Dieser Beitrag ist eine Abschrift des Referates das Frau Helga Klotz in der Woche vor Ostern 2018 im Zyklus: Ein Weg nach Ostern gehalten hat.

  1. Was ist es das der Mensch sucht wenn er den heiligen Gral sucht?
  2. Ist diese Suche eine Suche weniger "Berufener", oder geht das jeden Menschen an, ist das ein Ruf an Jedermann?

Wir haben uns mit der Gestalt des Parcival beschäftigt, mit den außergewöhnlichen Bedingungen seiner Kindheit, seinen ersten Begegnungen mit der Welt draußen und den Entwicklungsschritten, die er machte, um schließlich ein Fragender zu werden.
Ich möchte heute versuchen, das Gralsgeschehen selbst in den Zusammenhang der Menschheitsgeschichte einzuordnen.


Dazu muss ich einen Bogen spannen:
In der Menschheitsentwicklung gibt es einen Wendepunkt durch das Eintreten des Christus. Es gibt ein Vorher, eine alte vor christliche Welt und ein Nachher durch einen neuen Einschlag in die Entwicklung. Ein großer Atemzug: Vorher atmet der Mensch alle kosmische Weisheit ein durch Inspiration göttlicher Wesen und gestaltet danach sein Erdenleben, nachher wird das Aufgenommene ausgeatmet, in dem der Mensch ein eigenständiges Wesen wird, das schaffend mitgestaltet an der Welt aus seinen eigenen Kräften.
In der Übergangszeit (4.Epoche) musste das gewaltige Wissen der Vergangenheit vergessen werden, die alten Götter zogen sich zurück, denn der Mensch sollte unbeeinflusst, frei, aus dem eigenen Ich heraus etwas Neues schaffen.
Dadurch, dass der Mensch abgeschlossen war in seiner Seele vom unmittelbaren Verkehr mit der geistigen Welt, entwickelte er eigene Verstandeskräfte. Mit Ihnen wandte er sich nun ganz der Erde zu, wendete den Blick ab von den Vorgängen der Sternenwelt.

Aber die alte Sternenweisheit, die ins Unterbewusstsein versunken ist, ist in den Seelen drinnen; sie muss erweckt werden, muss wiedererkannt werden, das heißt sie muss vom menschlichen Ich ergriffen werden. Das erfordert ein Erwachen der Seelen, ein Erwachen zu sich selbst.
Deshalb hat man im Mittelalter um das erwachen des Ich gerungen und die Menschen auf das Fragen sollen hingewiesen: Zu fragen nach den Geheimnissen des Kosmos wie auch den inneren Geheimnissen des Menschen.
Durch das Fragen löst sich der Mensch aus der umgebenden Welt heraus, er ist nicht nur ein Erlebender, sondern stellt sich aktiv der Welt gegenüber, fragt nach dem, was da draußen ist, will wissen und erkennen, um dann, wenn er das Draußen erkannt hat, sich um zuwenden und nach sich selbst zu fragen: Was bist du Mensch? Diese Seelenhaltung musste errungen werden!

Im Parcival Epos kommt uns diese Forderung entgegen: Parcival versäumt zu fragen, weil er noch nicht wach ist.Sein Ich lebt in der Dumpfheit, und er muss einen langen Leidensweg gehen, um Fragender zu werden, um zu erwachen, um zu erwecken, was vergessen ist.

In der Geschichte gab es eine Individualität - eine historische Gestalt - die zu früh gefragt hat, in einer Zeit als es dem Menschen noch nicht gestattet war zu fragen. Der Jüngling zu Sais fragte nach dem Geheimnis der Göttin, das er enthüllt haben will, mit unvorbereiteter Seele. Er verfiel der Seelenfinsternis, dem Tod.
Er wird wieder-geboren als Jünglin zu Nain, der in jungen Jahren stirbt und von Christus vom Tode erweckt wird. Später wird er ein großer Religionslehrer.
Im dritten Jahrhundert nach Christus erscheint er wieder als Manes, als der Begründer des Manichäismus. Er trat in Babylon als Lehrer auf mit einer Lehre, in der alle Weisheit alter Religionen enthalten war. Er erneuerte die alten Mysterien, in dem er sie mit christlicher Weisheit verband, sodass sowohl die Bekenner der babylonisch -ägyptischen Sternenweisheit, die Anhänger der alten Zarathustra-Religion wie auch die Buddhisten Indiens einen Zugang zum Christusimpuls bekamen. - Er verkündet die Erlösung des Bösen als die höchste Aufgabe des Menschen. Rudolf Steiner sagt von Ihm, dass er nach dem Tod als Sendbote des Christus zum Lehrer des Zarathustra, des Buddha und des Skytianos wurde.

Diese hoch entwickelte Seele wird wieder-geboren als der Sohn der Herzeloyde. Nun muss er als der reine Tor vor die Welt treten. Alles, was Manes an altem und neuem Wissen aufgenommen hatte, musste untertauchen, d.h. vergessen werden . Ganz neu musste er beginnen als tumber Tor.

Parzival erfährt nichts von allem, was in der äußeren Welt vorkommt. (Anmerkung P. Scheeder: zumindest nicht aus Erzählungen oder Geschichten darüber also nichts vorgefertigtes, sondern dann aus reiner eigener Erfahrung). In der Einsamkeit der Natur soll er heranwachsen, nichts wissen von den Menschen draussen, von ihrer Kultur, nichts wissen vom Rittertum und von dem was draußen das Christentum ist. Er erfährt nur das es einen Gott gibt. Dem will er dienen. Aber der Drang zum Rittertum ist stark und treibt ihn hinaus.
Er kommt zur Gralsburg,
erlebt dort die Wunder des Heiligen Grals: Gralskönig ist, wer erkennt, wie im Menschenwesen der Kosmos wirkt.
den kranken Amfortas, der es nicht geschafft hat Gralskönig zu werden. In seiner Wunde wirkt das Gift der Selbstsucht, der Leidenschaft. Das hindert ihn, durchzubrechen in die geistigen Tiefen seines Wesens, zu dem dort verborgenen Weisheits-Reichtum, zu dem verborgenen Sternenwissen. Amfortas musste das unter Leiden erleben, das Erkennen der Sterne bereitete ihm Schmerzen. Er fand nicht den Weg von der Natur-Notwendigkeit, vom Zwang der Natur, zur Freiheit der Seele.

Der moderne Mensch trägt den siechen Amfortas ins sich und muss ihn erlösen durch die Kraft des spirituellen Denkes, das sich zur imaginativen Anschauung wandelt und die rechten Gralsfragen stellen kann. Denn das Fragen wird in der Aktivität der Seele geboren, in der freiheit von aller äußeren Notwendigkeit.

Und Parcival fragt nicht! - Der reine Tor war noch nicht wach genug in einer Situation , die höchstes Bewusstsein erfordert hätte.

geistige Führung:
Parzival sollte nicht vorbereitet, er sollte unwissend, mit jungfräulicher Seele zum Heiligen Gral geführt werden. Aus der Reinheit seiner Seele, unbeeinflusst von allem äußeren Leben, sollte er den neuen Weg finden. Fragen sollte er, nach dem Gral, (aber nur) mit dem Christus-Impuls in den verborgenen Untergründen seiner Seele. Er musste den Trieb entwickeln , das, was in den Tiefen der Seele lebt, zu entfalten - durch Fragen.

Nachdem Parzival die Gralsburg verlassen hat und das wichtigste versäumt hat - zu fragen kommen in seine Seele der Zweifel, der Unglaube, die innere seelische Finsternis. Er geht durch die Qualen des Zweifels, zweifelt an Gott und an sich selbst, und langsam ringt sich in ihm die Erkenntnis seines höheren Wesens durch. Sein Weg ist ein innerer, menschlicher Weg, der zeigt, wie der Mensch zu seinem Ich findet.

Durch die Schulung des Trevrizent erfährt Parzival eine Erlösung: vergessene Weisheiten werden aus Seelentiefen ins wache Bewusstsein herauf gehoben. Trevrizent lehrt ihn, Gott in seiner Liebe zu erkennen, das Böse als Weltnotwendigkeit zu sehen und die Bedeutung des Todes (der im Leben stattfinden muss, wenn der Mensch sein höheres Wesen finden will) Das bewirkt eine Veränderung, eine Läuterung seines Wesens. Es ist ein Erwachen.
Parzival ist danach erfüllt von einer tiefen Achtung vor allem Lebendigen (er kann fortan nicht mehr Leben zerstören) und er ist erfüllt von einem Mitfühlen können mit aller Kreatur. Das heißt das Leid des Anderen erlebt er als sein eigenes. In seinem höheren Selbst ist er soweit erwacht, dass er sich in ungeteilter Einheit mit allen Menschen fühlt.

Er macht sich wieder auf den Weg zur Gralsburg, kann nun die Fragen stellen: Nach dem Leid des Bruders, d.h. nach dem Menschen - und nach dem Gral, in dem die Christus-Kraft anwesend ist und wirkt, und damit stellt er die Frage nach dem Geheimnis kosmischer Kräfte. Er hat die vergessenen Wesenheiten alter Zeiten erweckt und sie mit dem Christus-Geheimnis verbunden.

.... auf die gestellte Frage eingehen: "Was ist es ...."
Jede Epoche hat ihre der jeweiligen Bewusstseinsstufe angepasste Gralssuche. In der Zeit des Parzivals war das Rittertum der Höhepunkt, von dem aus die Gralssuche begonnen werden konnte. Ein Ritter musste in strenger Selbsterziehung Tugenden erüben, Triebe und Leidenschaften überwinden.
..... die Würde der Persönlichkeit, der Mut zum Abenteuer, die Veredelung der Liebeskräfte (-> Minnedienst) wurden gepflegt. Abenteuer und Kämpfe mussten bestanden werden, vor allem Abenteuer der Seele.

Der heutige Gralssucher bedarf der Waffen und der Rüstung wie derjenige der Ritterzeit: Furchtlosigkeit und Mut sind die Waffen, absolute Wahrhaftigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben, die Rüstung des neuen Gralssuchers. Das einstige Ideal der Menschenwürde wird heute erhoben zur Höchsten Verantwortung vor dem Geist; Der todesbereite Mut wird zum Wagnis, ins Übersinnliche vorzudringen; die Liebesfähigkeit der Minne wird zur Hingabe an Christus.
Vor allem braucht er Mut, das eigene Denken furchtlos zu Weltgedanken zu steigern, bis dahin, wo der Gedanke als Imagination, als Bild, wahrgenommen werden kann. Denn der Zauberstab der aus den Tiefen der Seelen das vergessene Sternenwissen erwecken kann, ist das Leib befreite, reine Denken, das sich zur imaginativen Anschauung wandelt.
Die neue Gralssuche ist eine Denkangelegenheit. Die Denkkraft ist die Seelenkraft, die völlig wach und Bewusstsein-anwesend ist. Von ihr aus werden Fühlen und Wollen durch-gebildet. Dieser Weg, der moderne Gralsweg ist von Rudolf Steiner in der Anthroposophie gegeben. Sie ist die für unsere Epoche gültige Sternenschrift!
Die ganze Erde ist Gralsgebiet. Überall kann der suchende Mensch den Weg betreten.
Was einst von Seelen als Lebendiges geistiges Leben erspürt worden ist, ist ja heute überall in den Seelen drinnen, ins Unterbewusstsein vergraben. Es sind tote Einschlüsse, die der Herrschaft der Seele entzogen sind. Diese vergessenen Eindrücke alte Zeiten, müssen erweckt, herauf geholt werden. Denn dieses "Niemandsland" in der Seele, in das der Mensch mit dem Ich nicht hinein kann, wird ergriffen von dämonischen Mächten und bewirkt Depressionen im Gemüt, Zerstörungstriebe im Willen und eine zunehmende Ent-Ichung.
Aber umdie Gralsburg herum breitet sich der Wald des sinnen-gebundenen Denkens als Hemmnis. Wer diesen Wald durchdringen will, muss als erstes Abenteuer das Wagnis des Denkens bestehen. Das Ziel liegt jenseits des Denkens; aber der Weg dorthin geht vom Denken aus!

In "Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten" ist der Weg der Gralssuche völlig überschaubar angegeben. Sie ist ein freier Entschluss des Menschen, auf dem die Grundkräfte der Seele (Denken, Fühlen und Wollen) geordnet verwandelt werden
Den Inhalt der "Geheimwissenschaft" nennt Rudolf Steiner die Wissenschaft vom Gral. Der Inhalt ist die kosmische Weltentwicklung und die Entwicklung des Menschen. Was gleichbedeutend ist mit: Die Weisheit der Welt und die Weisheit des Menschen. Wo findet die Erkenntnis dieser Weisheit statt?
Nur im Denken des Menschen.
So ist das Menschliche Haupt, als Sitz der Gedanken, die moderne Gralsburg. Unser Schädelgewölbe ist das Gewölbe des Tempels in dem der Gral sich bildet.
Zur Zeit des Mysteriums von Golgatha war der Gral ein irdisches Gefäß Jahrhunderte später erschien er dort, wo ihm eine Burg erbaut wurde von einer Menschengemeinschaft, die sich in seinen Dienst stellte.
Dann wurde er hinweg gehoben, wird in geistigen Höhen bewahrt. Der heutige Gralssucher findet ihn nicht mehr auf der Erde. Die Voraussetzung, den Weg zum Gral heute zu finden, ist die Arbeit an Inneren der Seele. Der Mensch muss seelisch geistig eine eine Metamorphose ins Spirituelle vollziehen. Er muss sich selbst als Geiste erkennen.

Im Innern des Menschen schläft das höhere geistige Leben, ein geistiges Licht, die vergessene alte Weisheit. Sie muss auferstehen - als eine geistige Wiedergeburt.
Damit sind wir bei Ostern angekommen. Auf das Erwachen des geistigen Lichtes weist das Osterfest hin.
"Der heilige Gral ist nichts anders als das tiefste Innere der menschlichen Natur."(R.Steiner)
Der Gralssucher ist auf dem Weg zu seinem innersten Wesen. Das Göttliche in Ihm soll auferstehen.
"Das Osterfest ist das Fest der Auferstehung des Gottes im Inneren des Menschen"(R.Steiner)

Der Weg zum Grals ist der Weg zur Auferstehung!