf an, keine Zeit zu verlieren und sich die Anzeichen nicht etwa durch andere Umstände klein zu reden. COVID-19 ist eine Erkrankung der Atemwege, die sich rasch auf die zentralen inneren Organe ausbreiten und dann fast zeitgleich Lungen, Kreislauf und Nieren zum Versagen bringen kann. Auf einen von fünf Fällen trifft das jetzt schon zu. Und davon sind nicht nur ältere Menschen betroffen. In Deutschland sind es gerade die knapp über Fünfzigjährigen, die hauptsächlich die Intensivbetten belegen. Das sah in anderen Ländern anders aus. Wer die momentanen Einschränkungen für übertrieben hält, versetze sich einmal in die Situation derjenigen, die in unter großem Zeitdruck jetzt verantwortliche Entscheidungen treffen müssen für die sie schlicht auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen können: In Italien ist die Zahl derjenigen, die Beatmung dringend zum Erhalt des Lebens bräuchten auf das Achtfache der Möglichkeiten angestiegen.
In Südkorea wandte sich eine große Kirchengemeinde, die ihre Mitglieder vergleichbar den Zeugen Jehovas anwirbt und wie sie ein ausgesprochen wörtliches Verständnis der Bibel pflegt, gegen die angeordneten Sicherheitsmaßnamen. Das Virus, das in Südkorea einen Monat nach dem Auftreten in China durch Reisende aus Wuhan auftrat, nahm, nachdem es einen Monat lang sich ausgesprochen langsam verbreitet hatte (31 Fälle), plötzlich und lokal konzentriert dramatisch an ansteckender Wirkung zu. Bis zum 3. März wurden 4812 Menschen positiv getestet. Von den Infizierten gehörten 2698 (56,1%) der Shincheonji-Sekte mit Sitz an diesem Orte an.
In Griechenland stellte sich die Leitung der orthodoxen Kirche gegen die dringenden Empfehlungen der Sicherheits-bestimmungen mit der vehementen Behauptung, vom Kelch könne keine Krankheit ausgehen. Sie war nicht bereit, auch nur zeitweise die allgemeine Kommunion dahingehend abzuändern, daß nicht aus dem gleichen Kelch getrunken werde. Die Staatsführung musste daraufhin alle Gottesdienste unterbinden.
Auch Äthiopien ist ein Land, das mehrheitlich ganz stark von der orthodoxen Tewahedo-Kirche geprägt ist. Die mit Teppichen ausgelegte Kirche wird barfüßig; betreten, der Boden vor ihr, zumindest aber der Torpfosten lange geküßt, dazu die Ikonen und die Handkreuze der Priester. Diese Bräuche sind sehr tief in der Kultur veranlagt und werden ebenso schwer zu vermeiden sein, wie das dreimalige Küssen auf die Wange, das auch in Ländern wie Italien und Griechenland üblich ist. Zudem ist aber auch die Seelenhaltung eine völlig andere als hier im mittleren Europa: Während hierzulande der selbstverständliche Zugang ein rational verstandesmäßiger, nach naturwissenschaftlicher Fundierung und schriftlicher Belegung suchender ist, leben die Menschen dort in einer innigen Gebetshaltung und Gottergebenheit, wie sie vielleicht mit dem Begriff der Empfindungsseele angedeutet werden kann. Sie tragen eine Glaubenskraft in sich, wie sie mir noch nirgendwo zuvor begegnet ist und leben ganz und gar in der Tradition mündlicher Überlieferung, die jeder gut kennt und bei jeder Gelegenheit heranzieht. Das hat für die meisten Menschen viel mehr Gewicht, als der selbst gebildete Gedanke. Daher sind die Worte und Weisungen der Priester von höchster sozialer Wirkungskraft. Es wird schwer werden, in diesem Land, in dem selbst HIV-Infizierte durch morgendliches Überschütten mit heiligem Wasser von Geistlichen behandelt werden, eine der jetzigen Gefahr angemessene Bewußtseinshaltung zu verankern.
Tmkat-Fest (Epiphanias-Zeremonie) in Gondar, Äthiopien
Hinzu kommt ein anderes Problem: Am letzten Tag meiner Rückreise sah ich Fernsehspots, in denen vor der
anmutigen Kulisse sich bewegender Modelle des Corona-Virus schriftliche Hinweise auf Amharisch gegeben werden, wie
man sich die Hände waschen und desinfizieren sollte. Nun ist Amharisch nur die hauptsächliche offizielle Landessprache in dem mindestens 85 Ethnien und Sprachen zählenden Land. (Gelehrte sprechen von bis zu 110 und darin sind die örtlichen Dialekte nicht mitgezählt). Viele Menschen verstehen diese Sprache, die die Sprache des traditionell vorherrschenden Stammes ist, nicht. Mehr als die Hälfte können aber auch nicht lesen.
Ich fragte mich, ob es nicht besser wäre, wie bei uns in Deutschland das Händewaschen bildlich vorzuführen. Doch musste ich auch daran zweifeln: Wenn selbst in gehobenen Mittelklassehäusern der 10 Millionen-Metropole (Schätzung, zählen läßt sich dies in Addis nicht) fließendes Wasser nur zwei- bis dreimal wöchentlich verfügbar ist, weil das alte Leitungssystem eben nicht mit der Bevölkerung gewachsen ist, wenn auch die Klospülung mit bereitgestellten Wassereimern funktioniert (selbst in besseren Restaurants) - wozu dann alles? Es bedarf größter Willensdiziplin, einen Waschraum und eine Toilette rein zu halten, wenn überall das Wasser fehlt. Viele Menschen werden sich nur noch inständiger ins Gebet vertiefen, noch häufiger die Kirchen aufsuchen und ihr Schicksal annehmen, wie es ihnen zukommt. Eine Krankenversicherung gibt es nicht. Und gegessen wird, wie überall in Afrika, per Hand und für gewöhnlich teilt man seinen Teller mit den anderen.
Zudem hat der Osten Afrikas ein momentan noch weitaus größeres Problem als den Corona-Virus: Die von Pakistan aus dank der klimatischen Erwärmung über Indien und das rote Meer eingefallenen Heuschrecken-Schwärme, die in Kenia und Tanzania, in Somalia und Eritrea und im Süden Äthiopiens in Verbänden von bis zu 200 Milliarden Tieen (60 Km lang und 40 Km breit) alles, was wächst und Nahrung bringen könnte in einem Augenblick verheeren. Dagegen wurden (allerdings zu spät) Flugzeuge mit Pestiziden eingesetzt, deren Gift auf mindestens dreißig Jahre hin das Grundwasser, die Wassertränken für die Tiere und die Brunnen für die Menschen verseuchen wird und, wo es eingesetzt wurde, neben einigen Heuschrecken auch alle Bienen und sonstigen Insekten abgetötet hat. Die Tiere haben genug Zeit gehabt, ihre Eier einige Zentimeter tief in= der Erde abzulegen. Dort werden sie durch kein Gift mehr erreicht. Wenn nun die Regenzeit beginnt, kann sich die Zahl der Tiere noch um das Fünfhundertfache mehren. - Afrika hat viel gesehen, doch einer solchen Plage stehen die Menschen unvorberitet gegenüber. Sie haben Vergleichbares noch nicht erlebt - doch jeder kennt die Androhungen der Gottesstrafen in den Büchern Mose.
Heuschrecken-Einfall Äthiopien, Frühjahr 2020
Am Tag vor meiner Abreise hatte ich die Freude, ganz im Norden Äthiopiens das Projekt Finks Hawzien besuchen zu dürfen, das Dr. Atsbaha Gebre-Selassie zusammen mit Dorothea Roenpage vor 20 Jahren gründete: Ein Kindergarten mit 120 und eine Schule mit 240 Kindern in freier Trägerschaft mit dem Ziel der Waldorfpädagogik einen ersten Wirkungsgsort in Äthiopien zu geben. - Auf dem weiträumigen Gelände hat Atsbaha bereits über dreihundert Bäume der verschiedensten, auch europäischen Sorten gepflanzt und trägt für die Bewässerung der Jungbäume Sorge. Sie sollen dem Ort mit der Zeit immer mehr Schatten und ein verändertes Mikroklima geben, einen leisen Windzug zum Beispiel. Bei unserem Besuch dürfen wir zusammen mit den Helfern dort drei neue Bäume pflanzen und ihnen Namen geben. Dann machte Atsbaha sich wieder auf den Weg in den Süden des Landes, wo er im Hauptberuf etliche Projekte für Misereor betreut. Der in Witzenhausen bei Kassel ausgebildete Agrarwissenschaftler hat eine enorme Arbeit vor: Mit allen nur erreichbaren Kräften sollen die Eier der Heuschrecken auf den Ländereien der Projekte ausgegraben und vernichtet werden, bevor die Regenzeit beginnt und die geschlüpften Jungtiere den Himmel schwärzen. Atsbaha wird kein Gift einsetzen. Es würde auch nicht helfen.
Dr. Abiy Ahmed, Premier Äthiopiens und jüngster Träger des Friedensnobelpreises, hat in dieser Woche mit Jack Ma, dem chinesischen Gründer der Alibaba-Online-Handelsplattform eine für ganz Afrika existentiell bedeutende Großspende des Geschäftsmannes ausgehandelt: Er wird an jedes der 54 afrikanischen Länder 20.000 Testeinheiten, 100.000 Gesichtsmasken, 1000 Schutzanzüge, sowie Instruktionsbücher zur Bekämpfung des Corona-Virus liefern, für deren Verteilung durch Ethiopian Airlines Abiy Ahmed perönlich verantwortlich zeichnet. Außerdem wird Jack Ma mit den Gesundheitsbehörden aller 54 Staaten in medizinischer Beratung durch chinesisches Personal zusammenarbeiten, solange das gewünscht wird. Diese Hilfe ist für den Kontinent, auf dem es bislang nur in Ägypten, Senegal und Südafrika Laboratorien zur Untersuchung von Coronaviren gab (alle Blutproben mussten bisher dorhin geschickt werden, das gilt es bei den Zahlen von Betroffenen zu bedenken), ein unglaubliches Geschenk!
Man muß hoffen, daß dies auch Abiy Ahmed hilft, in dem von ambitionierten Aufwieglern zunehmend religiös und stammesmäßig gespaltenen Land bei den Wahlen im August zu bestehen. Seine Führung und deren ganz ungewohnter Stil, sind für das sich rasch entwickelnde Land wichtig.
Dr. Abiy Ahmed und der chinesische Geschäftsmann Jack Ma in Addis Abeba anfang dieser Woche
Es grüßt herzlich aus Hamburg,
David Plum