„Beim Zerstören gelten alle falschen
Argumente, beim Aufbauen keineswegs.
Was nicht wahr ist, baut nicht.“
Goethe, Maximen und Reflexionen

NachDemBrand 1 Goetheanum(Brand erstes Goetheanum 1923)
Gliederung
Gesellschaftsorganismus, Verteidigung
Gesellschaftswille, Mitglied werden
Zweigidentität und Selbstbeobachtung

Gesellschaftsorganismus, Verteidigung
„In der Zukunft wird es so sein, daß alle Aufgaben, die der Einzelne hat, Aufgaben der Gemeinschaft sein werden, und daß jeder die Aufgaben der Gemeinschaft zu seinen eigenen machen muß. Anders wird es nicht gehen. Aber so etwas kann man nicht organisieren, sondern nur assoziieren.“
(GA 217a, Seite 48)


Die Anthroposophische Gesellschaft ist nur ein kleiner Teil der Gesamtmenschheit,
wurde von Rudolf Steiner aber Weihnachten 1923 organisch neu gegründet, als Hülle für das Lebewesen Anthroposophie. Wie für andere Lebewesen auch folgen daraus spezifische Lebenszusammenhänge und Aufgaben, wie Bilden und Schützen der Lebensbedingungen. Ein besonderes Merkmal dieses Lebewesens ist das Fortbestehen der Mitglieder-Zusammengehörigkeit über den Tod hinaus. Was wurde aber tatsächlich verwirklicht seitdem? Was Rudolf Steiner über die Waldorfschule sagte, passt auch hierher:
„Wenn von Organisation gesprochen wird, so meint man heute gewöhnlich, daß man irgendetwas organisieren soll, irgendetwas einrichten soll. ..organisieren
kann man eigentlich nur dasjenige, was in einem gewissen Sinne mechanisch ist. Man kann die Einrichtung irgendeiner Fabrik, irgendeine andere Institution organisieren, wo die Teile zu einem Ganzen zusammengehalten werden sollen. Aber denken sie sich nur, wie absurd es sein würde, man solle den menschlichen Organismus organisieren. Er ist organisiert, er ist da, und man muß ihn als einen Organismus hinnehmen. Man muß ihn studieren. Man muß seine Einrichtungen als die eines Organismus kennenlernen.“
(23.8.1922 in Oxford GA 305 Seite 128)


Erneuerungsimpulse ergeben sich folglich aus dem tieferen Verstehen des anthroposophischen Gesellschaftsimpulses selber. Auch mögliche Metamorphosen bisheriger Formen machen nur Sinn, wenn sie sich aus dieser Suche ergeben. Heute blicken wir auf eine über hundertjährige Geschichte. Wenn die Anthroposophie oft als hell strahlend erlebt wird, so die Gesellschaft eher als: Das ist nichts für mich. Ist da was änderbar? Anthroposophie kann sich von
der Gesellschaft lösen, wenn sie beispielsweise nicht mehr zu ihr passt. Wie stünden Hochschule und Anthroposophische Initiativen eigentlich da, wenn die
Gesellschaft aufgelöst wäre? Es gilt, Anthroposophie zu pflegen und umsichtig zu verteidigen, wo es angebracht ist. Gegnerschaft ist in mir selber auffindbar, und
außerhalb. Karl Heyer hatte einen meisterhaften Umgang mit der Gegnerfrage:

„Drei Phasen lassen sich in der Gegnerschaft gegen Rudolf Steiner und die  Anthroposophie unterscheiden:

  1. Ignorieren bzw. Totschweigen,
  2. Anfeindung und Bekämpfung mit allen Mitteln,
  3. das Plagiat.“
    (Wie man gegen R. Steiner kämpft)


Gesellschaftswille, Mitglied werden:
Für gesellschaftlichen Zusammenhalt braucht es neben dem vorhandenen Willen der Individuen einen zusammenführenden Gesellschaftswillen. Dieser Wille kommt nicht einfach durch Zusammenschluss zustande, denn das Individuelle ist unerlässlich. Wie entsteht er?
Am 18. September 1916 sagte Steiner: „In unserem Kreise ist so viel verbreitet die Sehnsucht, zu vergessen. Und so sind wir noch nicht der lebendige Gesell-schaftsorganismus geworden, den wir brauchen, beziehungsweise den die Menschheit braucht. Dazu ist vor allen Dingen notwendig, dass wir uns Gedächtnis aneignen für das, was wir durch das Leben in der Gesellschaft lernen können.“ „Nicht bloß, um angenehme Erkenntnisse zu haben, sollten wir uns verbinden, sondern um einen heiligen Dienst der Wahrheit im Interesse der Evolution der Menschheit zu leisten.“ (GA 171 Seite 70)
„Insofern der Dornacher Bau zustande gekommen ist, ist sie eine Gesellschaft. Aber vieles andere namentlich wird unterlassen, wodurch deutlich gezeigt wird, daß die Anthroposophische Gesellschaft sich gar nicht als Gesellschaft auffaßt, sondern als eine Summe von einzelnen sektiererischen kleinen Kreisen. ... Es ist mir sehr unangenehm, daß ich es betonen muß, aber es ist in der Anthroposophischen Gesellschaft vielfach gerade die Tendenz vorhanden, mich totzuschweigen, und da ist das Persönliche mit dem Sachlichen eben verknüpft. Dadurch – weil alles dasjenige nicht getan wird, was sonst eine Gesellschaft tut – kommt es, daß nur das als Giftblasen an die Oberfläche kommt, was die abgefallenen Mitglieder an Geschimpfe in die Welt setzen.“ (Steiner GA 183, Seite 187)
Gibt es im Organischen etwas Gesundes, dass immer nur wächst und keine Lebensphasen durchmacht?
Wie passt Mitgliederwerbung jedweden Alters zu einer geisteswissenschaftlichen Gesellschaft, die auf Freiheit des Individuums baut? Darf ich in den Willen des Mitmenschen eingreifen und ihn überzeugen Mitglied zu werden? Niemals. Johannes Neumeister erinnert sich an sein Gespräch mit Rudolf Steiner 1919: „Es folgte in dem Gespräch noch manches Persönliche, und zum Schluss bat ich Dr. Steiner, in die Anthroposophische Gesellschaft aufgenommen zu werden. Er schaute mich wiederum recht ernst an und sagte unendlich gütig: „Nun, das sollten Sie sich doch noch einmal überlegen.“ Ich sagte darauf: „Ich will mir’s nicht überlegen, ich will Mitglied werden.“ Er sagte daraufhin. „Lassen Sie sich doch Zeit dazu.“ (Erinnerungen an R.S. Seite 214)
„Die Jugend wünscht richtig altgewordene Menschen, nicht bloß alt aussehende mit Runzeln und weißen Haaren und glatzigen Köpfen, die aber im Grunde genommen in alten Herzen so jung sind wie sie selber, sondern die Jugend will solche Menschenwesen, die verstanden haben, alt zu werden, also zugenommen haben mit dem Altwerden an Weisheit und Kraft. Die Jugendbewegungsfrage würde leicht gelöst werden können, wenn man sie eben in ihrer ganzen kosmischen Bedeutung erfassen würde...‘‘ (GA 222 Seite 89)
,,Wir werden die Erfahrung machen, je mehr Ruhe, agitationslose Ruhe wir entwickeln können, desto mehr Leute kommen an uns heran, während wir durch eine brüske Agitation die Leute geradezu zurückstoßen werden. Wenn ein öffentlicher Vortrag gehalten wird, geschieht es nur, damit gesagt werde, was gesagt wer-den muß; wer es aufnehmen will, kann es aufnehmen. Insofern muß unser ganzes Leben innerhalb der geisteswissenschaftlichen Bewegung ein Abbild des Geistigen sein, daß wir das, was geschehen soll, geschehen lassen und es abwarten mit Ge-mütsruhe.‘‘ (GA 140 Seite 64)

Zweigidentität und Selbstbeobachtung
In ihrem Rückblick auf die eigene Vorstandstätigkeit nannte Virginia Sease
drei Bedingungen, die dem nützlich sein können, der gesellschaftlich wirken will: „Eine Bedingung ist das Anknüpfen an das schon Geleistete – wo es möglich und richtig ist... Als Zweites die Kontinuität im Vollzug der Aufgabe.... Kontinuität ist eine sehr gute Korrektur für Willkürlichkeit, die zwei Gefahren in sich birgt: Ein-mal kann sie leicht zur Steigerung des Egoismus, der Selbstentfaltung führen, zum anderen kann sie Chaos ins schon Errungene bringen. Zum Dritten sehe ich die Vereinbarung als Vertrauensgrundlage als unerlässlich... die Vereinbarung wirkt als große Kraft.“
(Anthroposophie weltweit Nr. 5/15)
‚,Und es war ja durchaus nötig, die Gesellschaft vor dem Eindringen aller derjenigen inneren Unwahrheiten zu bewahren, die mit der falschen Sentimentalität zusammenhängen. Eine geistige Bewegung ist ja diesem Eindringen immer aus-gesetzt. (...) Das Künstlerische, das von Empfindung und Gefühl zwar getragen wird, das aber aufstrebt zur lichterfüllten Klarheit in der Gestaltung und Anschauung, kann das wirksamste Gegengewicht gegen die falsche Sentimentalität geben. (...) Es war eine fortdauernde Gegenwirkung gegen dieses innerlich unwahre sentimentale Element notwendig. Denn in eine geistige Bewegung dringt es immer wieder ein. Man kann es nicht etwa ein-fach abweisen, oder ignorieren... Aber es wird ihnen zunächst schwierig, zu dem mitgeteilten Inhalt aus der geistigen Welt ein festes Verhältnis zu gewinnen. Sie suchen in der Sentimentalität unbewußt eine Art Betäubung. Sie wollen ganz besondere Wahrheiten erfahren, esoterische. Sie entwickeln den Drang, sich mit diesen in sektiererischen Gruppen abzusondern. Das Rechte zur alleinigen orientierenden Kraft der Gesellschaft zu machen, darauf kommt es an. (Steiner 37. Kapitel, Mein Lebensgang)
Als mögliche Selbstbeobachtung, nicht als altkluge Belehrung gemeint, ein paar Fragen für diejenigen, die etwas verändern wollen, aber nicht wissen, wie oder was.
Wie arbeiten wir? Haben wir zu wenig / zu viel Struktur? Wie arbeiten andere Gruppen? Ist die Uhrzeit der Treffen auch für Berufstätige erreichbar? Interessieren sich die Mitglieder füreinander? Hat der Zweig einen gut gelaunten Ansprechpartner? Wo und wie veröffentlicht die Gruppe ihre Aktivitäten? Gibt es eine feste Rollenverteilung, wechselt sie manchmal? Wie ist die Arbeitsmethode? Jahresfeste sind Samenkörner – oder Tradition? Auch unbekannte Redner haben vielleicht etwas zu sagen? Wie finde ich den Zweig als Ortsunkundiger? Wie aus-gewogen sind gegensätzliche Kulturströmungen vertreten? Was sind ihre Merk-male?
Abschließend noch eine mögliche Situation: Der Zweig ist überaltert, Ende nah, niemand da, um die Fackel weiter zu reichen. Oder es ist für ein Einzelmitglied in erreichbarer Nähe keine Gruppe da.
„Wenn die neue Pflanze hervorgekommen ist, dann hat der alte Keim seine Aufgabe erfüllt; er beansprucht nicht mehr, als eine Pflanze hervorzubringen. Diese Pflanze wird aufgerufen durch den Kosmos wieder einen Keim hervorzubringen.“ (GA 162, Seite 32, 24.5.1915)